Der Glücklichmacher

„Dicke Menschen leben länger! – Esst mehr Torte!“ Der deutsche Ernährungswissenschafter Udo Pollmer provoziert gern mit Anti-Diät-Thesen. Doch was er sagt, klingt logisch. Warum oft die Hormone und nicht das Naschen schuld am Übergewicht sind, verrät er hier. Und welches Essen glücklich macht, in seinem neuen Buch.

Er gilt als Albtraum aller Ernährungsberaterinnen und Diätexperten und vermasselt immer öfter den Abspeckgurus das Geschäft mit der Gewichtsreduktion. In seinem Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften forscht Udo Pollmer mit seinem Team und fährt mit seinen Ergebnissen der Diätmafia ordentlich an den Karren. Ein wunderbar befreiendes Gespräch über Essen, Abnehmen und die Frage, woran es bei vielen von uns wirklich hapert.

Sehen Sie sich als Provokateur, der die Menschen aufrütteln will, oder glauben Sie wirklich, dass dicke Menschen länger leben?
Ich bin Naturwissenschafter, um präzise zu sein: Lebensmittelchemiker, und daran gewöhnt, Urteile aufgrund komplexer Analysen zu fällen. Damit sie nachvollziehbar und überprüfbar sind, werden Behauptungen mit Quellen belegt. Es geht nicht darum, Studien mit Gegenstudien zu erschlagen, sondern darum, ihre Aussagekraft zu prüfen. Deshalb geben die Publikationen unseres Hauses den Stand des Wissens und nicht den Stand des Glaubens wieder. Das, was ich vor 20, 30 Jahren gesagt habe, ist heute größtenteils Allgemeingut.

Zum Beispiel?
Als wir 1982 im Buch Iss und stirb erstmals die ganze Belastung von Lebensmitteln mit Schadstoffen, mit Umweltgiften, mit Arzneimittelrückständen beschrieben, haben die Agrarwirtschaft, die Lebensmittelindustrie und die Chemiker laut aufgeschrien. Heute weiß jeder, was Umweltgifte sind. Auch als wir 1994 mit unserem Buch Prost Mahlzeit die Vollwertkost zur Strecke gebracht haben, gab's jede Menge Theater. Aber seither begreifen die meisten, warum sie gesundheitliche Probleme bekommen. Heute ist es auch Allgemeinwissen, dass in unserer Nahrung Stoffe sind, die die Stimmung beeinflussen.

Wir wissen auch vielfach um falsche Diätversprechen, und trotzdem probieren wir alles aus, was uns eine Gewichtsreduktion verspricht. Sind wir unbelehrbar?
Schlank zu sein heißt, anerkannt und geliebt zu werden. Klar, dass dieser Wunsch stärker ist als die Vernunft, die einem sagt, dass Diäten dick und krank machen. Dazu kommt, dass sich unsere Wahrnehmung geändert hat. Was früher normal war, gilt heute als dick. Vor allem die Schlanken wollen noch schlanker werden. Viele Frauen verbringen Jahrzehnte mit der Jagd nach der sogenannten Idealfigur und werden dabei unglücklich. Und das Leben zieht an ihnen vorbei.

Opium fürs Volk
von Udo Pollmer (Hrsg.)
Verlag rororo,
€ 8,95

Auch schon junge Frauen sind bestrebt, ihre Figur zu halten oder abzunehmen ...
Sie sind davon überzeugt, dass sie endlich das schaffen, was ihren Müttern versagt geblieben ist: der Diäterfolg. Aber der hat nichts mit Intelligenz oder Konsequenz zu tun, sondern mit dem Körperbau. Jeder Mensch hat seinen eigenen. Nach ihm richtet sich auch die Reaktion des Körpers auf Diäten. Schlanke werden von Diäten noch dünner, Dicke werden dicker. Die Figur wiederum hängt vom Lebensalter ab. Deshalb sehen Mädchen anders aus als Greisinnen, deshalb schwindet mit der Zahl der Geburten die Taille, deshalb bekommen Männer bei der Geburt des ersten Kindes eine Wampe. Das sind rein hormonelle Reaktionen. Unseren Körperbau, unsere Konstitution verdanken wir unseren Eltern. Wer der aktuellen Idealfigur entspricht, hat eben Glück gehabt - sonst gar nix. Und darauf braucht sich wirklich niemand etwas einzubilden.

