Der Atem der Welt

Dass es einen Österreicher gibt, der zumindest Teile des Regenwaldes gerettet hat, ist nicht jedem bekannt. Die WIENERIN hat sich auf seine Spuren nach Costa Rica gemacht.

Der Regenwald stirbt. Fällt täglich der Habgier des Menschen zum Opfer. Weiß jeder. Dass es aber einen Österreicher gibt, der zumindest Teile des Patienten gerettet hat, ist sicher nicht jedem bekannt. Die WIENERIN hat sich auf seine Spuren nach Costa Rica gemacht.

Text & Fotos Marion Genetti

Gespenstisch ruhig ist es. Sogar meinen Herzschlag höre ich. Plötzlich zucke ich zusammen. Rechts vor mir raschelt es im Gebüsch. Gleich darauf kreischt ein Vogel. Irgendwie habe ich das Gefühl, in einer Märchenwelt, genauer gesagt in einem Märchenwald, gelandet zu sein. Rund um mich herum strahlt es in einem satten Grün und doch ist es beinahe finster. Nur hie und da bahnt sich ein Lichtstrahl den Weg durch die dichte Vegeta­tion. Durch die vielen Stockwerke des Hochhauses Regenwald. Vorsichtig steige ich über Baumwurzeln und auf Blätter und habe Mühe, mit Werner Huber Schritt zu halten. Der Wiener Biologe lebt seit fünfzehn Jahren im Esquinas-Regenwald im Westen Costa Ricas, an der Pazifikküste Mittelamerikas.

Wie seine Westentasche kennt er „seinen“ Wald, den wir gerade durchschreiten. Er hält inne, deutet auf eine rote Blüte. Flüstert mir den Namen der Blume zu, den ich leider schon wieder vergessen habe, und erklärt mir mit leiser Stimme, so als würde er mir ein Geheimnis verraten: „ Hier gibt es die größte Artenvielfalt auf der ganzen Welt. Manche Tiere und Pflanzen leben überhaupt nur in dieser Gegend.“ Und er spult, schon etwas lauter, die Fakten zum Mitschreiben für mich runter: Auf ­einer Fläche von 100 Quadratmetern – das entspricht also in etwa einer 4-Zimmer-Wohnung – leben 145 Säugetiere, 50 Amphibien, 320 Vogelarten. Es wachsen hier bis zu 180 verschiedene Bäume, insgesamt rund 2.700 Pflanzen. Im Vergleich: Ganz Österreich hat nur 3.000 unterschiedliche Pflanzenarten aufzuweisen.

Aber auch ich habe mich auf meinem 13-Stunden-Flug nach Costa Rica in die Welt der tropischen Flora und Fauna eingelesen und weiß inzwischen: Immergrüner Regenwald umspannt die Erde im Bereich des Äquators. Aber: Die Fläche schrumpft. Ständig. Allein in den vergangenen 400 Jahren ist die Hälfte der Wälder auf unserem Planeten abgeholzt worden. Noch heute verschwinden laut der Umweltorganisation Rainforest Alliance pro Minute 30 Hektar Tropenwald, was in etwa gut 30 Fußballfeldern entspricht. Die Gründe: der hohe Bedarf der westlichen Welt an Holztischen, Hamburgern & Co.

Umweltschützer sehen die Ursache vor allem in der ­gestiegenen Nach­frage nach Soja und Rindfleisch. Die katastrophalen Folgen: Schutz- und Lebensräume werden vernichtet, so dass derzeit täglich rund 140 Tier­arten ausgerottet werden und auch viele Pflanzen für immer vom Erdboden verschwinden. Ein Stopp oder zumindest eine Einschränkung wäre dringend nötig. Denn: „ Wiederaufforstungen sind zwar wichtig“, vervollständigt Werner Huber mein angelesenes Wissen, „der Urzustand kann aber nie wieder hergestellt werden.“

Hinzu kommt: Der Regenwald hat eine wichtige Funktion für das Klima – die Bindung von CO2. „ Ein Hektar intakter Regenwald ist imstande, hunderte Tonnen schädlichen Kohlendioxids aus der Atmosphäre zu ziehen und in Sauerstoff umzuwandeln“, sagt der Biologe. Damit nicht genug, führt die Entwaldung zu einer zusätzlichen Freisetzung von Kohlendioxid und heizt damit den Klimawandel noch mehr an. Der Regenwald wird so von der Erwärmungsbremse zum Erwärmungsmotor.

Auch eine aktuelle Studie des WWF warnt: Ausgerechnet die grüne Lunge der Erde, der Regenwald des Amazonas, könnte bis zum Jahr 2030 katastrophale Klimaschäden verursachen. Der Tropen-Experte Dan Nepstad vom Hole Research Center in Massachusetts rechnet damit, dass in so einem Fall bis 2030 knapp 100 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich freigesetzt würden. Das wäre mehr als das Doppelte der jährlichen weltweiten Kohlendioxid-Emissionen von heute. Nepstad ruft deshalb eindringlich zum sofortigen Komplettschutz auf: „Die Bewahrung des Regenwaldes ist ein wesentlicher Garant unseres Klimas. Ohne den Wald ist es verloren.“

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Lesen Sie mehr über den Regenwald der Österreicher, über Umwelt- und Frauenprojekte in Costa Rica – in Ihrer März-WIENERIN.

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Einen Baum pflanzen: WIENERIN-Redakteurin Marion Genetti hat den Regenwald der Österreicher in Costa Rica besucht.

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