Der 6-Punkte-Plan, um eine Beziehung zu retten

Der großen Beziehungskrise folgt oft genug die Frage: Hat unsere Liebe noch eine Chance? Zwei Experten erklären den Test für die Liebe.

Der letzte Spontansex auf der Waschmaschine scheint Jahre her zu sein. Die morgendlichen Scherze haben in letzter Zeit eine bissige Note. Und seine Kaffeetasse wird bewusst nicht mehr mit abgewaschen - soll er doch seinen Dreck selber wegräumen. Neue Gedanken, fremde Gefühle schleichen sich zur Hintertür herein und nisten sich in den Nischen des Beziehungsalltags ein. Ein Unbehagen, das zur Abscheu wird, eine Unzufriedenheit, die sich zur Wut steigert. Und irgendwann bricht alles auf und entlädt sich: Streitereien in 130 Dezibel, ein 1000-Volt-Schlag, ein Seitensprung über 100 Kilometer.

Krise. Ein Unwort. Etwas, das wir am liebsten aus unserem Wortschatz streichen würden. Denn die Krise zeigt, dass das Leben unsere Liebe eingeholt hat. Hat sie einen erst erwischt, scheint es für Änderungen oft zu spät. Zu tief haben sich Wut, Verletzungen oder Langeweile schon ins Getriebe gefressen. Es scheint kein Vor oder Zurück zu geben - und manchmal tatsächlich das Beste, alles hinzuschmeißen. Die einst so starke Liebe ist hin, die Flammen der Leidenschaft zu einem Häufchen Asche verkohlt - grau und kalt und mit diesem Geruch vom zweiten Unwort im Beziehungs-Wörterbuch: ES IST AUS. Aber nicht immer muss alles vorbei sein. Manchmal ist da noch Glut unter der Asche. Deshalb gilt: nicht wild pusten, dass die Funken stieben. Lieber richtig Luft zufächeln, damit das Feuer neu entfacht werden kann.

Wenn Gefühle Regie führen

In dieser brenzligen Phase der Beziehungskrise machen viele Paare nämlich einen Kapitalfehler, meint der deutsche Therapeut und Buchautor Peter Lauster. "Der letzte Funke verglimmt bei der Suche nach der Ursache für die Krise", meint er, "denn diese Suche endet meist in einem Kreislauf von Schuldzuweisungen." Die Ursache sei bei den meisten Krisen ohnehin gleich, sagt Lauster in seinem Ratgeber Stark sein in Beziehungskrisen: "Beide haben verschiedene Vorstellungen von Liebe. Die Krise kommt, wenn der Partner eben diesen Vorstellungen nicht entspricht."

Der Wiener Sozialberater Jim Newman ergänzt: "Viel zu oft scheuen wir uns aber davor, unsere Vorstellungen klar zu definieren, weil diese eine klare Konsequenz erfordern: Das Ja oder Nein zur Beziehung." Nur die richtigen Fragen könnten hier Abhilfe schaffen, ist Newman überzeugt. "Erstens: Welche Punkte müssen stimmen, damit diese Beziehung für mich passt? Zweitens: Was kann getan werden, damit diese Punkte erfüllt werden?" Hilfreich dabei: Der WIENERIN-Sechs-Punkte-Plan, nach den Erkenntnissen von Lauster und Newman.

Der 6-Punkte-Plan, um eine Beziehung zu retten

1. Auf den Tisch damit

Viel zu oft warten Paare zu, bevor sie ein Problem ansprechen. Aber gerade das gibt dem Problem Zeit, sich einzunisten und zur Krise zu reifen. Deshalb gilt: Gehen Sie ein Problem sofort an - egal wie schmerzhaft es sein kann oder wie viel Angst Sie vor der Konfrontation haben.

2. Reden - aber richtig!

In einer Krise setzen Paare oft auf Angriff oder das große Schweigen. Beides verschärft die Lage. Wichtig ist jetzt, dass Sie einander verstehen und Emotionen zulassen: Sagen Sie, wie es Ihnen in dieser Situation geht, was Sie fühlen und wovor Sie Angst haben. Sagen Sie etwa: "Ich fühle mich an den Pranger gestellt", nicht: "Du machst mir immer nur Vorwürfe."

