Der Ex auf facebook

Schon mal auf Facebook nachgesehen, wie es Ihrem Ex so geht? Sylvia Margret Steinitz hat’s getan. Und so wurde der Mann, den sie nie heiraten wollte, doch zu ihrem Lebensbegleiter. Die Geschichte einer virtuellen Beziehung.

Mein Herz sieht aus wie das vieler Frauen: Seine Oberfläche ziert ein wildes Spinnennetz aus kreuz und quer verlaufenden Narben, hinterlassen von den Männern meines bisherigen Lebens. Fast alle habe ich abgehakt und hinter mir gelassen. Bis auf einen, dessen Gesicht immer noch in den Tiefen meiner Erinnerungen lauert, um in unregelmäßigen Abständen an die Oberfläche zu schwimmen und sich für ein paar Stunden oder Tage in meinem Bewusstsein festzukrallen.

Dann erwische ich mich dabei, wie ich im Internet nach neuen Nachrichten über ihn suche oder bei Google dumme Suchbegriff-Kombinationen wie „(Name) + Girlfriend" eingebe, als sei ich ferngesteuert.

Der Widerhaken
Warum ausgerechnet dieser eine Typ immer wieder hochkommt wie Magensäure, überraschend, schmerzhaft, weiß ich nicht. Ich hatte mit anderen Männern aufregendere Beziehungen und definitiv den besseren Sex. Und auch die tiefsten meiner Narben sind garantiert nicht von ihm, das kann gar nicht sein. Seltsam, dass derjenige, der am wenigsten zu mir passt(e), mir noch Jahre nach dem Ende unserer kurzen Romanze wie ein Widerhaken im Genick sitzt. Auch jetzt möchte ich ihm nicht, aber n.i.e.m.a.l.s. n.i.e. mit ungewaschenen Haaren und ohne Make-up begegnen. Er ist der Einzige, nach dem ich mich heute noch erkundige, natürlich anonym und ohne Spuren zu hinterlassen: „(Name) + married". Nichts. „(Name) + child." Nichts. Dieses Herumstochern im Web, wie ein Junkie, der eine Ader sucht - entwürdigend. Zum Glück habe ich ein Einzelbüro.

Vorbei ist vorbei
Natürlich würde ich ihn heute nicht mehr wollen. Ist doch klar. Die Zeit, in der ich, jung und naiv,einen Menschen romantisierte, den es in seiner heroischen Gestalt ohnehin nur in meinem Kopf gab, diese Zeit ist vorbei. Verschiedene Heimatstädte, ein völlig anderer Background - die Enttäuschung wäre zwangsläufig gefolgt. Dann, wenn ein Haus in den Suburbs irgendeiner amerikanischen Kleinstadt nichts anderes mehr ist als die abblätternde Aufbewahrungsstätte nicht erfüllter Träume. Er wusste es lange, bevor ich es mir selbst eingestehen konnte, und trieb mich weg, wie es nur wirklich erfahrene Männer vermögen - durch gezielte schlechte Behandlung, die den Überlebenswillen in dir weckt und dich diese unsichtbare Leine durchtrennen lässt, die dich bisher festhielt.

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„Vielleicht geht’s da heit leiwand, vielleicht bist allan. I denk ma oft, wo könntest jetzt sein? Die Zeit heilt olle Wunden, ob groß oder klaa, doch manchmal reiß’n die ältesten ein ... Manchmal denk i no an di.“

Rainhard Fendrich
Manchmal denk i no an di

Was dahintersteckt
„(Name) + tournee". Bingo. Stirnrunzelnd stelle ich fest, dass er immer noch gut aussieht. Was würde er sagen, wenn er mich jetzt träfe? Was würde ich sagen? Ich sage mal, er war nicht der Mann meines Lebens. Auch ist meine Eitelkeit nicht dermaßen getroffen, dass es kindische Aktionen rechtfertigt wie neulich, als ich bei Facebook nachschauen ging, welche Frauen ihm so schreiben. Manchmal denke ich, dass es vielleicht gar nicht der Mensch selbst ist, dem ich nachtrauere, sondern das, was ich damals fühlte, und woran ich bedingungslos glaubte - nämlich, dass man einen Menschen nur genug lieben und unterstützen muss, und aus ihm kann die beste Version seiner Selbst werden. Dass Gefühle immer stark machen, nie einsam, und dass irgendwo die Liebe meines Lebens wartet. Die Begegnung mit diesem Mann lehrte mich, dass es auch ganz anders laufen kann. Damals wurden mir meine Illusionen aus dem Herzen gerissen - und das ist es, was schlussendlich die tiefsten Narben hinterließ. Narben, die ich manchmal heute noch spüre, und die meine Seele untrennbar mit seinem Namen verknüpft hat.

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