In der Bronzezeit reisten Frauen durchs Land, Männer blieben daheim

"Früher," erzählen Sexisten gerne, während sie sich weltmännisch über Bäuche oder Bärte streichen, "früher, in der Steinzeit, da waren die Rollen noch klar verteilt. Der Mann hat die Familie ernährt und ist jagen gegangen! Die Frauen haben das Heim und Kinder gehütet und sich nicht von zuhause entfernt. Du weißt schon: klassische Rollenverteilung eben!"

Wie wir tatsächlich seit kurzem wissen, ist das Unsinn. In einer neuen Studie der Ludwig-Maximilian-Universität München haben ForscherInnen herausgefunden, dass zumindest europäische Frauen schon in der Bronzezeit ziemlich weit gereist sind - im Gegensatz zu Männern.

Emanzipierte Frauen in der Bronzezeit

In der frühen Bronzezeit (ca. 2200 - 1600 v. Chr.) bereisten Frauen das Land, während Männer zu Hause blieben. Dieses Migrationsverhalten dürfte sich gegen Ende des Pleistozän (ca. 9000 v. Chr.) entwickelt haben - zumindest im bayrischen Lechtal südlich von Augsburg. Studienleiter Professor Philipp Stockhammer sagt: "Alles deutet daraufhin, dass in der Bronzezeit Frauen extrem mobil waren." Die Vorstellung vom Mann, der als Krieger in die Ferne zog, während die Frau zuhause blieb, sei falsch.

Die WissenschafterInnen analysierten die DNA und die Backenzähne von 84 Personen, die zwischen 2500 und 1650 v. Chr. im Lechtal begraben worden waren. Zwei Drittel der Frauen hatten Wasser an vielen verschiedenen Orten getrunken, aber kaum einer der Männer. "Jeder Erdboden hat eine andere Signatur, wie Kalk oder Lehm. Das überträgt sich ins Grundwasser - wird es getrunken, bleiben unterschiedliche Rückstände in den Zähnen. Sie geben uns Hinweise auf die Aufenthaltsorte," erklärt Stockhammer.

Weibliche Mobilität war wichtig für den kulturellen Austausch

Professor Stockhammer betont, die Bedeutung der weiblichen Mobilität für den kulturellen Austausch in der Bronzezeit. Außerdem werde das "immense Ausmaß" früher menschlicher Mobilität in neues Licht gerückt: "Es scheint, dass zumindest ein Teil der eigentlich als Gruppenmigration betrachteten Bewegungen auf einer institutionalisierten Form der individuellen Mobilität beruht." Das habe eine besondere Rolle in der Ausbreitung verschiedener Kulturen und Ideen während der Bronzezeit gespielt.

Die Frauen im Lechtal stammten aus stark besiedelten Gebieten, vermutlich aus der Gegend zwischen Leipzig und Halle. Laut Stockhammer waren diese Gebiete in der Metallurgie sehr weit entwickelt. Bis zu 600 Kilometer weit sind die Frauen gewandert, vermutlich um Familien zu gründen. Ihre Kenntnisse über Werkzeuge oder Techniken der Metallverarbeitung haben sie in den neuen Lebensraum mitgenommen und gleichzeitig den Genpool aufgefrischt.

Weitgereiste Frauen der Bronzezeit haben sich perfekt integriert

Das deutsche Lechtal scheint ein beliebter Niederlassungsort für Frauen der Bronzezeit gewesen zu sein. Studienautorin Dr. Alissa Mittnik vom Max Planck Institut erklärt: "Wir konnten eine hohe Diversität verschiedener weiblicher Abstammungen finden. Das passiert, wenn viele Frauen über einen Zeitraum von anderen Orten ins Lechtal migrieren." Die eingewanderten Frauen sind genauso begraben worden, wie die heimischen Männer. Sie wurden also problemlos in die bestehende Gesellschaft integriert.

Die europäischen Frauen der späten Stein- und frühen Bronzezeit reisten alleine. Ab einem Alter von etwa 17 Jahren machten sie sich auf den Weg. Sie beeinflussten Kulturen und starteten intime Beziehungen über hunderte Jahre. Der Frauen-Solotrip ist also wirklich keine Erfindung der Emanzipation im 20. und 21. Jahrhundert.

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