Warum lassen wir uns so von der Diätindustrie beeinflussen?
Das Befinden über die eigene Figur hängt mit dem gesellschaftlichen Einfluss zusammen. Sehen Sie sich Ihren Körperbau und Ihr Alter an: Mit fortschreitendem Alter steigt bei jeder gesunden Frau der Fettanteil. Und hier haben wir das Problem: Das gefällt denen heute nicht mehr. Sie wollen auch mit 50 noch so aussehen wie mit 23. Aber alle Säugetiere nehmen im Laufe des Lebens zu, der Fettanteil steigt. Das ist normal, das ist gesund!

Wir werden uns wohl nur nicht so schnell von gesellschaftlichen Dogmen verabschieden können. Und die lauten: Nehmt ab - nur dünn ist gut!
Deshalb wird in Zukunft auch vermehrt zu heimlichen, ach was sage ich, zu unheimlichen Helferchen gegriffen. Junge Frauen rauchen, weil sie hoffen, so ihre Figur zu halten. Andere greifen gleich zum Kokain. Diese Abnehmdroge hat mittlerweile schon die Mittelschicht erreicht. Und im Fernsehen faseln die Stars und Sternchen aus Hollywood was von Fitnesstraining, Rohkost und vegetarischer Lebensweise. Wohl, weil Kokain rein pflanzlich ist?

Was sollen wir Ihrer Meinung nach anders machen?
Werfen Sie Ihre Kalorientabelle in den Kamin! So können Sie wenigstens die darin enthaltenen Kalorien zum Heizen verwenden. Dicke Menschen brauchen keinen Diätplan. Was sie brauchen, ist eine Diagnose. So wie man Fiebernde auch nicht auf Normaltemperatur herunterkühlt, sondern die Krankheit behandelt. Schon lange kennt man die wichtigsten Faktoren, die unser Gewicht beeinflussen. Aber darüber schweigt die Gemeinde der geldgierigen Diätpriester beharrlich. Einer davon ist das Cortisol.

Bitte klären Sie uns auf: Was ist Cortisol?
Beginnen wir mit etwas, was viele kennen: das Medikament Cortison. Bei regelmäßiger Einnahme tritt das sogenannte Cushing-Syndrom auf, das zu körperlichen Veränderungen führt, unter anderem zum heute so verteufelten Fettbauch. Die wichtigsten Nebenwirkungen sind aber Diabetes, Herzinfarkt und Knochenschäden. Cortison ist gleichbedeutend mit Cortisol, einem Stresshormon, das der Körper selbst produziert und so wirkt wie Cortison. Wenn Sie Ärger haben und das über einen längeren Zeitraum hinweg, wenn Sie Groll hegen, Demütigungen ausgesetzt sind, sich in einer ausweglosen Situation befinden - führt all das zu einer erhöhten Cortisolproduktion. Und die kann zu Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes führen - alles Dinge, die üblicherweise gern auf Fettleibigkeit zurückgeführt werden. Doch nicht der dicke Bauch ist die Ursache, sondern der Ärger, die Verzweiflung, die Aussichtslosigkeit!

Aber Menschen reagieren individuell verschieden auf Ärger ...
Vollkommen richtig. Wenn Sie den Stresspegel massiv erhöhen, wie zum Beispiel durch ständiges Hungern und Joggen, dann kommt es zur Cortisol-Ausschüttung. Aber die Reaktion des Menschen hängt von seiner Konstitution ab: Die Dünnen, die Leptosomen, verlieren an Gewicht, sie werden immer weniger. Und bei ausreichend hohem Stresspegel werden sie euphorisch. Wenn sie Fett sparen oder um den Block hoppeln, fühlen sie sich toll. Bei den Korpulenten, den Pyknikern, ist es genau umgekehrt. Sie werden nur depressiv und dicker.

