Der Fall Kavanaugh und die Fassungslosigkeit

Kavanaugh ist mehr als nur ein Täter - er ist das Symptom einer patriarchalen Gesellschaft, in der Macht alles ist und Erniedrigung "geil" bleibt. Ein Kommentar.

Das vergangene Jahr war das Jahr von #MeToo. Und es war das Jahr, in dem das Patriarchat zum letzten Gegenschlag ausholte. Opfer meldeten sich zu Wort, Täter wurden kleinlaut. Und jene, die Täter schützten, sagten mehr als einmal: "Die Reputation, Karriere, das Leben von Männern wird zerstört, wenn Frauen sie der sexuellen Übergriffe beschuldigen!" Jede Menge Empörung gab es, als endlich und in nie dagewesener Menge ans Licht kam, dass sexuelle Gewalt nicht nur in dunklen Straßenecken passiert, sondern inmitten der Erfolgreichen, Reichen und Schönen. 

Mit der Empörung kam auch die Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Dass Opfern von Gewalt endlich Glauben und Glaubwürdigkeit geschenkt wird. Doch diese Hoffnung hat mehr als einmal einen Knacks bekommen. Sei es beim Comedian Louis C.K., der ein heimliches Comeback feierte, oder beim FußballerCristiano Ronaldo, dessen Fußballerfolge in den Augen der Öffentlichkeit wichtiger sind als die Geschichte von Kathryn Mayorga, die er vergewaltigt haben soll. Oder sei es insbesondere bei Brett Kavanaugh (53), dem von Christine Blasey Ford (51) - sie war 15 Jahre alt - versuchte Vergewaltigung vorgeworfen wurde. Ihre Geschichte und die der Frauen, die mit ihr gemeinsam laut wurden, war nämlich einer knappen Mehrheit des US-Senats ziemlich egal. Kavanaugh wurde als Richter am Supreme Court vereidigt.

Nach dem Aufschrei kam die Fassungslosigkeit. Und kritische Stimmen sind sich einig: wegen solcher Geschichten wird die Dunkelziffer bei den Anzeigen zu sexueller Gewalt weiterhin hoch bleiben. Wegen solcher Geschichten werden Opfer weiterhin schweigen. Denn was ihnen vorgelebt wird, ist: euer Leben zählt in diesem System nicht. Wichtiger ist noch immer, dass die patriarchale Macht erhalten bleibt. Und dabei ist es auch ganz egal, ob sich der Täter wie ein weinerlicher und wütender Bub vor der Weltöffentlichkeit blamiert hat. Die Beförderung in die Sphäre jener alten, weißen Männer, die das Sagen haben, ist ihm trotzdem sicher.

Kavanaugh Proteste

Dahinter steckt wie immer: Macht und Machterhaltung. Solange es "geil" und profitabel ist, Machtlose zu unterdrücken, solange werden sich auch die Geschichten von Gewaltopfern unten einreihen müssen in der Hierarchie der Relevanz. Denn Gewalt, Machtverhältnisse und die ungleiche Verteilung dieser müssen erst als solche gesehen und anerkannt werden. Und so weit sind wir - siehe Kavanaugh - auch im Jahr 2018 noch immer nicht.

Warum trotzdem nicht alles verloren ist

Gewalt gegen Frauen wird nämlich weiterhin einfach hingenommen. "Boys will be boys", das Handeln von cis Männern zieht keine Konsequenzen nach sich. Und das Leid der Frauen wird akzeptiert, als kleineres Übel für das große Patriarchat. Ja, es wird sich sogar darüber lustig gemacht, darüber hergezogen und somit verharmlost. Und auch dieses Bewusstsein - dass wir alle MittäterInnen sind - ist schlecht bis gar nicht ausgeprägt.

Die australische Philosophin Kate Manne nennt dieses Phänomen übrigens "Himpathy", wie Meredith Haaf in der Süddeutschen Zeitung treffend beschreibt. Gemeint ist damit eine "unangemessene und disproportionale Empathie, die privilegierten Männern entgegen gebracht wird, wenn diese sich misogyner Handlungen schuldig machen". In der Nahrungskette der Empathie stehen sie nämlich noch immer ganz oben. Und all jene, die unter ihnen leiden, sterben und unfassbare Schmerzen ertragen, müssen sich anpassen. Und ihr Leid am besten noch in engmaschiger stereotyper Opfermanier - still und unterwürfig - vorbringen.

Wütende, laute Opfer sind nicht erwünscht, und genau deshalb sind sie jene, die etwas verändern werden. Denn trotz der Diskursmacht weißer Heteromänner gibt es laute Gegenbewegungen, die auch die Ressourcen haben, um den Kampf weiterzuführen. Nach der Fassungslosigkeit ist vor dem Sturm. Und der wird dem Patriarchat tiefe Wunden zufügen. Kein Wunder, dass sie das um jeden Preis verhindern wollen.

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