Depressive Gedanken, Ängste, Schlafprobleme: "Nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen!"

Ein Viertel der Menschen in Österreich hat inzwischen mit depressiven Gedanken zu kämpfen. Bei den Arbeitslosen sind es bereits 70 Prozent. "Nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen!", sagt Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie.

Psychische Gesundheit verschlechtert sich weiter

Jede*r zweite junge Erwachsene leidet mittlerweile an depressiven Symptomen – das zeigt eine aktuelle Studie der Donau-Uni Krems. Allgemein hat sich die psychische Gesundheit im Land verschlechtert. Neben den Jungen sind es vor allem die Frauen, Arbeitslosen und Alleinstehenden, die leiden. Mit dem Anstieg an psychischen Problemen steigt auch der Bedarf an Psychotherapie. Kassenplätze sind allerdings nach wie vor begrenzt.

"Ergebnisse sind alarmierend"

Seit Anfang der Corona-Pandemie beobachtet das Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit die psychische Gesundheit der Bevölkerung. Bereits im April, Juni und September stellte man einen Anstieg depressiver Symptome, Ängste und Schlafprobleme fest. Eine neuerliche Studie, gefördert vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP), belegt rund um den Jahreswechsel eine erneute Verschlechterung.

Demnach leiden 26 Prozent der Bevölkerung an depressiven Symptomen, 23 Prozent an Angstsymptomen und 18 Prozent an Schlafstörungen. Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren zeigten sich schon in den vergangenen Untersuchungen stets als am stärksten belastet. Hier kam es nun zu einem sprunghaften Anstieg von rund 30 Prozent auf 50 Prozent. "Diese Ergebnisse sind alarmierend", so Studienautor und Leiter des Departments für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit Univ.-Prof. Dr.Christoph Pieh.

Unterschiedliche Auslöser

Die Ursachen für den Anstieg psychischer Probleme sind vielfältig. Neben Sorgen um die eigene Gesundheit spielen oft Zukunftsängste, finanzielle Sorgen, Jobverlust oder Einsamkeit eine Rolle. "Als besonders belastend werden neben der Pandemie an sich die schwierige wirtschaftliche Lage sowie Folgen und die Maßnahmen zur Eindämmung erlebt", so Pieh.

Hilfreich seien oftmals das familiäre oder soziale Umfeld, Stressbewältigung, Sport oder andere Hobbys. Neben der Dauer der Pandemie dürfte auch der Erhebungszeitraum rund um Weihnachten und den Jahreswechsel ein relevanter Faktor sein.

Psychische Belastungen ernst nehmen und Hilfe suchen

Wenn die Probleme zu groß werden, sollte ein*e Experte*in konsultiert werden. "Gerade in schweren Fällen ist professionelle Hilfe in der Regel notwendig", erklärt Pieh. Der erhebliche Anstieg verdeutliche die psychischen Auswirkungen der Pandemie und bedarf einer raschen und speziell auf die aktuelle Situation angepassten Hilfe.

Dr. Peter Stippl, Präsident des ÖBVP, erklärt im Gespräch mit der WIENERIN, dass vielen der erste Schritt, die Entscheidung, es mit Psychotherapie zu versuchen, oft schwerfällt. Sein Tipp: "Nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen! Für jeden Menschen ist es vollkommen logisch zum*r Facharzt*ärztin zu gehen, wenn er sich beim Sport den Fuß verletzt und die die Schmerzen nicht von selbst weggehen. Daher rate ich, wenn unangenehme, schwarze Gedanken nicht von selbst oder durch Gespräche mit Freund*innen vergehen, das Gespräch mit dem Profi zu suchen." Oft seien bereits mit wenigen Sitzungen deutliche Entlastungen möglich.

Alle Informationen rund um die Psychotherapeut*innensuche sind der Website des ÖBVP (psychotherapie.at) zu entnehmen. Um den*die für sich passende*n Therapeuten*in zu finden, sei es laut Stippl hilfreich, sich vor der ersten Kontaktaufnahme anhand der Websites von Therapeut*innen ein erstes Bild zu machen, sich vorab gut zu überlegen, was man mit der Therapie erreichen möchte und dies im ersten Gespräch klar zu formulieren. "Je präziser jemand beschreiben kann, was seine Ziele sind, desto besser können wir helfen". Die Suche nach der passenden Person brauche manches mal etwas Zeit, so Stippl. Das sei aber vollkommen normal: "Oft muss man ein bisschen ausprobieren, bis man jemanden finden, mit dem es gut funktioniert – davon aber bitte nicht abschrecken lassen".

Mehr Kassenplätze für Psychotherapie

Vergangenes Jahr rief der ÖBVP die Kampagne #mehrpsychotherapiejetzt ins Leben, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Bedarf an professioneller Hilfe in Österreich sehr groß ist, insbesondere in Zeiten der Pandemie – die Finanzierung für viele Menschen allerdings eine Hürde darstellt.

Betroffene mussten entweder lange auf einen Platz warten oder tief in die eigene Tasche greifen. Psychotherapieplätze, die von der Krankenkasse übernommen werden, waren bislang stark begrenzt, je nach Bundesland in unterschiedlichem Ausmaß. Etwa die Hälfte der Patient*innen bezahlt die Psychotherapie selbst und bekommt nur ein Drittel der Behandlungskosten ersetzt. Inzwischen hat die Sozialversicherung der Selbstständigen den Zuschuss von 22 auf 40 Euro erhöht, die österreichische Gesundheitskasse habe die Kontingente für Psychotherapie deutlich aufgestockt, so Stippl. "Da haben wir schon einiges erreicht". Bis all jene, die es brauchen, Psychotherapie einfach und von den Krankenkassen finanziert bekommen, wird es allerdings wohl noch eine Weile dauern.

Helplines im Überblick

Du bemerkst depressive Gedanken oder fühlst dich gerade überfordert und möchtest mit jemandem sprechen? Folgende Telefon-Helplines bieten im Krisenfall Rat und Unterstützung:

Psycholog. Berufsverband (boep.or.at): 01 504 8000
Psychiatrische Soforthilfe: 01 313 30
Telefonseelsorge (erzdioezese-wien.at/telefonseelsorge): 142
Frauenhelpline (frauenhelpline.at): 0800 222 555
Kriseninterventionszentrum (kriseninterventionszentrum.at): 01 406 9595

 

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