Was sollen sie stattdessen tun?
Schon einmal beobachtet: Kaum entspannt sich der Pykniker, schon nimmt er ab. Etwa im Urlaub - manchmal sogar dann, wenn er drei Wochen lang nur geschlemmt hat. Schlechtes Gewissen hingegen macht dick. Diese altbekannten Körperbautypen werden vom Arzt und der Ernährungsberaterin meist völlig ignoriert. Da wird die gesamte Bevölkerung über einen Kamm geschert. Aber wir sind biologisch betrachtet ja keine einheitliche Züchtung wie die Schweinderln beim Bauern. Wir sind verschieden! Die meisten Menschen sind typische Promenadenmischungen. Es gibt kein Einheitsprogramm für alle. Ernährungstipps sind strapaziös für Körper und Geist! Sie sind Krankmacher par excellence.

Manche Wissenschafter behaupten: Karge Ernährung verlängert das Leben.
Das sind nur faule Tricks. Dazu braucht es spezielle Versuchsanordnungen. Es genügt nicht, den Tieren die Rationen zu halbieren. Ich muss die Temperatur herunterfahren, damit sie in den Winterschlaf- Stoffwechsel verfallen. Aber der Mensch hält keinen Winterschlaf! Wäre die Theorie dieser „Experten" richtig, dann hätten Menschen, die Hungersnöte durchmachen mussten, eine höhere Lebenserwartung. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Woher kommt unsere fanatische Auseinandersetzung mit dem Essen?
Die Diät hat die Religion als spirituelles Konzept abgelöst. Trotzdem haben wir die religiösen Lehren noch in uns: Wir haben zweitausend Jahre lang gelernt, dass die Bekämpfung der Fleischeslust ewiges Leben schafft. Hungern, Fasten und Kasteien, das bringt was. Die heutigen Zugänge entsprechen diesen Glaubenswelten: Wer sich den Regeln versündigt und Schokolade isst, der muss früher sterben. Und nur, wer Verzicht übt, lebt ewig.

Die „Ess-Sünde" hat die Erb-Sünde ersetzt?
Genau! Das ist die Religionsschule für Frauen: „Versündige dich nicht bei Tisch!" Die Männer dagegen sagen: „Ich habe ein Zeichen am Himmel gesehen! Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr untergehen." Klimaerwärmung? Daran sind wir Menschen durch unseren Fleischkonsum schuld, weil die Kühe so viel Abgas produzieren! Wer jemandem Schuld zuweisen kann, erhebt sich moralisch über den anderen, das ist ein wichtiger Aspekt in der abendländischen Gesellschaft. Ernährungsberaterinnen können sich ja auch über andere Frauen erheben und ihnen tückische Teufelchen in den Kopf setzen. Die kleinen Plagegeister entfalten ihre lang anhaltende Wirkung ganz von selbst. Habe ich genug getrunken? Habe ich zu viel gegessen? - Ach, die Liste ist endlos. Und die Lebensqualität beim Teufel.

Sie mögen wohl keine Ernährungsberaterinnen?
Ernährungsberatung ist Gewalt von Frauen gegen Frauen. Nichts anderes.

Dann seien Sie doch bitte mal unser Ernährungsberater: Was sollen wir tun?
Halten Sie sich von den vielen Ratschlägerinnen und Ratschlägern fern! Wenn es stimmt, dass die Menschen durch die moderne Kost krank werden, dann essen Sie doch einfach das, was Ihre Vorfahren speisten: Bratkartoffeln mit Eiern und Speck zum Beispiel, Mehlspeisen aus Weißmehl und Zucker, Kaisersemmeln mit G'selchtem oder Bergkäs. Wissen Sie, früher galt Sex als Sünde ... Heute ist Essen eine Sünde, und morgen werden wir uns vielleicht sogar fürs Atmen schämen müssen. Schließlich gelangt dadurch ja jede Menge Kohlendioxid in die Umwelt ...

Aktuell