Der Duft der Dirnen

Um Männer in ihren Bann zu ziehen, waren der Damenwelt schon immer viele Mittel recht. Natürlich auch solche, die himmlisch duften! Veilchen trug die Ehefrau, Patschuli die Geliebte ...

"Es ist die Vorkammer zur Hölle", soll Eugénie, Gattin von Napoleon III., einst über Patschuli gesagt haben. So zuwider war ihr der holzig-exotische Geruch, mit dem sich die Kurtisanen ihrer Zeit üppig bedufteten. Ein Geruch, den sie wohl auch des Öfteren an der Kleidung ihres Mannes wahrnahm und der sie schmerzlich an seine außerehelichen Aktivitäten erinnerte.

LIEBESBOTE

Dabei wäre Patschuli - von seiner Degradierung zum Dirnenduft - sehr wohl auch für ehrbare (Ehe-)Frauen interessant gewesen. "Ab 1862 wurde die Gegend um die Pariser Oper und das neue Grand Hôtel zum beliebten Einkaufsviertel für reiche Damen", erzählt die Parfum-Historikerin Elizabeth Fedeau. "Sie kamen her, um Kaschmir-Schals und Seide zu kaufen - am liebsten aus Indien." Und das lag weder an der Farbe noch am Schnitt der Fabrikate aus dem Südosten, wie Fedeau weiß, sondern vor allem an der Tatsache, dass diese zum Schutz vor Insekten in Patschuli-Blätter gewickelt wurden. Der Duft blieb an den zarten Stoffen haften und löste bei der Trägerin unbewusst ein Gefühl von Wohlbefinden und Liebe aus. Ein Gefühl, nach dem die Damen geradezu verrückt waren.

Die Begeisterung blieb den Parfumherstellern nicht lange verborgen und so nahemn sie das exotische Patschuliöl immer häufiger in ihre Duftkreationen auf. Mit der Verbreitung des indischen Duftstoffes änderte sich bald seine Zielgruppe. Patschuli wurde zum Markenzeichen für Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Kurtisanen. Alle drei waren meist auf das Wohlwollen und natürlich das Geld ihrer männlichen Sponsoren angewiesen und daher bereit, ihnen als Gegenleistung Zuneigung, Liebe und Zärtlichkeit zu geben. Was wäre für sie also besser geeignet gewesen als ein Duft, der genau das symbolisierte? "Parfum war eine Waffe für diese Mädchen", sagt Elizabeth Fedau, "ein Trick, um zu verführen und um die Liebe der Männer zu behalten."

GEHIRNWÄSCHE

Ein Trick, der gut funktionierte. Wie man heute weiß, zielen Düfte direkt auf unsere Gefühle, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie werden nicht nur auf die Reise vom Zwischenhirn bis zur Großhirnrinde gesendet wie andere Sinneswahrnehmungen, sondern haben auch direkten Zugang zum Emotionszentrum. Das macht Gerüche erregender als etwas Geräusche.

Warme, sinnliche Noten wecken unterbewusst ein Gefühl von Geborgenheit und glücklichen (Kindheits-)Erinnerungen, animalisch-holzige Akzente schüren erotisches Verlangen. Eine gute Kombination, um Liebhaber in den Bann zu ziehen.

Während die Freudenmädchen also üppig Patschuli, Moschus und Co auflegten, suchte die Damen der Gesellschaft nach olfaktorischer Abgrenzung. Es war ihnen zuwider, die niedrigen Sinne ihrer Männer anzusprechen - falls überhaupt, griffen sie also nur zu leichtem Eau de Cologne und zarten Veilchen-Düften. Ein Umdenken gab es erst kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts. Da wurden auch opulentere Düfte wie Jicky von Guerlain salonfähig.

Seinen Ruf als Verführer hat Patschuli aber bis heute nicht eingebüßt. Ebenso wenig seine Kraft zu polarisieren. Als Thierry Mugler vor zwanzig Jahren Angel auf den Markt brachte udn sich damit gegen den Trend zu dezenten, grünen Düften stellte, ging er ein großes Risiko ein. Von Anfang an war klar: Entweder man lehnt die sinnlich-üppige Komposition aus Patschuli, Vanille und Karamell ab, oder man liebt sie. Angel fand treue Anhängerinnen - und gehört heute zu den meistverkauften Düften der Welt. Napoléon III. hätte sich bestimmt gefreut...

Lesen Sie auf Seite 2 die unterschiedlichen Lockstoffe!

Eine Frau ohne Geheimnisse ist wie eine Blume ohne Duft.
Maurice Chevalier, Schauspieler

Noch mehr Lockstoffe

Moschus

Ursprünglich aus der Sexualdrüse des Moschushirsches gewonnen, wird der holzig-animalische Duft heute synthetisch hergestellt. Die erotische Wirkung blieb.

Jasmin

Das Öl der Jasminblüte ist besonders kostbar. Sein Geruch soll an den menschlichen Sexualduft erinnern. Außerdem fördert Jasmin die Intuition.

Rose

Die Königin der Blumen lädt mit zartem Duft zum Schmachten ein. Als Aphrodisiakum sollen aber Mai- und Steinrose die Nase vorn haben.

Ylang-Ylang

Der Duft des magnolienartigen Cananga-Baumes wird gern in orientalischen Parfums verwendet. Er gilt nicht nur als erotisch, sondern soll auch Eifersucht mildern.

Vanille

Das sanfte Aroma der Vanille-Orchidee erinnert an Geborgenheit und eine glückliche Kindheit. Das ist mit ein Grund, warum ihm (fast) jeder Mann zugetan ist.

Zimt

Das Öl der Zimtrinde und -blätter riecht warm, süß und würzig. Wie Vanille lädt es zum Träumen ein und wirkt sinnlich aphrodisierend.

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