Das muslimische Matriarchat der Minangkabau

Auf der indonesischen Insel Sumatra leben die Minangkabau. Sie sind die größte matriarchalische Gesellschaft der Welt. Und sie sind gläubige MuslimInnen. Wie geht das? Ein Besuch.

In anderen islamischen Ländern gälte sie als glückliche Frau. Drei Söhne hat sie zur Welt gebracht – für fast jede islamische Frau ein Segen Gottes. Drei männliche Nachfahren, die den Namen weitertragen und das Ansehen mehren. „Hier aber bin ich eine arme Frau“, sagt Prof. Dr. Thaib, die Königin der Minangkabau, während sie auf der Terrasse ihres Hauses in Padang in Westsumatra steht und ihre Söhne verlegen, fast schuldig lächelnd im Haus verschwinden.
Auch sie lächelt. Eine Frau mit der Aura einer in Würde gealterten ­Grande Dame im traditionellen Gewand. Ihre Söhne kennen die Leier schon. Keiner von ihnen ist eine Frau, keiner wird den Thron der Mutter besteigen können.
Während im Rest der islamischen Welt die Macht eher bei den Männern zu finden ist, halten es die Minangkabau anders. Hier haben die Frauen das Sagen. Sie sind die Familienoberhäupter und die Erbinnen. Es ist ihr Name, der bei der Hochzeit weitergegeben wird.
Die Minangkabau sind die größte matrilineare Gesellschaft der Welt. Und sie sind MuslimInnen. Aber anders als im klassischen Islam ist das Eigentum bei den Minangkabau in den Händen der Frauen. Auch in der Königsfamilie wird der Thron immer über die Linie der Frau weitervererbt.
Es gibt hier verschiedene Mythen darüber, wo das Matrilineare herkommt. Ein Mythos besagt, dass man früher nie genau wissen konnte, wer der Vater eines Kindes ist, die Mutterschaft aber ist sicher. So war es sinnvoller, die Blutlinie der Frau als das Maß der Dinge zu nehmen.
AnthropologInnen vermuten, die matrilinearen Strukturen, die Strukturen weiblicher Herrschaft, seien entstanden, weil die Männer – um Handel zu treiben – monatelang unterwegs waren, während die Frauen zu Hause blieben und sich um den Hof kümmerten.

Gesellschaft ohne Herrschaft

Thaib ist die 33. Nachfahrin des ersten Königs, Adityawarman. Er gründete das Königreich der Minangkabau im 10. Jahrhundert. 1833 wurde der letzte König von den Holländern abgesetzt und ins Gefängnis geworfen. Seither gibt es offiziell keine Könige mehr, aber die Königsfamilie stellt weiter eine/n RepräsentantIn. „Unser Geschlecht hat immer noch Macht“, sagt Thaib. Nicht mehr politisch, aber die Kultur spiele bei den Minangkabau eine große Rolle. 75 kleine Königinnen und Könige gibt es im Reich der Minangkabau; Thaibs Familie stellt deren Oberhaupt. Offiziell hat heute die indonesische Regierung die Macht. Aber in vielen Bereichen wird ein Gewohnheitsrecht der Minangkabau angewandt, das Adat. „Es regelt das alltägliche Leben, Sterbefälle, Geburten, Hochzeiten, Hausverkäufe“, erklärt Thaib. Das Siedlungsgebiet der Minangkabau wird von sogenannten Adat-Räten verwaltet.
Traditionell sitzen dort Männer und Frauen zusammen. Die Königin ist aufgestanden, um Fotos ihres alten Clanhauses in den Bergen zu holen. Kunstvolle Arabesken, fein gearbeitete Holzschnörkel zieren das Haus, dessen Dach an beiden Enden nach oben ragt wie die Hörner der Büffel. „Dort sitzen wir zusammen und beraten über wichtige Entscheidungen des Clans“, erzählt sie. Wenn man sich bei Fragen nicht einig sei, dann wiege das Wort der Frau schwerer als das ihres Mannes. „In Clanfragen wie in der Familie“, so die Königin. Redet man mit anderen Adat-Räten, hört man allerdings, dass es neuerdings trotzdem immer öfter die Männer sind, die die Entscheidungen treffen. Die Gewohnheiten des Rests des konservativen Landes sickern auch bei den Minangkabau, gerade bei den Jüngeren, immer mehr ein.

