Das Problem mit berühmten Frauen und Feminismus

Lena Dunham fällt immer wieder mit unbedachten Aussagen auf, aber die Diskussion darüber, ob sie eine gute Feministin ist, lenkt vom Wesentlichen ab.

In einer aktuellen Folge ihres Podcasts „Woman of the Hour“ ist Lena Dunham wieder einmal mit einem geschmacklosen Sager aufgefallen. Es ging um das Recht auf Abtreibung und in dem Bemühen das Stigma rund um Abtreibung aufzubrechen, rutsche Dunham der Satz heraus: „Ich hatte selbst keine Abtreibung, aber ich wünschte, ich hätte eine gehabt.“ Verständlicherweise folge darauf ein Shitstorm: Die Aussage ist kontraproduktiv und bagatellisiert, wie nervenaufreibend und traumatisierend eine Abtreibung sein kann. Man muss keine Abtreibung gehabt haben, um sich mit Frauen zu solidarisieren, die eine erlebt haben.

Nicht die geeignete Gallionsfigur

Unter dem Hashtag #notmyfeminism wurde öfters die Meinung geteilt, dass Dunham ungeeignet als Gallionsfigur für einen aktuellen Millenial-Feminismus sei, da sie durchwegs undifferenzierte Meinungen vertritt, die nur für priviligierte, weiße Frauen stehen und wenig Abstufung über Faktoren wie Klasse oder Rasse erlauben. Die Autorin Becca Tasker etwa warf Dunham auf der Plattform „Babe“ vor, alle paar Monate etwas Schreckliches zu sagen und sich danach halbherzig zu entschuldigen, nur um anschließend unbedarft mit ihrem Leben weiterzumachen, und diesen Zyklus kurze Zeit später zu wiederholen.

Der Artikel ist nur ein Beispiel, aber die Härte mit der die Autorin Dunham verurteilt, steht exemplarisch dafür, wie wir mit Feministinnen, die in der Öffentlichkeit stehen, umgehen. Gespräche über Feminismus sind genau wie Gespräche über Abtreibung nicht einfach, aber schlussendlich geht es darum, niemanden vorschnell zu verurteilen und dazu gehört, auch Irrtümer zuzulassen. Die aktuelle Medienlandschaft verleitet uns dazu, permanent nach dem nächsten Skandal zu dürsten, uns echauffieren zu wollen und durch vorschnelles Verurteilen jeglichen Diskurs abzutöten. Ich wünsche mir auch oft, dass Lena Dunham endlich dazulernen und nicht immer wieder impulsive Aussagen tätigen würde, die teils nicht nur unbedarft sondern schlichtweg rassistisch sind. Aber eines muss man der 30-Jährigen „Girls“-Produzentin eben lassen: Mehr als irgendjemand anderer in der Öffentlichkeit stellt sie sich jedes Mal ihrer Kritik, diskutiert darüber und entschuldigt sich.

Feminismus bedeutet Diskurs

Im September fiel die Schauspielerin noch mit einer Aussage auf, wonach der afroamerikanische Football-Spieler Odell Beckham Jr. sie auf der Met Gala angeblich nicht beachtet hätte, weil sie einen Anzug trug. „Es war als würde ich nicht seinen Standards als Frau genügen. Als wäre ich ein Marshmallow. Oder ein Kind. Oder ein Hund. Er war so ‚Will ich das überhaupt ficken?‘ Er hat wirklich lieber auf sein Handy gestarrt, als eine Frau im Anzug anzuschauen.“ Diese Aussagen sind mehr als problematisch, da Odell Beckham Jr. buchstäblich nichts gemacht hat, außer auf sein Handy zu schauen und sie ihm unterstellt hat, sie zu sexualisieren und für ihre Outfit zu verurteilen. Gerade bei einem afroamerikanischen Mann spielen da viele sexualisierte Stereotype über seinen angeblichen Blick auf Frauen hinein. Nach der notwendigen Kritik entschuldigte sich Dunham mit den Worten, sie sei dankbarbar dafür, über ihre unbewussten Stereotype über schwarze Männer aufgeklärt worden zu sein, und darüber wie sie jeder verfügbaren Frau nachstellen würden. In ihren Aussagen seien viele ihrer eigenen Unsicherheiten mitgeschwungen, da sie sich unter all den eleganten Menschen auf der Met Gala sehr unsicher war und das Gefühl hatte, Odell wolle sowieso nicht neben ihr sitzen.

Tatsache ist: Wir alle haben Vorurteile und Annahmen über Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechtes oder ihrer Kleidung. Jeder und jede einzelne von uns. Und bei Menschen, die oft in der Öffentlichkeit sprechen, passiert es eher, dass diese ans Tageslicht kommen. In Lena Dunhams Fall geht das mit einer impulsiven Art und der Tendenz, zu viel von sich preis zu geben, einher. Aber sobald unsere unmittelbare Reaktion ist, Menschen als rassistisch oder sexistisch zu verurteilen, nehmen wir ihnen die Chance, sich weiterzuentwickeln und ihre eigene Befangenheit zu reflektieren.

Braucht Feminismus überhaupt eine Gallionsfigur

Gerade in Anbetracht der aktuellen gesellschaftlichen Situation, in der viele Wähler und Wählerinnen zu extremistischen Optionen tendieren, müssen wir Menschen die Möglichkeit geben, ihre Vorurteile zu reflektieren und das geht nur mit Verständnis. Denn am Ende des Tages heißt Feminismus nicht, alles wissen zu müssen, sondern die Bereitschaft zu haben, seine eigenen Umstände, Privilegien und Vorurteile zu reflektieren und dazuzulernen. Lena Dunhams Absichten sind gut, und sie müsste ihre öffentliche Persona nicht dafür nutzen, für Frauengesundheit und wirtschaftliche Gleichberechtigung zu kämpfen. Gerade wenn wir „gute Feministinnen“ sein wollen, sollten wir bei uns selbst anfangen und reflektieren, warum wir öffentliche Frauen permanent an so unfassbar hohen Standards messen und nur darauf warten, sie für ihr Versagen zu verurteilen zu können. Was gibt uns das? Noch einen Tweet, noch einmal echauffieren. Ist uns das kurze High so viel wert, dass wir jemandes Entschuldigung nicht mehr gelten lassen können?

Genau das ist das Problem mit „Celebrity-Feminismus“: Es nimmt die Aufmerksamkeit von den tatsächlich Mächtigen, von den bestehenden Machstrukturen und füttert uns mit kleinen Streitigkeiten darüber, ob Beyoncé, Lena Dunham oder Emma Watson bessere Feministinnen sind. Diese Frauen sind gut dafür, um dem Thema eine Breitenwirksamkeit und Symbolkraft zu geben. Aber wir dürfen uns nicht ablenken lassen, wir haben Größeres zu tun.

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