Das Vermächtnis von Dior

Das Musée CHRISTIAN DIOR in Granville zeigt erstmals die 50 wichtigsten Roben des »New Look«-Erfinders und wie der Meister der Couture außerdem den Parfummarkt revolutionierte. Die DIVA durfte die Christian-Dior-Retrospektive vorweg bestaunen.

Um den Spirit des Universalgenies Christian Dior wirklich verstehen zu können, muss man zumindest einmal im Frühling das parkartige Anwesen seines Geburtshauses besuchen. Wer an den wildromantisch zerklüfteten Klippen von Granville in der Normandie die Augen schließt, das ferne Grollen des Atlantiks wahrnimmt und sich dabei ganz und gar auf den lieblichen Duft von Rosen, Zypressen, Lavendel und den umstehenden blühenden Obstbäumen konzentriert, begreift plötzlich das Glücks- und Lebensgefühl von Diors Kindheit.

Die Sommer in Granville mit ihren mondänen Bällen im örtlichen Casino zählten zu den glücklichsten Jahren des 1905 geborenen Industriellensohns. Im Wissen um den Reichtum seiner Familie plante der kreative Freigeist eigentlich eine Karriere als Architekt. Nach der sorglosen Zeit eines Politologiestudiums, das ihm auch den Weg zu einer diplomatischen Karriere geebnet hätte, eröffnete Dior dennoch eine Galerie, die Werke von de Chirico, Braque, Dufy, Léger sowie von seinen Malerfreunden Max Jacob und Christian Bérard präsentierte.

DAS MUSÉE CHRISTIAN DIOR. Christian Diors Geburtshaus in Granville in der Normandie ist der Ort, der ihn zu seinen Kultparfums inspirierte. Heute beherbergt die Villa ein Dior-Museum.


Nach einer ausgedehnten Kulturreise
mit Architekten in die UdSSR bemerkte der Visionär 1929, dass nicht nur seine Galerie Konkurs anmelden musste; auch seine Familie stand aufgrund eines Börsencrashs vor dem finanziellen Ruin. Dior war über Nacht völlig mittellos. Er wurde schwer krank und verließ Paris einige Zeit später. Schon ein Jahr darauf sollte er zurückkehren, um aus seiner Notlage eine Tugend zu machen.

1935 begann er, Hüte zu entwerfen und nebenbei Modeillustrationen für den Figaro zu fertigen - eigentlich bizarr, dass die Welt einen der zehn bedeutendsten Designer der Modegeschichte einer derart prekären Situation zu verdanken hat. Die amtierenden Modepäpste der 1940er- Jahre, Robert Piguet und Lucien Lelong, erkannten sofort das kreative Potenzial des Designers wider Willen und engagierten den talentierten Dior vom Fleck weg.

Christian Diors Geburtshaus in Granville in der Normandie ist der Ort, der ihn zu seinen Kultparfums inspirierte. Heute beherbergt die Villa ein Dior-Museum. Bei der soeben eröffneten Retroperspektive in Granville werden noch bis 26. September die prachtvollsten Ballroben des Meisters sowie die seiner Nachfolger gezeigt.
Nach Diors Tod übernahm die »Muse« des Meisters, Yves Saint Laurent, die Leitung des Hauses. Danach folgten Marc Bohan und Gianfranco Ferré. Als stärkster Nachfolger gilt jedoch der amtierende Dior-Chefdesigner John Galliano. Seine Interpretationen der Originale verkörpern am treffendsten den Esprit des Hauses.
»J’adore« gilt als die Verbeugung der neuen Dior-Generation unter der Leitung von John Galliano an Monsieur. Sowohl der Duft (Rose, Jasmin und holzige Noten) als auch die CI tragen dem Erbe des Meisters Rechnung. Parfum 30 ml, ab € 55,10.

Bald hatte der Blut geleckt. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit machte sich der Modeschöpfer im großen Stil selbstständig: Als ihm der Pariser Textilkönig Marcel Boussac eine Starthilfe anbot, mietete der künftige Erfinder des »New Look« ein herrschaftliches Privathaus in der Avenue Montaigne als Atelier und Firmensitz. Außerdem ließ er das Domizil von dem angesagtesten Innenarchitekten seiner Zeit, Victor Granpierre, im Louis-XVI.-Stil dekorieren. Die dabei verwendeten Farbtöne wie Perlgrau, Weiß und Gold gelten übrigens noch heute als Grundpfeiler der Corporate Identity des Weltkonzerns.