Nicht der Islam unterdrückt die Frauen, sondern die arabische Tradition.
Prof. Dr. Thaib, Königin der Minangkabau


Die Anthropologin Peggy Reeves Sanday, Professorin an der Universität von Pennsylvania und Expertin für die Minangkabau, sagt, dass traditionell auch im Matriarchat politische Entscheidungen oft von Männern getroffen werden, aber anders als in anderen Gebieten. „Die Menschen sitzen zusammen und tauschen Argumente aus.“ Und wo sich in patriarchalen Gesellschaften oft ein einzelner Mann durchsetze, der es schafft, die Gruppe zu kontrollieren, sei bei den Minangkabau die Entscheidungsfindung konsensbasiert, Machtworte gebe es nicht. Deshalb, so Sanday, dürfe man sich das Matriarchat der Minangkabau nicht so sehr wie eine Gesellschaft vorstellen, in der die Frauen herrschen, sondern eher als eine Gesellschaft im Gleichgewicht, die weitgehend ohne Herrschaft auskomme. „Man kann das mit einer Firma vergleichen“, sagt Thaib. „Die Frau ist die Eigentümerin, der Mann der Manager. Und in dieser Balance funktioniert unsere Gesellschaft.“ Gerade in den Städten aber lösen sich die traditionellen Strukturen immer mehr auf.

Bewahren der Traditionen

Im Rest von Indonesien rümpft man schon lange die Nase. Und im gesamten arabisch-islamischen Raum, wo der Mann das unumstrittene Oberhaupt der Familie ist, religiös legitimiert, sieht man das sowieso anders.
„Man muss einen Unterschied machen zwischen islamischen und arabischen Kulturen. Der Islam macht die Frau nicht schlecht“, sagt Thaib. „Es ist die arabische Tradition, nicht der Islam, die die Frauen unterdrückt.“
Um das stolze Erbe und die alten Traditionen ihres Volkes zu bewahren, hat Thaib die Bundokanduang-Gruppe gegründet. 29 Männer und Frauen, die durch das Land reisen, um in Schulen, Clanhäusern, auf Plätzen und in Rathäusern die matrilineare Tradition auch bei den Jungen am Leben zu erhalten, damit es Ereignisse wie jenes am
nächsten Tag noch lange geben wird.
Überall um das Dorf Supayang herum eilen am nächsten Morgen Frauen in sorgsam gelegten Gewändern durch den Dschungel. In den Händen halten sie Sirih-Blätter, hart wie die Wedel der Bananenpalmen, und Stücke der Pinangfrucht, die auf den Blättern liegen. Sie laufen durch die Dörfer, klopfen an Türen und verteilen ihre kleinen Geschenke. Denn morgen heiraten Refli Muniza und Afrizal. Und alle sollen kommen.
Das Dorf Supayang liegt im hügeligen Dschungel Westsumatras, drei Stunden entfernt von Padang. Dichte Wälder, über denen oft der Nebel steht, ziehen sich über das Land.

Im Alltag sind die Frauen die Besitzerinnen, die Männer die Manager.
Prof. Dr. Thaib, Königin der Minangkabau

Im Dorf haben Wati und Aisya das Haus der Braut geschmückt. Wati ist 42 und die Schwester der Braut, ­Aisya ist Watis Tochter. Sie sind aus der nahe gelegenen Stadt Solok angereist, wo Wati einen Kleider­laden betreibt. Die Männer sitzen am Rand und schauen dem Treiben zu. ­Aisya lächelt und liest ein paar Nachrichten auf ihrem Telefon. „Ich fühle mich den Männern eigentlich gar nicht so überlegen. Eigentlich sollen wir doch alle gleich sein.“
Das Matriarchat hatte immer Bestand im Land der Minangkabau – als es besetzt war, unter der Kolo­nialherrschaft und unter dem Islam, der omnipräsent ist in Form von Moscheen, Kopftüchern und den 99 Namen Allahs, die auf Plastikschildern die verschlungenen Straßen durch die grünen Hügel und Berge West­sumatras säumen.
Die Kultur der Minangkabau ist nicht einzigartig. In der Geschichte der Menschheit gab es immer wieder Matriarchate, so bei den Khasi in Ostindien oder bei den nordamerikanischen Irokesenvölkern. Aber die Minangkabau bilden die größte noch existierende matrilineare Gesellschaft. Ungefähr drei Millionen Menschen zählen sie.

