Das steckt wirklich hinter nervösen Ticks

Nervig: Ticks wie Nägelkauen, Nagelhautzupfen, Lippenbeißen sind nicht leicht loszuwerden. Einen Versuch ist es trotzdem Wert.

Durchbeißen ­Leute, wir sind im Endspurt!“ Damit schließt die Chefredakteurin die ­letzte, eilige Sitzung vor der Heftabgabe. Es ist noch viel zu tun, und ich beiße noch nicht, ­zupfe ­allerdings – nämlich, ganz ohne es zu merken, an meiner Nagelhaut. Bevor ich mich jetzt der Arbeit widmen kann, muss ich mich erst mal um meine Hände kümmern: Mit dem nervösen Gefummle habe ich die feine Haut an ein paar Stellen verletzt. Am Daumen blute ich sogar.
Ich bedaure mich für meinen nervösen Tick und bemerke beim Rundgang im Büro: Ich bin nicht die Einzige. Die Kollegin vom Schreibtisch gegenüber kaut gedankenverloren an ihren Haarenden und eine andere kann die Finger nicht von ihrem Gesicht lassen.

Bitte ernst nehmen

In den USA nennt man die Angewohnheit, an sich herumzuzwicken, „Skin Picking Disorder“ und zählt sie zu den Zwangsstörungen. Aber kein Grund zur Sorge: Die Amerikaner sind sehr großzügig mit Krankheits­diagnosen. Wir Europäer sind da aus gutem Grund vorsichtiger. Die Psychologin und Psychotherapeutin Ria Lindner warnt sogar vor voreiligen Kategorisierungen: „Handlungen dieser Art sind einfach psychische Mechanismen zum Stressabbau. Man soll sie zwar ernst nehmen, aber sich nicht krank reden (lassen)!“
Auch unter unseren Leserinnen sind kleine Beauty-Ticks weit verbreitet. Ulrike erzählt: „In ruhigen Momenten, wenn ich mal nichts zu tun habe, untersuche ich ganz automatisch mein Gesicht auf Unreinheiten und trockene Hautstellen. Die kletzle ich weg und mache damit natürlich alles noch schlimmer. Das nervt mich irrsinnig. Und obwohl ich sehr diszipliniert und organisiert bin, habe ich es bis jetzt nicht geschafft, mein Verhalten unter Kontrolle zu bekommen. Ich sehe mit 39 aus wie ein pickeliger Teenager.“ Make-up hilft ihr dabei, sich zumindest tagsüber nicht ins Gesicht zu fassen.

Gesundheitliche Folgen

Im Gegensatz zu Ulrike ist Leserin Johanna nicht nur in Ruhezeiten mit ihren Nägeln beschäftigt, sondern ständig: „Ich bin generell ein nervöser Mensch, stehe immer unter Spannung und wackle die ganze Zeit mit den Füßen. An meinen Nägeln kaue ich, seit ich ein Kleinkind war. Demnach sind meine Fingernägel extrem kurz und hässlich. Das Schlimmste ist: Ich merke meistens gar nicht, dass ich beiße – bis mein Gegenüber sagt: ,Hände aus dem Mund!‘“
Weitere ähnliche Stresssymptome sind z. B. Lippenbeißen, an Unreinheiten auf Rücken oder Armen herumdrücken, Strähnenzwirbeln und das Ausreißen einzelner Haare. Verhaltensweisen, die sich mitunter zur Belastung auswachsen. Vor allem wenn nicht nur das Aussehen von Händen, Haaren und Haut beeinträchtigt wird, sondern auch die Gesundheit darunter leidet. Die kleinen Wunden, die oft eine Folge des „Pickens“ sind, führen zu Entzündungen und halten das Immunsystem auf Trab. Grund genug, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Experteninterview:

Suchen Sie sich neue Ventile für die Spannung

Die WIENERIN bat die Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Ria Lindner um ihre Meinung.

Warum haben so viele von uns diese nahezu selbstverletzenden Angewohnheiten?
An sich herumzupfen oder zu beißen dient meistens als Spannungsabbau. Spannung wiederum entsteht durch unangenehme Gefühle, wie Überforderung, Unsicherheit, Ärger, Wut, Nervosität, Angst oder Langeweile, denen man im Alltag einfach oft ausgesetzt ist.

Was kann man dagegen tun?
Finden Sie heraus, was die Spannungserzeuger in Ihrem Leben sind. Sind Sie zu perfektionistisch? Gibt es Probleme in der Partnerschaft? Sind Ihnen die Kinder, die Arbeit, das Studium zu viel? Wenn Sie das für sich herausgefunden haben, sollten Sie versuchen, die Spannungsquellen zu minimieren und sich im Alltag entlasten. Entspannungstechniken wie Yoga, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson, bei der man sämtliche Körperteile nacheinander anspannt und wieder loslässt, helfen dabei ein Gefühl für Lockerheit zu bekommen. So ist man negativen Gefühlen nicht mehr mit Haut und Haaren ausgeliefert.

Oft merkt man gar nicht, dass man gerade zupft oder knabbert ...
Diese Handlungen sind meistens sehr automatisiert. Allein sich den Ablauf bewusst zu machen, ändert also schon sehr viel. Ein Beispiel: Wenn Sie bemerken, dass Sie Nägel kauen, halten Sie kurz inne und beobachten Sie bewusst, wie Ihre Hand zum Mund kommt. Atmen Sie dreimal tief durch, gestatten Sie sich kurz zu kauen und hören Sie dann wieder auf, um etwas anderes zu tun. Halten Sie gezielt etwas bereit, das Sie kneten, drücken oder quetschen können, wie einen Stressball, Ihren Schlüssel oder einen Anhänger.

Was hilft, wenn man dazu neigt, sich in einem Anfall von Ärger, Wut oder Frustration auf diese Art selbst zu attackieren?
Machen Sie erst mal was ­anderes. Zerknüllen Sie ein Stück Papier oder gehen Sie laufen, bis Sie aus den stärksten Gefühlswallungen raus sind. Gerade für den Akutfall ist es wichtig, mehrere alternative Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben. Da gilt alles, was man selbst als hilfreich erlebt.

Wie findet man heraus, was einem hilft?
Fragen Sie sich: Wozu dient mir mein Tick? Was ist das Erleichternde daran? Wie kann ich das Erleichternde anders erreichen? Legen Sie sich eine Auswahl an Handlungsalternativen zurecht, die einen ähnlichen Effekt haben, aber weniger schädlich sind. Dann ist der Tick nur mehr eine Möglichkeit von vielen.

Muss man nach den tieferen Ursachen hinter den Symptomen suchen?
Die Ursachen sind ganz individuell und die Suche danach verfestigt oft eher das Problem, als es zu lösen. Es ist viel hilfreicher daran zu arbeiten, aus dem allgemeinen Bewertungssystem auszusteigen. Denken Sie sich: Jedes Gute hat auch etwas Schlechtes, und jedes Schlechte hat auch etwas Gutes. Das gilt für Situationen, in denen Sie Angst oder Wut haben, aber auch für die Symptome selbst: Nägelbeißen, Haareraufen usw. haben einen Sinn für Ihre Psyche. Wenn Sie herausfinden, welchen Sinn es für Sie hat, können Sie irgendwann einfach einen anderen Weg zu diesem Ziel einschlagen.

Was, wenn die Angewohnheit zur ernsthaften Belastung wird?
Schauen Sie zuerst, ob Sie sich Ihren Tick selbst abgewöhnen können. Wenn nicht, ist es vielleicht gut,
einen Therapeuten zu besuchen – am besten einen systemischen, lösungsfokussierten.

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