Das Korsett im Kopf

Kaum jemand sieht sich selbst so, wie er wirklich ist. Das Bild, das wir von unserem Körper haben, ist verzerrt. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Doch wer sie kennt, kann irgendwann sagen: „So bin ich also wirklich!"

Eigentlich sollten wir ja längst aus dem Alter raus sein, in dem „Ich sehe was, was du nicht siehst" eine angemessene Freizeitbeschäftigung war. Sind wir aber nicht. Vielmehr spielen wir das Spiel täglich aufs Neue. Im Spiegel entdecken wir, was andere oft gar nicht erkennen können: Problemzonen zum Beispiel. „Kaum eine Frau hat ein objektives Bild von ihrem eigenen Körper. Unsere Wahrnehmung ist in Bezug auf uns selbst im wahrsten Wortsinn ,verrückt‘", weiß Psychologin Charlotte Hetzer. Doch warum sehen wir uns eigentlich nicht (mehr) so, wie wir wirklich sind? Die WIENERIN betrieb Ursachenforschung.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 1: DER DIREKTVERGLEICH Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit anderen Frauen in einem Raum und müssen Mathematikaufgaben lösen. Würden Sie im Bikini anders abschneiden als voll bekleidet? Die Antwort lautet: ja. Eine Studie hat nämlich gezeigt: Während sich Männer beim Rechnen von „Äußerlichkeiten" kaum beeindrucken beziehungsweise beeinflussen lassen, lässt die Leistung von Frauen um ein Drittel nach, wenn sie die Übungen halbnackt lösen müssen. Die Sorge ums Aussehen lenkt sie massiv ab, der Vergleich mit den Geschlechtsgenossinnen erst recht. Scheuklappen aufsetzen? Bringt nichts. Wir checken nämlich nicht nur bewusst ab, wie andere aussehen, sondern auch unbewusst. Und das hat nicht nur Auswirkungen auf unsere Rechenleistung, sondern auch auf unser Selbstbewusstsein und -bild.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 2: DER KONTRASTEFFEKT Natürlich spielt es eine große Rolle, mit wem wir uns vergleichen. Der Zerrfaktor verändert sich mit dem Umfeld. Schuld daran ist der sogenannte Kontrasteffekt: Sind wir von Leuten umgeben, denen wir uns äußerlich überlegen glauben, zeichnet sich im Kopf ein positiveres Selbstbild ab. Wenn wir aber jemand auch nur aus den Augenwinkeln als attraktiver wahrnehmen, fühlen wir uns gleich weniger schön, kommen uns selbst minderwertiger vor, entdecken mehr Mängel am eigenen Körper. Beispiel: Auf attraktive Verkäuferinnen reagieren vor allem junge Frauen mit Kaufzurückhaltung, weil sie sich unwohl fühlen. Dass wir noch dazu mit bis zu 5.000 digital veränderten Bildern pro Woche konfrontiert werden, macht die Sache nicht besser. Denn die zeigen Wirkung. Wie sehr, beweist eine Studie, die herausfand, dass fast 12 Prozent der jungen Mädchen auf den Fidschi-Inseln binnen drei Jahren eine bulimische Essstörung entwickelten, nachdem dort 1995 das Fernsehen eingeführt worden war.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 3: DIE TAGESFORM
Ob wir zufrieden sind mit dem, was wir im Spiegel sehen, hängt auch von unserer Tagesform ab. Geht es uns schlecht, stören uns angebliche Problemzonen gleich viel mehr. Sind wir hingegen gut drauf, ist unser Körperbild positiver.

FREMD IM KÖRPER
Im extremsten Fall nimmt die falsche Körperbildwahrnehmung krankhafte Formen an. Dass Essgestörte massive Probleme mit dem eigenen Körperbild haben, ist bekannt: Sie betrachten ihren Körper wie in einem Zerrspiegel, das lässt sich auch in der Hirnaktivität nachweisen. Bislang wenig erforscht ist dagegen eine extreme Form von Körperstörung: die Body Integrity Identity Disorder (BIID). Betroffene halten sich grundlos für hässlich und / oder verunstaltet. Forscher vermuten, die Störung habe keine psychologische Ursache, sondern sei eine Fehlfunktion des Hirns. Studien zufolge leiden 15 % jener Personen, die eine oder gar mehrere Beauty-OPs hinter sich haben, darunter.

