"Das sind unsere Toten": Kommentar zur Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer

Warum die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer mehr sind als nur eine humanitäre Katastrophe. Und warum es eine scheinheilige Politik ist, in Nordafrika Auffanglager oder EU-Botschaften zu fordern. Ein Kommentar von WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas.

Ja, ich habe Mitleid. Mitleid, wenn ich Bilder sehe – wie etwa ein kleines totes Kind in den Armen eines Mannes liegt. Der Gesichtsausdruck des Mannes ist leer, der tote Bub hingegen wirkt fast friedlich. Ja, das ist gespenstisch. Es ist unheimlich, es ist falsch und es macht fassungslos. Dass sich jeden Tag Menschen in vermeintliche Rettungsboote setzen, um statt in eine Zukunft in den nahezu sicheren Tod zu fahren, lässt mich erschaudern und macht mir Gänsehaut.

Aber was kommt jetzt?

Was tue ich als nächstes? Spenden? Die „humanitäre Katastrophe“, wie das Flüchtlingsdrama genannt wird, mit meinen Euros ein bisschen weniger schlimm machen? Ja, ich tue es vermutlich, weil mein Mitleid auch etwas über meine Nächstenliebe aussagt. Und damit über mich. Ich will mich am Ende dieser schrecklichen Woche ein bisschen besser fühlen, daher werde ich spenden. Und was noch?

Ich höre die Worte von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, die sich für Auffanglager in Nordafrika einsetzt, ich höre den ehemaligen EU-Kommissar Franz Fischler, der meint EU-Botschaften in Nordafrika wären vielleicht eine noch bessere Idee. Und mir gefallen beide Gedanken, weil sie das Problem wieder von mir wegziehen. Mir sagen, dass man sich dort „vor Ort“ darum kümmern wird. Das beruhigt mich.

Es ist nur leider so: Es ist unser Problem, und es wird uns weiterhin betreffen – wohin wir uns gedanklich auch flüchten wollen. Denn: Wir sind reich und die sind arm. Wir haben eine Demokratie und die nur Diktaturen, wir haben Sicherheit, die nichts mehr zu verlieren. Wir sind ihr gelobtes Land und deshalb geht es uns was an. Man braucht keine Auffanglager in einer Region, in der es bürgerkriegsähnliche Zustände gibt. Das funktioniert nicht, das ändert nichts. Was wir brauchen ist eine europäische Politik, die ihre Augen nicht weiter verschließt vor der Welt, wie sie nun einmal ist – oder auch gemacht wurde.


"Niemand ist eine Insel"

Die EU und damit auch Österreich ist wohlhabend. Und damit meine ich nicht, dass jeder bei uns das Geld zum Fenster hinausschleudern kann, aber man kann hier gut und vor allem sicher leben. Wenn uns dieses sichere Leben auch für unsere Kinder etwas wert ist, dann müssen wir aufwachen.

Die Aktion #gegenunrecht, die auch von der WIENERIN unterstützt wird, ist ein guter erster Schritt. Druck auf die Politik ist wichtig. Was uns persönlich aber nicht aus der Verantwortung nimmt. Vielleicht hilft ein banaler Gedanke, der trotzdem wahr ist: Wir leben auf einer Welt – und niemand ist eine Insel.

Aktion #gegenunrecht

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