Dein Kind ist auch nur ein Mensch

Schreien, schlechte Laune, Wut - die Autorin Rebecca Eanes gibt einen interessanten Denkanstoß: Warum erlauben wir uns selbst Fehler im Umgang miteinander, unseren Kindern aber nicht?

In ihrem Buch "The Newbie's Guide to Positive Parenting" schreibt Autorin Rebecca Eanes einen Absatz, der ihren eigenen Worten zufolge zu den meistzitierten ihrer Karriere zählt:

"So oft werden Kinder dafür bestraft, menschlich zu sein. Sie dürfen keine schlechte Laune haben, keinen schlechten Tag, keine schlechten Eigenschaften und müssen immer den richtigen Ton treffen. Dabei haben wir Erwachsene all das die ganze Zeit. Niemand von uns ist perfekt. Wir müssen damit aufhören, unseren Kindern einen höheren Standard oder gar Perfektion abzuverlangen als uns selbst."

Eanes' Punkt: Kinder sind, wie alle anderen Menschen auch, nicht perfekt und trotzdem erwarten wir uns von ihnen besseres Verhalten und mehr Selbstkontrolle als wir Erwachsenen selbst ihnen tatsächlich vorleben.

Die meisten ihrer Leserinnen und Leser verstehe ihre Aussage so, erklärt die US-Amerikanerin auf mother.ly, es gebe aber immer noch genug, die die oben erwähnte Stelle in ihrem Buch als Aufforderung verstehen, Kindern "alles durchgehen" zu lassen und über Respektlosigkeiten oder schlechtes Verhalten hinwegzusehen - das sei keineswegs die Intention hinter ihren Worten gewesen.

Erwarte viel von deinen Kindern - aber auch von dir selbst!

Jeder hat schlechte Tage, schlechte Launen. Rebecca Eanes, selbst zweifache Mutter, meint: Es geht darum, diese schlechte Laune nicht auf andere und speziell nicht auf die eigenen Kinder zu projizieren. Eltern sollten lernen, mit der eigenen Frustration umzugehen, mit Wut, Angst, Traurigkeit und Enttäuschung. Das alles sei kein Grund, grob zu sein: "Wir alle brauchen hohe Standards, und wisst ihr, was wir noch brauchen? Ein wenig Gnade. Manchmal hat man einen schlechten Tag und sagt etwas, das nicht nett ist, oder man haut die Tür zu oder schreit mit seinen Kindern. Wir sind keine Roboter, manchmal ist das Leben echt hart und wir brauchen eine Pause und keinen Vortrag. Wir brauchen eine Umarmung, keinen vorwurfsvollen Blick. Wir wissen, wir haben etwas falsch gemacht, aber wir haben einfach eine harte Zeit. Wir brauchen ein wenig Gnade und Verständnis. Und dasselbe gilt für unsere Kinder."

Würdest du dein Kind für etwas, das du gerade getan hast, bestrafen?

Eanes hat einen kleinen Test für Eltern zusammengestellt, um das eigene Verhalten den Kindern gegenüber zu reflektieren: "Beobachte dich selbst und achte darauf, ob irgendetwas, dass du tust oder sagst, dich in Schwierigkeiten bringen würde, wenn du ein Kind wärst." Eltern sollten sich die folgenden fünf Fragen beantworten:

1. Hast du dein Kind ignoriert, während es mit dir geredet hat?
2. Hast du jemanden angeschrieben?
3. Hast du mit jemandem in respektlosem Ton gesprochen?
4. Hat dein Partner, deine Partnerin das getan?
5. Hast du mit einer Tür geknallt, mit den Augen gerollt oder bist wütend geworden, weil jemand etwas von dir wollte?

Der Autorin zufolge würde jeder von uns mindestens eine der Fragen mit "ja" beantworten - unsere Kinder hätten wir dafür umgehend bestraft.

"Wir erwarten von kleinen Menschen, deren Gehirne, deren Erfahrungsschatz bei weitem nicht so groß ist wie der unsere, sich besser zu verhalten als erwachsene Frauen und Männer", ist Rebecca Eanes überzeugt. Und setzt nach: "Wenn ihr mir nicht glaubt, dann hört auch die nächste Wahlkampfdebatte an oder scrollt durch euren Social Media Feed."

Wenn Kinder einen Fehler machen, sind wir schnell dabei, zu korrigieren. Für uns ist es okay, menschlich zu sein, aber von unseren Kindern erwarten wir Unmenschliches - und das ist schlicht nicht fair.

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