WEG DAMIT.
Die Betroffenen fühlen sich in ihrem Körper derart unwohl, dass sie unerwünschte Gliedmaßen, häufig das Bein, am liebsten abschneiden lassen würden. Oft finden sich unter den Erkrankten (ehrgeizige) Männer. Da Ärzten der hippokratische Eid verbietet, gesunde Körperteile zu amputieren, greifen verzweifelte BIIDler sogar zu wahnwitziger Selbsthilfe: In Foren tauscht man Tipps, wie man etwa mit Trockeneis gesunde Beine zum Absterben bringt, sodass eine Amputation unausweichlich wird.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 4: DER (LEBENS-)WANDEL Das Bild, das jeder von sich im Inneren abgespeichert hat, ist nicht nur anfällig für Verzerrungen. Es ist auch alles andere als fix. Körperbilder sind kein (mehr oder weniger befriedigender) Zustand, sondern ein Prozess: „Das Körperbild entwickelt sich zeitlebens", sagt Psychotherapeutin Gabriele Kofler. Und immer dann, wenn sich in unserem Leben etwas wandelt oder unser Körper selbst sich verändert - etwa in der Pubertät oder während einer Schwangerschaft - „müssen wir das in unser Selbst-Ich integrieren". Dies gelingt mal besser, aber öfter schlechter. Frauen etwa, die viel abgenommen haben, denken oft noch an das alte Bild von sich, was sie beim Shoppen zu viel zu großer Kleidung greifen lässt.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 5: DER INNERE SPIEGEL
Wie wir uns selbst wahrnehmen, hängt auch von soziokulturellen Faktoren ab. Der „innere Spiegel" von Heranwachsenden wird zum Beispiel oft von den Eltern geformt. Daher sollten die sich negative Kommentare über das Aussehen des Nachwuchses verkneifen.
Wissenschaftler der Harvard Medical School fanden heraus: Teenager-Mädchen, deren Eltern ständig ihr Gewicht kommentierten, waren ein Jahr später doppelt so häufig um ihr Aussehen besorgt wie Gleichaltrige.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 6: GESELLSCHAFTSTRENDS
Dass es nicht ohne Folgen bleiben kann, dass in unserer Gesellschaft Botox-Spritzen und Brustkorrekturen mittlerweile selbst für Jugendliche als normal gelten, ist klar. Jüngst verloste eine österreichische Tageszeitung sogar eine Beauty-OP. Susie Orbach, die britische Psychoanalytikerin, die die Bulimie von Lady Di behandelte, diagnostiziert in ihrem neuen Buch Bodies (Arche-Verlag) gestiegenen Körperhass. Sie meint sogar, dass es etwas wie den „natürlichen" Körper gar nicht mehr gebe. „Statt ihn als gegeben hinzunehmen, wird es als persönliche Pflicht empfunden, Aussehen und Funktionieren des eigenen Körpers zu optimieren." 80 bis 90 Prozent der jungen Mädchen und Frauen in Österreich sind mit ihrem Körper unzufrieden. Acht Prozent der Österreicher haben bereits eine Schönheits-OP hinter sich.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 7:
VERINNERLICHTE SCHÖNHEITSIDEALE

Auch die Grazer Soziologin Waltraud Posch ist davon überzeugt, dass uns allen unser Aussehen viel wichtiger ist als noch vor zehn Jahren. Selbst wenn sich die überwiegende Mehrheit nicht unters Messer legen würde und laut einer Umfrage ÖsterreicherInnen bei ihren Partnern ein sauberer, gepflegter Körper wichtiger ist als eine schlanke Figur - das Schönheitsideal ist kaum jemandem egal. Mittlerweile unterwerfen wir uns sogar freiwillig den Beauty-Normen, sind gar davon überzeugt, uns nur „für uns selbst" aufzuhübschen und nicht etwa, weil wir einen gesellschaftlichen Druck empfinden. „Mit diesem Korsett im Kopf", sagt Posch in ihrem soeben erschienenen Buch Projekt Körper (Campus-Verlag), „wird das Schönheitsideal nicht mehr als solches empfunden. Es ist vielmehr bereits verinnerlicht, dass es als selbst gewählt betrachtet wird." Die Folge: Fast die Hälfte der 20- bis 29-jährigen Österreicherinnen geht regelmäßig ins Fitnessstudio. Sie tun es allerdings weniger aus Spaß an der Bewegung, als um ihren Körper auf ein Ideal hinzutrimmen.

VERZERRUNGSFAKTOR NR. 8:
FALSCHE VERGLEICHSGRÖSSEN

Frauen machen ihr Körperbild - und ihr Selbstwertgefühl - vor allem am Gewicht beziehungsweise an der Konfektionsgröße fest. Doch die Orientierung an diesen beiden Vergleichsgrößen ist problematisch, sind sie doch relativ. So sind 60 Kilo bei 1,58 m recht viel, verteilt auf 1,75 m jedoch wenig. Und auch Konfektionsgrößen sind kein Anhaltspunkt (mehr), schneidern Designer ihre Kleidung seit ein paar Jahren doch einfach weiter, ohne die Größen am Waschzettel zu ändern. Eine heutige Hose in 36 war vor zehn Jahren noch eine 40. Nur deshalb kann es heute so Irrsinnsgrößen wie Size Zero geben. Ein schlauer Marketingkniff: Wer sich beim Anprobieren gut fühlt, greift gern wieder zur selben Marke. Die Folge all dieser Verzerrungsfaktoren: eine verschobene Wahrnehmung der Realität und oft auch unseres eigenen Körpers. Denn wo nicht mehr der Durchschnitt Maßstab ist, sondern das Ideal, sieht man vor dem Spiegel zwangsläufig nicht mehr sich selbst, sondern nur noch Problemzonen. Die gute Nachricht: Wer sich der Beeinflussung bewusst ist, kann sich ihr vielleicht nicht völlig entziehen, aber zumindest entspannter begegnen.

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