3. Keine Chance für Programme

Geben Sie so genannten "Knopfdruck"-Programmen keine Chance. Was das ist? Beispiel: In einem Lokal entbrennt zwischen ihm und ihr ein Streit. Er wird laut - und drückt damit unabsichtlich bei ihr auf einen Erfahrungs-Knopf: "Immer werde ich in der Öffentlichkeit runtergeputzt." Also geht sie. Damit wiederum drückt sie bei ihm einen Erfahrungs-Knopf: "Immer werde ich im Regen stehen gelassen." Worauf er ihr nachfährt und nächtlichen Klingelterror veranstaltet.

Diese Knopfdruck-Programme reichen bei beiden in die Kindheit zurück (bei ihr etwa: Mutter schimpft dauernd vor anderen Leuten mit mir; bei ihm etwa: Vater ist es peinlich, wenn ich weine, also tut er so, als gehörte ich nicht zu ihm). Eltern kommen ganz nah an einen heran, deshalb können sie uns wie kein anderer verletzen. Später wehren wir uns gegen das Aufreißen alter Wunden. Und da kommt uns gerade recht, wer nun ebenfalls ganz nahe an uns herankommt: der Partner. Wer diesen Mechanismus durchschaut, gewinnt Abstand zu seinen eigenen Emotionen - ohne diese herabzusetzen.

4. Nur nicht verzetteln

In einem Streit dreht sich immer sehr schnell alles um die Ursachen für ein Problem und wer die Schuld dafür trägt. Oft genug führt das weit weg von einer möglichen Lösung, über die Sie eigentlich diskutieren sollten. Beispiel: Sie haben schon seit Jahren keinen gemeinsamen Urlaub mehr gemacht, wollen aber beide wieder zusammen los. Streiten Sie also nicht lange rum, wer denn nun schuld ist an der Misere ("Du opferst dich immer nur für die Firma auf", "Du wolltest ja letztes Jahr unbedingt allein nach Kreta"), sondern buchen Sie den Urlaub. Punkt.

5. Ein Schritt auseinander ... zwei Schritte zusammen

Variante A: Manchmal tut ein wenig Abstand gut. Kleben Sie in der Krise nicht aufeinander - Sie brauchen Input von außen, um wieder klar zu sehen und den Kopf frei zu kriegen. Dann können Sie wieder neu auf den Partner zugehen und ihn spüren. Variante B: Die andere Seite der Medaille - wenn Paare zu wenig Zeit miteinander verbracht haben. Dann müssen gemeinsame Erlebnisse her. Sie brauchen eine dritte Sache, auf die Sie Ihre gemeinsame Aufmerksamkeit richten können - und das dürfen nicht nur die gemeinsamen Kinder sein. Beste Möglichkeit: die Reise, von der Sie beide immer geträumt haben.

6. Trennung als Chance

Wenn Sie zusammenbleiben wollen: Beenden Sie Ihre Beziehung und beginnen Sie sie neu - aber mit demselben Partner. Das heißt: Es müssen andere Grundbedingungen fürs Zusammensein her. Denn so wie bisher darf es nicht weitergehen, sonst droht alles von vorne loszugehen. Denken Sie lösungsorientiert (siehe Punkt 4), und ziehen Sie praktische Konsequenzen. Das kann etwa bedeuten, dass Sie - je nachdem - zusammenziehen oder getrennte Wohnungen suchen. Oder dass Sie Ihre berufliche Situation überdenken - weniger/mehr arbeiten, den Job wechseln etc. - oder Ihre Prioritätenliste neu ordnen.

Jim Newman ist Lebens- und Sozialberater in Wien und arbeitet vorrangig mit Hypnose. Info: Tel. 0699-11 89 68 46 und www.jim.newman.at

Peter Lauster ist Therapeut und Buchautor. UnserTipp: "Stark sein in Beziehungskrisen", Verlag Bastei Lübbe. Weitere Infos: www.peterlauster.de

Dieser Text erschien zuerst in der WIENERIN Nr. 3/02 vom 01.03.2002.

Aktuell