Das können wir von afrikanischen Frauen über Geld lernen

Vor 25 Jahren wurden in Afrika die Kleinspargruppen erfunden. Ausgehend von einigen Frauen in Niger sind heute fünf Millionen Menschen in Spargruppen organisiert. In den ärmsten Ländern tragen sie zur wirtschaftlichen Verbesserung ihrer Mitglieder bei.

Es ist das Jahr 1991: Die Norwegerin Moira Eknes reist nach Niger. Sie ist Progamm-Managerin von CARE und soll im westafrikanischen Staat ein Aufforstungsprojekt umsetzen. Aber es gibt ein Problem: Frauen dürfen in Niger keinen Grund und Boden besitzen. Sie müssen zusehen, wie sie mit ihren Familien über die Runden kommen. Ihr Interesse, Bäume zu pflanzen, hält sich also in Grenzen.

Eknes verwirft ihren Plan, mit den Frauen Bäume zu pflanzen. Sie ersinnt stattdessen ein System, das sich die uralten Gebräuche des Gruppensparens zunutze macht. Es heißt CAREs „Village Savings and Loan Association“ (= Kleinspargruppen).

Nun waren zu dieser Zeit sogenannte Mikrofinanz-Modelle bereits sehr populär, viele NGOs arbeiteten damit. Allerdings funktionierten sie typischerweise so, dass das Geld von außerhalb kam und auch die Zinsen wieder nach draußen – sprich an den Geldverleiher – gingen. Das neue Modell änderte das: Das Kapital stammt nun aus Ersparnissen der Mitglieder und vor allem gehen auch die Zinsen wieder als Profit an die Gruppe zurück.

Zeinabou erinnert sich noch gut daran, als vor 25 Jahren eines Tages eine norwegische Frau in ihrem Dorf im Osten des Niger auftauchte. Sie trug eine graue Metallkassette bei sich. Wie diese Frau, Moira Eknes, ihr aller Zusammenleben und das von Millionen anderen Menschen ändern würde – das konnte Zeinabou zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal erahnen.

Wie funktioniert eine Kleinspargruppe?


In ihren Treffen zahlen die Mitglieder gemeinsam vereinbarte Mindestsummen in eine Sparbüchse ein. Das können auch nur ein paar Cent sein. Manche Mitglieder bewerben sich um Kredite. Andere zahlen Kredite zurück, die sie bereits erhalten haben – mit Zinsen. Diese betragen im Normalfall ca. zehn Prozent. Weil die Mitglieder die Zinsen an den Sparverein bezahlen, bekommen auch sie ihn als Gewinn zurück.

Fünf Millionen Menschen sparen gemeinsam


Heute sind mehr als fünf Millionen Menschen in über 200.000 Spargruppen organisiert: Sie sparen gemeinsam und leihen sich Geld, um Kleinunternehmen aufzubauen oder zu erweitern, Essen zu kaufen, das Schulgeld ihrer Kinder zu bezahlen oder andere Ausgaben zu decken. Zeinabou drückt es in ihren eigenen Worten aus: „In dieser Sparbüchse steckt Freiheit“.

Der Großteil der Gruppenersparnisse ist in Form von Krediten im Umlauf. Die Rückzahlraten bewegen sich im Bereich von nahezu 100 Prozent. Das widerlegt die fälschliche Annahme, arme Kreditnehmer wären risikobehaftete Kreditnehmer. CARE-Spargruppen gibt es in derzeit 26 Ländern weltweit, mit mehr als fünf Millionen Menschen, die gemeinsam sparen und Kredite vergeben. Andere Organisationen haben dieses Modell übernommen, geschätzte 30 Millionen Finanztransaktionen finden monatlich über Kleinspargruppen statt. Sie sind eine wichtige Geldquelle – besonders in Regionen, in denen Menschen von nur einem oder zwei US-Dollar am Tag leben.

Drei Schlösser sorgen für Sicherheit


Bargeld lässt sich stehlen. Zeinabou schützt und versteckt ihre Geldkassette daher gut, „sie wurde nie gestohlen“, berichtet sie. Dennoch, das Risiko besteht.

Deshalb sind an den Geldkassetten drei Schlösser angebracht. Drei Mitglieder der Spargruppen erhalten jeweils einen Schlüssel. Die Gruppe muss vollzählig sein, bevor die Kassette geöffnet werden darf. Das ist eine Maßnahme, um die wichtigen Ersparnisse zu beschützen – aber auch, um Vertrauen und Rechenschaft zwischen den Mitgliedern sicherzustellen.

Wie sieht die Kleinspargruppe der Zukunft aus?


Auf der Suche nach finanzieller Unabhängigkeit wird sich so manche Kleinspargruppen auch künftig unter schattigen Bäumen in entlegenen afrikanischen Dörfern treffen. Andere werden sich an den formalen Finanzsektor, an Banken, anbinden. Das schützt die Gruppenersparnisse und öffnet den Zugang zu Versicherungen oder größeren, längerfristigen Krediten.

Die Mobiltechnologie macht jedenfalls vor den Kleinspargruppen nicht Halt. Deshalb werden die (digitalen) Sparbüchsen oft nicht mehr mit drei Schlüsseln, sondern immer häufiger mit drei Passwörtern geöffnet werden.

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