Der Aufstand der Alleinerziehenden

Alleinerziehende werden in der aktuellen Regierung zur Familienform zweiter Klasse erklärt, kommentiert Julia Stadlbauer vom "Aufstand der Alleinerziehenden".

Der 8. März ist jener Tag, an dem Frauen sich weltweit solidarisieren, um für Gerechtigkeit und Gleichstellung aufzustehen. So auch Alleinerziehende, deren Kampf für gerechte Lebenschancen angesichts der derzeitigen politischen Lage wichtiger ist denn je. Denn während sich die aktuelle Regierung mit ihren Entlastungsplänen für traditionelle und reiche Paarfamilien rühmt, werden die Leistungen von Alleinerziehenden ignoriert und ihnen eine angemessene Unterstützung abgesprochen.

In Österreich ist beinahe jede 7. Familie alleinerziehend. Zu über 90% sind es die Mütter, die die Verantwortung für die Fürsorge der Kinder, für die Erwerbsarbeit und den Haushalt überwiegend allein tragen. Obwohl Alleinerziehende eine erhöhte Erwerbsbereitschaft zeigen, gehören sie zu der am stärksten von Armut und Ausgrenzung betroffenen Bevölkerungsgruppe in Österreich.

Familienarbeit ist Frauenarbeit

Ein Grund dafür ist die ungelöste Vereinbarkeitsfrage von Familie und Beruf, die in Österreich zu Lasten von Müttern und im besonderen Alleinerziehenden ausgetragen wird. Mütter übernehmen nach wie vor die Hauptverantwortung in der Familienarbeit. Gleichzeitig nimmt die Arbeitswelt kaum Rücksicht auf familiäre Verpflichtungen. Es wird im Gegenteil verstärkt Flexibilität und uneingeschränkte Einsatzbereitschaft gefordert, was den familiären Aufgaben diametral gegenüber steht. Laut Statistik Austria gehen 67,3% der Mütter mit Kindern unter 15 Jahren einem Teilzeitjob nach, während nur 5,6% der Väter ihr berufliches Engagement zurückstecken. Auch werden Mütter verstärkt in jenen frauen-typischen Berufen tätig, die zwar mit dem familiären Alltag besser vereinbar sind, aber schlechter entlohnt werden. Eine Trennung wird in vielen Fällen für Mütter zur Armutsfalle.

Privatisierung von Kinderbetreuung

Alleinerziehende sind in dieser Situation stark von sozialstaatlichen Entlastungsmaßnahmen abhängig. Vor allem der Zugang zu kostengünstiger Kinderbetreuung, in der die Kinder gut versorgt werden, erleichtert die Erwerbsbeteiligung und fördert langfristig die wirtschaftliche Unabhängigkeit von alleinerziehenden Familien.

Die Wiedereinführung des kostenpflichtigen Kindergartens am Nachmittag, wie es in Oberösterreich bereits umgesetzt wurde, und die Förderung privatisierter Kinderbetreuung trifft daher Alleinerziehende besonders hart. Es bedeutet einen Rückschritt in der Versorgungsunabhängigeit von alleinerziehenden Familien und eine langfristige Entsicherung von hauptbetreuenden Elternteilen (zumeist Mütter).

Was Alleinerziehende im Alltag an Herausforderungen bewältigen, um neben allem anderen für ihre Kinder da zu sein, verdient Anerkennung, Respekt und vor allem auch Unterstützung.
Julia Stadlbauer

Versorgungsdefizit von Trennungskindern

Neben der Vereinbarkeitsproblematik ist das Versorgungsdefizit von Kindern bei einer Trennung ein fundamentales Armutsrisiko, was die Lebenslage von Alleinerziehenden und deren Kindern verschärft. Der Kindesunterhalt soll von jenem Elternteil geleistet werden, der nicht mit dem Kind in einem Haushalt wohnt und stellt ein Beitrag zur Versorgung des Kindes dar. Laut einer Umfrage der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende bekommt aber jede zweite Alleinerziehende weniger Unterhalt als der Regelbedarf vorsieht, und jede 5. Familie bekommt gar nichts. Dieses Defizit im Kindesunterhaltsgesetz ist seit langem bekannt. Bundeskanzler Kurz sowie Heinz-Christian Strache gaben gar während der Nationalratswahl im Herbst 2017 ihr Reformversprechen. Seit der gewonnenen Wahl ist die Unterhaltsgarantie für Kinder aber kein Hauptanliegen mehr und lässt Alleinerziehende erneut in dieser prekären Lage allein zurück.

Familienpolitik zu Lasten von Alleinerziehenden

Was Alleinerziehende im Alltag an Herausforderungen bewältigen, um neben allem anderen für ihre Kinder da zu sein, verdient Anerkennung, Respekt und vor allem auch Unterstützung. Aber genau da mangelt es in unserer Gesellschaft. Die Regierung fördert mit ihrem Familienbonus vor allem finanziell versorgte Familien, denen 1.500 Euro Steuererleichterung pro Jahr zusteht. Alleinerziehende, die genug verdienen und vom Familienbonus Gebrauch machen können, werden wegen der Bonus-Aufteilung auf beide Elternteile nur zur Hälfte entlastet, auch wenn sie die Hauptleistung der Kinderbetreuung tragen.

Dafür wird die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten gestrichen. Diese Entlastungspolitik fällt für Alleinerziehende, die eine erhöhte Betreuungsabhängigkeit aufweisen, besonders unverhältnismäßig aus. Etwa 60.000 Alleinerziehende verdienen unter der steuerlichen Mindestgrenze und können somit den Familienbonus nicht ausschöpfen. Ihnen werden nur 250 Euro pro Jahr und Kind im Rahmen einer Sonderregelung zugestanden. Obwohl die Erwerbsbeteiligung unter alleinerziehenden Müttern durchschnittlich höher ausfällt als bei Müttern in Paarbeziehungen, werden Alleinerziehende in der aktuellen Regierung zur Familienform zweiter Klasse erklärt und mit finanziellen Benachteiligungen begegnet.

Aufstand der Alleinerziehenden

Alleinerziehende müssen das gleiche leisten wie Zwei-Eltern-Haushalte, sie brauchen das gleiche Ausmaß an Ressourcen um das Leben finanzieren zu können und sie sind genauso wie andere Familien eine leistungsstarke Familienform. Armut ist keine Leistungsbelohnung, Menschen in die Armut zu zwingen, weil die Rahmenbedingungen eine Existenzsicherheit unmöglich machen, ist keine Gerechtigkeit.

Genau deshalb hat sich die Gruppe “Aufstand der Alleinerziehenden” organisiert, um für eine gerechte Familienpolitik einzutreten. Alleinerziehende haben aufgrund der prekären Ausgangslage kaum Ressourcen sich zu engagieren. Die aktuelle politische Trendwende machte es aber besonders für diese Gruppe notwendig, für das Sichtbarmachen und Anerkennung der Leistungen dieser Familienform sich zu engagieren und gegen die soziale Benachteiligung und Ausgrenzung zu kämpfen.

Julia Stadlbauer studiert derzeit Sozioökonomie und Gender Studies und ist als Vorstandsfrau in der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende aktiv.

Aktuell