Kultur ist womanpower

Wati läuft mit schnellen Schritten über den Hof. Eine Bühne steht vor dem Haus, Holzplanken auf alten blauen Ölfässern; Plastikplanen sind darüber wie Baldachine gespannt. Die Eltern der Braut haben das alles gemietet, und nun drängen sich die Frauen der Familie in der offenen Küche. In großen, dampfenden Töpfen, die auf schweren, dreibeinigen Gestellen stehen, garen Rindfleisch in Kokossud, Hühnerbrüste, Kürbisse, Reis und Kartoffeln.
In den drei kühlen Räumen des Hauses, die alle mit rotem, mit goldenem Stickwerk verziertem Tuch ausgehängt sind, werden die letzten Vorkehrungen getroffen. Im Hauptraum steht ein ebenfalls roter Thron, auf den sich Braut und Bräutigam später setzen werden. Hinten im Schlafzimmer wird die Braut geschminkt. Wati steht an eine Holzsäule gelehnt, gibt Anweisungen und kontrolliert das chaotische Treiben. „Im Alltag“, sagt sie – und stimmt damit der Königin zu –, „sind die Männer die Manager.“ Die Hochzeit ihrer Schwester auf den Besitzungen ihrer Familie aber managt sie selbst. Hochzeit, das ist Frauensache bei den Minangkabau.
Sieht sie keinen Widerspruch zu ihrer Religion? Ja, sagt Wati, es stimme schon, Religion und Kultur seien hier widersprüchlich. Die Kultur aller­dings sei zuerst da gewesen. Die Kultur, sagt sie, sei Womanpower, und benutzt lächelnd die englischen Worte; die Religion, das sei Man­power. „Aber die Kultur ist wichtiger.“ Und so behalten die Frauen hier in den Bergen das Sagen.
Natürlich, sagt sie, gebe es Probleme mit anderen religiösen Gruppen hier in Indonesien. Gerade auch mit den Salafisten, die auf der gleichen Insel im Norden Sumatras ein strenges Regime führen, eine eigene Scharia-Polizei betreiben. Aber man versuche, den Anfeindungen aus dem Weg zu gehen und unter dem Radar zu bleiben.

Nichts wird sich ändern

Probleme mit den Strenggläubigen in Indonesien hielten die Minangkabau schon immer aus. Selbst einen über 30-jährigen Krieg gewannen sie im 19. Jahrhundert gegen die wahhabitisch beeinflussten Padri-Krieger. Deswegen, so glauben sie hier, wird sich auch in Zukunft bei ihnen nichts grundlegend am Matriarchat ändern.
Im festlich geschmückten Haus sitzt später das Brautpaar auf dem Thron. Der Raum ist zu gleichen Teilen gefüllt mit Männern und Frauen. Die Männer sitzen auf der rechten Seite, die Frauen auf der linken. Schalen mit Essen werden serviert. Reis. Huhn. Rindfleisch. Gegessen wird mit den Händen. Das ist Tradition; genauso, wie es Tradition ist, dass Männer den Frauen den Antrag ­machen und die Mütter dann entscheiden, ob der Bewerber auch gut genug ist.
Rauch weht durch die Fenster hinein. Ein paar alte Frauen haben ein Feuer entfacht und flämmen kurz die Blätter der Bananenpalmen an, in die sie den gekochten Reis verpacken, der den Gästen als Geschenk gereicht werden wird. Eine Henne rennt mit ihren Küken durch den Rauch, und Wati ruft den Männern, die noch ­immer rauchend in einer Ecke ­hocken, zu, dass sie mit anpacken sollen.
In der Woche, die auf das Fest folgt, wird – so, wie es immer gewesen ist – die Familie des Bräutigams sein Hab und Gut in das Holzhaus bringen, vor dem nun eine Tanzgruppe aus dem Dorf der Menge einheizt. Nicht die Braut zieht hier zur Familie des Bräutigams, der Bräutigam zieht zur Familie der Braut. „Diese ‚häusliche Gewalt‘, von der alle sprechen“, sagt deswegen eine der Tanten, „die gibt es hier nicht. Das soll sich mal einer trauen im Haus der Frau!“

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