Denkt bei der geplanten Energiesperrstunde niemand an Frauen?

Wie viel Angst und Unsicherheit erzeugt es bei Frauen, nachts durch unbeleuchtete Straßen und über unbeleuchtete Parkplätze gehen zu müssen? Wird es nicht langsam Zeit, dass man die Lebensrealität von Frauen mitbedenkt?

Denkt bei der geplanten Energiesperrstunde niemand an Frauen?

Wir befinden uns in einer Zeit, in der Energie massiv teurer geworden ist und die Versorgung nicht immer hundert Prozent gegeben ist. Sparen ist also die logische Konsequenz und gerade im öffentlichen Raum soll es dafür laut Sprecher*innen der ÖVP jede Menge Potenzial geben. Nachts beleuchtete Straßen, Gebäude oder Parkplätze sind für uns heute eine Selbstverständlichkeit, könnten das aber schon bald nicht mehr sein, da gerade hier Energie für den kommenden Herbst und Winter gespart werden könnte. So weit, so nachvollziehbar die Überlegung.

Landeshauptfraustellvertreter von Niederösterreich Stephan Pernkopf (ÖVP) fordert eine Energiesperrstunde und erklärt: "Ich habe null Verständnis dafür, dass Parkplätze in der Nacht beleuchtet sind. Auch Schaufenster muss man nicht immer beleuchten. Eine Sperrstunde würde das ausdrücken: Wo es sinnvoll ist, kann man etwas beleuchten, aber dann soll man es ausschalten."

Unterschiedliche Lebensrealitäten

Die Frage, die sich nun stellt, ist, wer über die Sinnhaftigkeit einer Beleuchtung definiert bzw. entscheidet. Denn fragt man hier Frauen und Männer, werden die Lebensrealitäten und Antworten massiv auseinander gehen und es wird Zeit, dass Männer in Führungspositionen die Erfahrungen und Ängste von Frauen in solche Entscheidungen mit einfließen lassen. Welche Frau würde nachts gerne über einen unbeleuchteten Parkplatz gehen? Durch unbeleuchtete Straßen? Wie viele Frauen wählen bewusst Wege, bei denen sie an beleuchteten Schaufenstern und Geschäften vorbei gehen, weil sich dies sicherer anfühlt, als in einer dunkeln Nebenstraße zu gehen, auch wenn der Weg länger ist.

Unser Leben

Als Frauen leben wir nach wie vor in einem Zeitalter, wo wir uns darüber freuen, dass es nun Apps gibt, die in der Nacht am Heimweg einen Anruf organisieren, damit wir uns sicherer fühlen. Wir leben in einer Welt, in der Google Maps verkündet, dass man künftig besser wissen lassen kann, wann Freund*innen am Treffpunkt angekommen sind. Und der Gedanke von Männern in den Kommentaren solcher Nachrichten offensichtlich ist, dass sie endlich wissen, wie spät ihre Kumpel dran sind. Während Frauen sich darüber freuen, dass sie noch genauer tracken können, ob ihre Freund*innen gut nach Hause gekommen sind. Die Lebensrealität von Frauen ist es, ihren Standort bei ersten Dates zu teilen. Nicht weil sie wirklich glauben, dass irgendeine ihrer Freund*innen etwas gegen den Übergriff eines Mannes tun kann. Sondern damit man sie dann findet.

Hört uns zu

Ich habe volles Verständnis, dass Männern all diese Punkte nicht bewusst sind. Die wenigsten haben das Bedürfnis ihren Freund*innen zu sagen: "Melde dich wenn du gut angekommen bist." Die wenigsten teilen Standorte aus Sicherheitsgründen oder vereinbaren vor Dates Dinge wie: "Wenn ich mich in zwei Stunden nicht melde, dann war sie vermutlich eine Psychopathin. Ruf dann die Polizei." Unsere Lebensrealitäten gehen auseinander. Deshalb verstehen Männer vermutlich auch nicht, wie es für Frauen ist, nachts durch unbeleuchtete Straßen oder über unbeleuchtete Parkplätze zu gehen. Männer haben keine Angst vor der Dunkelheit. Woran liegt das wohl?

Fünf nach zwölf

Es ist wichtig, dass wir langsam in die Gänge kommen und etwas gegen die Klimakrise tun, die Energiewende einleiten, uns ansehen, wie wir auf die aktuellen Veränderungen reagieren können. Es ist fünf nach zwölf. Aber es ist mindestens genauso Zeit, dass wir all diese Veränderungen nicht mehr auf den Rücken von Frauen austragen, sondern deren Lebensrealitäten miteinbinden, deren Stimmen hörbar machen. Wir Frauen sind keine Minderheit. Wir sind 50 % der Gesellschaft. Und wir verdienen es sicher zu sein und mit gutem Gefühl heimgehen zu können. Anstatt aber aktiv dafür etwas zu tun, schickt die Polizei die Info aus, dass Übergriffe im Sommer zunehmen, teilen dazu Verhaltenstipps für Frauen, wie diese sich möglichst unauffällig und sicher verhalten. Und die Regierung will uns das Licht am Heimweg abdrehen, nur weil sie selbst versäumt haben, proaktiv eine vorhersehbare Krise anzugehen. Wirkt es für irgendjemand so, als wenn die zweite Hälfte der Bevölkerung mitgedacht werden würde?

 

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