Christian Dior galt anno dazumal als kühner Avantgardist. Obwohl er historistische Kostüme verehrte, erkannte er im Nachkriegsjahr 1947, dass die Zeit reif für einen neuen Dresscode war. Es kam also zu einer legendären Modepräsentation am 12. Februar desselben Jahres - Carmel Snow, die Chefi n von Harper's Bazaar, erinnert sich in ihrer Biografi e an die Begebenheit: »Diese völlig entstaubte, futuristische Silhouette mit ihren exakt taillierten Blazern kombiniert zu knieumspielenden Petticoats zu sehen war nach den Jahren der Entbehrung und des wirtschaftlich erzwungenen Stileinerleis eine Offenbarung. Ich glaube, es war das einzige Mal in meiner gesamten Karriere, dass bei einer Modenschau ausnahmslos jeder vor Verzückung schwieg - man hätte ein Seidentuch fallen hören können.«

Die Nachricht von Christian Diors »New Look« ging wie ein Lauffeuer um den Globus. Bei seinen darauffolgenden Besuchen in den USA wird der Designer gefeiert wie damals sonst lediglich aus dem All zurückkehrende Astronauten. Dior, der durch seine Notlage gelernt hatte, immer auf sich selbst zu vertrauen, war jedoch gegen Eitel- und Bequemlichkeit immun. In den Jahren nach seinem Durchbruch als Modestar definierte er als Erster die Gesetze einer Luxusmarke neu - und noch heute haben diese Gültigkeit im Mode- und Beauty-Business: Dior wusste, wie wichtig ein Duft ist, um das Lebensgefühl einer Couture-Marke zu transportieren. Er kreierte das Kultparfum »Miss Dior« - eine Ode an die Wohlgerüche des Parks seines Elternhauses in Granville.

InlineBild (2e04d912)DER KLASSIKER. Christian Dior kreierte »Miss Dior« (Flakon links) als duftes Äquivalent zu seinem »New Look« im Jahr 1947. Es handelt sich dabei um eine olfaktorische Verbeugung vor dem betörenden Duft der Blumen, Beeren und Orangenbäume des Gartens von Granville.
BLUMENKULT. Monsieur Dior liebte Blumen - besonders die bulgarische Rose (zu entdecken etwa im Eau de Toilette »Forever and Ever Dior«, 100 ml ab € 96,20).

Dior vertrat außerdem den Standpunkt, dass sein Look nur mit einem passenden Make-up voll zur Geltung kommen könne. Damals waren stark betonte Augen angesagt, also lancierte er eine Lippenstiftkollektion in zurückhaltenden Nude-Tönen. Auch war er sich über die Wichtigkeit von Werbung im Klaren und engagierte die Topillustratoren seiner Zeit für aktuelle Kampagnen. Zu guter Letzt band er auf unnachahmliche Weise berühmte Persönlichkeiten wie Queen Elizabeth und Stars wie Rita Hayworth oder Marlene Dietrich an das mondäne Image seiner Marke.

Ab einem Alter von Mitte 40 hatte Christian Dior in Sachen Erfolg schließlich alles erreicht und frönte ab dieser Zeit seinem liebsten Hobby, extrem angesagten, superpompösen Mottokostümbällen. Geschäftstüchtig, wie er war, kümmerte er sich mit Leidenschaft um die glamouröse Ausstattung. Am spektakulärsten war wohl Diors Kostümentwurf für die Modeikone Daisy Fellowes, Erbin von Isaac Singer, Erfinder und Nähmaschinenfabrikant. Das entscheidende Accessoire der Leopardenprintrobe mit Schleppe war tatsächlich ein begleitender Diener - gleichfalls im Animal-Look des Meisters -, der den passenden Sonnenschirm trug.

InlineBild (c8b0f482)Der Dior-Konzern feilt noch heute an Schminkutensilien, die dabei helfen, einen magischen Star-Look zu erzielen.
DAS NEUE MUST. Lidschatten »1 Couleur Nr. 336 Reflex Anis«, »Nr. 156 Purple Show«, gesehen ab € 53,80 (links).
»Dior Iconic Mascara«, gesehen ab € 31,- (rechts).

In der Nacht des 24. Oktober 1957 erhielt Dior mit nur 52 Jahren schließlich Besuch von einem ungebetenen Gast: dem Tod. Christian Diors Geist lebt jedoch in den Interpretationen von Gallianos Mode sowie in allen Parfums und Looks des Stilimperiums weiter.

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