Der 50-Shades-Trick

Mehr als 100 Millionen (Frauen) haben "50 Shades of Grey" gelesen, im Februar kommt der Sex-Plot ins Kino. Die Wiener Psychotherapeutin Gabriele Kofler findet, dass hinter der naiven Cinderella-Story mehr steckt. Ein Gespräch über die Lust am Führen und neue Tabus.

Vorspiel à la Hollywood: Täglich gibt es neue, sexy News zum Valentins-Knaller 2015. "50 Shades of Grey" kommt am 14. Februar in die Kinos, und das hebt die Welt fast aus den Angeln. Warum das literarisch bescheidene Werk um eine harte Sex-Beziehung mehr als eine „Sex sells“-Story ist, hat uns die Wiener Psychotherapeutin Gabriele Kofler erklärt. Ihr spannendes Fazit: Vor lauter Selbstbestimmung haben femininistische Frauen das „Genommenwerden“ offenbar fast verlernt.

Frau Dr. Kofler, haben Sie das Buch gelesen?

Ja, literarisch ist es eine Katastrophe. Aber es ist für Frauen an einem Punkt eine perfekte Mixtur: Sie bekommen eine erotische Geschichte, noch dazu mit Einblick in ein bislang tabuisiertes Feld der Sexualität, und das noch verpackt in ein Märchen.

Wirklich? Ist Anastacia also eine Cinderella?

Ja, sicher. Sie ist ganz unschuldig, unbedarft und ganz unangestrengt geht sie durchs Leben und begegnet zufällig dem Traummann, der steinreich ist, mächtig, ein Reich wie ein Schloss hat und Bedienstete. Er macht sie mit seinem Begehren zu etwas Besonderem. Das ist wie Prinzessin und Ritter. Ihre Liebe bewirkt sogar noch, dass ihr Hero weich wird und fähig seine Liebe zu ihr auch ohne seine Machtrituale zu leben.

Den Teil verstehe ich ja noch, aber was ist mit jenem, wo es um Unterwerfung, um Schmerz geht?

Also ich glaube, dass uns diese Story zwei Dinge sagen kann: Einmal, was zwischen Mann und Frau passiert und einmal, was hier gesellschaftspolitisch stattfindet. Es ist die Situation, dass jemand kommt und ganz klar etwas vorgibt. Das ist durchaus auch vergleichbar mit den rechten Strömungen, die ja alle von einer ganz klaren Botschaft getragen sind: „Ich nehme dir deine Unsicherheit ab. Wenn du mir folgst, ist alles gut.“ Übertragen auf die Story lässt sich sagen: Er bestimmt sie ganz klar, aber ist – bis auf eine Ausnahme – immer achtsam mit ihr. Dieser Mix aus sich hingeben und totalem Vertrauen ist faszinierend. Er gibt ihr viel Sicherheit. Das ist übrigens auch ein ganz wichtiger Bestandteil im echten Sadomaso-Bereich: Dass man an eine Grenze gehen kann und gesichert geführt ist.

Und was passiert durch das Thema von "50 Shades of Grey" mit Mann und Frau?

Durch den Feminismus, der Frauen den Männern ebenbürtig gemacht hat und dadurch, dass diese Ebenbürtigkeit auch ganz selbstverständlich gelebt wird, haben Frauen ein neues Tabu bekommen. Nämlich jenes, sich dem Mann völlig hinzugeben. Was nicht heißt, sich zu unterwerfen, sondern sich lustvoll nehmen zu lassen.

Ist Emanzipation ein Lustkiller?

Nein, im Gegenteil. Die Ermächtigung zur Gleichwertigkeit ist die erste Voraussetzung für wirklich guten Sex. Man muss nur wissen, dass bei zu viel Angleichung der Geschlechter auch sexuelle Spannung verloren gehen kann. Sich bewusst vom Mann bestimmen zu lassen, ist eine besondere Qualität der sexuellen Beziehung. Feurige, leidenschaftliche Liebe braucht genau diese Spannung der Polarität. Wobei die klare Aufteilung in die beiden polaren Rollen von Nehmen und Genommenwerden nicht per se geschlechtsspezifisch ist. Und diese klare Rollenverteilung aus 50 Shades of Grey ist sicher etwas, was man als Anregung nehmen kann.

Ist "50 Shades of Grey" also eine Chance?

Ja, schon. Eine Chance, sich anregen zu lassen. Man könnte die Rollenverteilung neu sehen, sodass auch selbstbestimmte Frauen keinem neuen Tabu erliegen, sondern sich die Freiheit nehmen: „Ich bestimme, dass ich genommen werde. Ich sage, danke, dass du in diese Rolle gehst. Das liebe ich und das bereitet mir Lust.“

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