Das lange Warten

Ein bisserl zu-warten, etwas ab-warten, was Bestimmtes er-warten (können) – wie oft sind wir zur Warterei verdammt! Lesen Sie, was dieser Zustand mit uns macht und von welchen Seiten er sich zeigt.

Es ist schon ein Phänomen: Wurscht, wo man sich anstellt, immer scheint man die langsamste Kassa zu erwischen. Und der Typ vor einem? Der braucht auch noch Ewigkeiten, bis er das Kleingeld aus dem Börsel geklaubt hat und dann sind nicht einmal seine Äpfel abgewogen. Ach herrje aber auch! Dabei wartet man an einer Kassa im Schnitt gerade mal 2,7 Minuten. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen: 2,7 Minuten. Das ist doch eigentlich wirklich nicht lang. Und trotzdem: Schon diese kurze Wartezeit kann einen völlig aus der Fassung bringen.

Warten wird halt leider (meistens) als Stress empfunden, wie auch eine Studie belegt. Wieso das so ist? Weil wir das Warten nicht auf unserer Agenda haben, weil es uns gewissermaßen ausbremst, wir gewohnt sind, unsere Zeit effizient einzuteilen und weil es uns von außen aufgezwungen wird, meint Friederike Gräff, Autorin von "Warten – Erkundung eines ungeliebten Zustands" (Ch. Links-Verlag, € 15,40). „Außerdem irritiert uns das Warten so, weil wir es gewohnt sind, immer irgendeine Ablenkung zu haben“, sagt sie.

Ihr Ratschlag für mehr Coolness im Stau, im Arztwartezimmer oder am Ticketschalter lautet deshalb: „Schauen Sie sich um, schauen Sie, was die anderen machen, worüber sie sich unterhalten, schärfen Sie Ihre Beobachtungsgabe in der Zeit.“ Und: Machen Sie das Beste draus. Ja, das klingt abgedroschen und das haben Sie auch bestimmt schon mal gehört. Aber trotzdem: Wer sich in so einer Situation bewusst macht, dass er sie nun einmal nicht ändern kann und sich dafür entscheidet, gelassen zu bleiben, hat sich immerhin 2,7 Minuten Ärger erspart! Ist doch auch schon was. Und wenn es dann um Zeiträume geht, die diese 2,7 Minuten übersteigen und vielleicht weit übersteigen, sind Sie ein kleines bisschen besser dafür gerüstet.

Das Warten kann nämlich natürlich auch ganz andere Dimensionen erreichen: Wochen bis zum nächsten Urlaub; Monate, bis das Baby zur Welt kommt; Jahre, bis der Asylbescheid eintrudelt; eine unbestimmte Zeit bis zur lebensrettenden Organspende; eine gefühlte Ewigkeit, bis die große Liebe endlich daherkommt. Und all diese Wartezeiten und -arten machen was mit uns: „Warten ist per se weder gut noch schlecht“, sagt Christine Diercks, Fachärztin für Psychiatrie und Psychoanalytikerin. „Was zu wollen und es gleich zu kriegen, ist ja auch wunderbar. Warten bedeutet schließlich Unlust. Nur: Ein Leben ohne Warten gibt’s halt einfach nicht und auf Dauer würde es ziemlich unzufrieden machen, immer alles zu kriegen, die Dinge würden wertlos werden.“

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Wenn es um schöne Ereignisse geht und wir uns freiwillig für das Abenteuer Warten entscheiden, kann es ein richtiger Gefühlsverstärker sein und sich von einer richtig schönen Seite zeigen, sagt Friederike Gräff: „Es kann Ereignisse oder Belohnungen stark intensivieren. Zu warten, bis man sich z. B. etwas Bestimmtes kauft, kann die Freude darüber deutlich verstärken.“ Die Sache mit dem Christkind wäre auch nur halb so spannend, müssten wir nicht drauf warten, stimmt auch ­Christine Diercks zu: „Man sagt ja auch nicht umsonst: ­Vorfreude ist die schönste Freude. Wenn man etwa verliebt ist, malt man sich die herrlichsten Dinge aus. Und selbst wenn die in Wirklichkeit dann nicht genau so eintreten – in der Vorfreude erleben wir zwar ein bisschen Unsicherheit, aber auch reines Glück.“ Ein bisschen Vorstellungskraft, Fantasie und Träumereien während des Wartens können diese Zeit also zu einer sehr angenehmen machen und dazu beitragen, zumindest ein kleines bisserl geduldig zu werden.

Nicht umsonst wird auch der Satz „Auf nichts warten – das ist schrecklich“ des italienischen Schriftstellers Cesare Pavese immer wieder zitiert. Warten bedeutet nämlich auch, hoffnungsvoll zu sein und Ziele zu haben. „Auf nichts zu warten, würde heißen, dass man keine Wünsche mehr hat. Wer nichts mehr will, wird beziehungslos und man würde schließlich von einer Störung reden“, sagt Diercks. „Warten heißt auch immer Erwartung,“, ergänzt Gräff, „das gilt es auszukosten und es kann einem ein Gefühl großer Lebendigkeit geben.“

So schöne Seiten das Warten auch haben kann, vielen Menschen zeigt es sich auch in seiner schrecklichsten Form. Nämlich dann, wenn es krank macht, weil man als Flüchtling nicht weiß, was die Zukunft bringt. Oder wenn jemandem zum Beispiel das Warten auf ein Organ, eine lebenswichtige Therapie oder den Tod auferlegt wird. Dieses Warten kann man nicht schönreden, das hat nichts Angenehmes, sagt Christine Diercks: „In so einer Zeit muss man leider viel Angst und Verunsicherung aushalten, denn man weiß nicht genau, ob einem geholfen werden kann. Und dieses Ausgesetztsein muss man erst einmal verkraften.“

Ein allgemeines Patent-Rezept, wie man mit dieser Zeit umgeht, gibt es keines. Aber Menschen, die schwer krank sind, entwickeln oft ganz eigene Strategien, wie sie diese Art der Wartezeit verbringen, hat Friederike Gräff beobachtet: „Ich habe den Eindruck, diese Menschen lernen einen anderen Umgang mit sich selbst, gehen viel behutsamer und achtsamer mit sich um. Und – das klingt zwar ein bisschen paradox, ich kann es aber nicht anders ausdrücken – sie leben irgendwie sehr bewusst in der Gegenwart und gleichzeitig in der Zukunft.“

Und diese Balance zwischen „Ich lebe jetzt mein Leben bewusst in der Gegenwart“ und „Ich schaue wach in die Zukunft“ für sich zu finden, hält Friederike Gräff für ganz wichtig: „Das eine ist einfach nicht ohne das andere da. Wenn wir das verstehen, können wir mit dem Warten vielleicht ein Stückchen besser umgehen.“

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