Das Recht auf Hauswein

Teresa Havlicek liebt Wien und seine Kultur. Und diese Mischung aus Grant und Hauswein darf nicht mit Minze und Hollersirup verwässert werden.

Wenn Menschen über die unfassbar großartige Lebensqualität Wiens sprechen, meinen sie meistens die saubere Luft, das frische Wasser, die sicheren Straßen und die gut funktionierende Infrastruktur. Wenn wir aber ehrlich sind, hat sich noch nie ein grantiger Wiener fürs g’schmackige Wasser bedankt, und der meistzitierte Kommentar zur hiesigen Sicherheitslage lautet noch immer, dass man sich eh schon wie ein Fremder in der eigenen Stadt fühlt, vor lauter Kebabstandeln am Reumannplatz. So viele Wiener wohnen eigentlich eh nicht am Reumannplatz, und die Tatsache, dass die meisten Kebabstandler sowieso auch Schnitzelsemmeln verkaufen, scheint nicht ausreichend Bauchpinselei für das Heimatgefühl der Eingeborenen zu sein. Wenn wir also realistisch sind, ist vor allem eines für die gute Laune der Hauptstadt verantwortlich: das einzigartige Preis-Leistungs-Verhältnis von Hauswein.

Das Recht auf Hauswein

In keiner anderen euro­päischen Metropole bekommt man für unter zwei Euro ein akzeptables Glas Wein inklusive gratis Hochquell­leitungswasser. Wer es – wie ich – zu einer persönlichen Berufung gemacht hat, örtliche Beisln auszukundschaften, um den besten Wein für das wenigste Geld zu finden, der hat schon einiges mitgemacht. Manchmal wird man beim Bestellen von Kellnern mit verächtlichen Blicken gestraft, wahrscheinlich, weil sie von sparsamen Trinkerinnen ein geringeres Trinkgeld erwarten. Wenn man Pech hat, sitzt man vor einem kaum trinkbaren Glas Essigwasser und bekommt ohne Aufforderung nicht einmal das Leitungswasser zum Runterspülen dazu. In manchen Lokalen wird man als Hausweintrinkerin geradezu stigmatisiert, bekommt man doch im Gegensatz zu allen anderen kein Stielglas, sondern sein Achterl im Stamperlglas. Dabei erhalten wir meiner Meinung nach die Ehre dieser Stadt.

Bitte kein Veilchenscheiß

Dennoch gehören grantige Kellner so sehr zu Wien wie lauschige Spätsommerabende beim Heurigen. Und schlussendlich wird das Recht auf Hauswein an den meisten Orten auch anerkannt. Es gibt Geheimtipps, wo man um € 1,60 guten Wein im Stielglas und Wasser sogar ohne Aufforderung bekommt. Daher erschließt sich mir nicht ganz, wieso man fünf Euro dafür bezahlt, dass jemand Hollersirup und Minze in einen Spritzer kippt? Bei Aperol und Lillet wird mir die Rechnung dann zu kompliziert, aber es geht ums Prinzip: Wien darf nicht London (oder eine andere überteuerte Großstadt) werden!
Ich weiß eh, dass die Minze im Getränk zum After-Work gehört wie der Sand auf den Boden der Bobo-Lokale, aber samma uns ehrlich: Der Veilchenscheiß ist reine Ablenke, damit niemand mitbekommt, was für einen Fusel die in den Spritzer leeren. Im Hugo schmeckt man circa so viel Wein wie Kaffee im Karamel-Latte, was nicht unbedingt für die Liebe der Trinker zu diesen Getränken spricht. Und als wahrhaftige Kaffee- und Weinliebhaberin kann ich das nicht haben. Ich bestehe auf das Recht auf Hauswein. Das finden Sie engstirnig? Ist mir auch recht. Dann hab ich wenigstens einen Grund, grantig zu sein.

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