Das Wesentliche kann auch mein Smartphone nicht festhalten

"Man sieht nur mit dem Herzen gut", sagt der kleine Prinz. Das gilt auch auf der Fashion Week in Mailand , findet Kolumnistin Martina Parker.

Fashion Week in Mailand. Ein Feuerwerk der Farben und des Bling-Bling. Die Italiener zeigen das, was sie am besten können: Lebensfreude. Ohne etwas Glitzerndes oder Exzentrisches geht hier niemand aus dem Haus. Und die auffälligsten Looks tragen gar nicht die Models auf den Laufstegen, sondern die Fashion Crowd auf der Straße. Was man hier so auf der Via Monte Napoleone im Goldenen Dreieck zu sehen bekommt, brennt sich für immer auf die Netzhaut. 60-plus-Männer schwelgen in Zuckerwattetönen. Zahnstocherdünne Fashionistas mit riesigen bunten Fellschlapfen an den Füßen wischen beim Gehen ungewollt weggeworfene Zigarettenstummel vor sich her. Kreischbunte Vinylröcke zu Pyjama- Ensembles und Kimonos. Looks, die aussehen wie ein psychedelisches Puzzlespiel.

Promis überall

Und selbstverständlich wird alles sofort geknipst, gefilmt, getaggt, geteilt und gelikt. Anna dello Russo stöckelt auf Bleistiftabsätzen im Spitzennegligé über den Domplatz. SNAP! Carine Roitfeld stellt sich vor dem Il Salumaio um einen Tisch an. SNAP! Eine komplett ungeschminkte, hinreißend schöne Amber Valetta stürzt das männliche Verkaufspersonal bei Versace durch ihre bloße Anwesenheit in einen Liebestaumel. "Hai visto Amber?" - "Che bellissima!!!" SNAP!

In Mailand ist jeder Besucher auch gleichzeitig ein Paparazzo. Am liebsten hinter den Kulissen. "Bitte postet erst nach der Show!", lautet die Anweisung backstage. Aber die Versuchung ist einfach zu groß. Ein Model, das in ein Salamisandwich beißt? Was für eine herrliche Instastory!

Und dann kommt Giorgio Armani in den Raum...

Vor lauter Snappen und Chatten sieht man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und dann sehe ich ihn doch: Giorgio Armani tritt backstage seine Kontrollrunde an. Er trägt eine schwarze Hose, weiße Turnschuhe und einen blauen Kaschmirpulli. Und seinen Blicken entgeht nichts. Augenblicklich ändert sich die Stimmung seiner Mitarbeiter. Armani gilt als gnadenloser Perfektionist. Wenn ihm etwas nicht passt, wird es geändert, auch in letzter Sekunde. Giorgio Armani blickt prüfend um sich. Er sieht die Smartphones in unseren Händen und ich spüre sein Unwohlsein und seine Verachtung. Dann geht er an mir vorbei, sieht etwas am Boden liegen, was da nicht hingehört, greift zu einem Besen und kehrt es wortlos weg. Er reicht den Besen an einen verdutzten Mitarbeiter weiter und verschwindet. Ich stehe da mit meinem blöden Handy und einem verwackelten Bild, das ich später lösche. Weil das Wesentliche auch für das Smartphone unsichtbar ist. Besondere Momente kann man nur beobachten, spüren, darüber nachdenken und davon erzählen. Doch das ist ganz schön viel.

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