"Das jetzige Mode-System wird bald komplett zusammencrashen"

Das junge Schweizer Designer-Talent Yvonne Reichmuth alias YVY über das fragile System der Mode und warum Fleischessen mit ihrer Lederproduktion eng verbunden ist.

YVY

Yvonne Reichmuth ist als YVY derzeit auf fast allen großen Superstars dieser Welt zu sehen. Ihre Lederteile lieben von Katy Perry bis Kirsten Stewart alle.

Die WIENERIN traf das Schweizer Design-Talent im Zuge der Fashion Awards in London. Ein ehrlicher Talk über Mode, Sexyness, Leder und indirekten Feminismus.

Yvonne, dein Label YVY (Shop online derzeit noch nicht in Österreich) geht irgendwie grad international durch die Decke. Neben Kristen Stewart, Kylie Jenner und Taylor Swift feiert auch jetzt gerade Katy Perry ihr Comeback-Video „Chained to the Rhythm“ mit deinen Lederteilen. Wie geht es dir damit, deine Kreation an so großen Celebs zu sehen?

YVONNE REICHMUTH: Für mich ist es immer noch ein bisschen surreal, aber ich freue mich natürlich sehr. In meiner Arbeit ändert es aber nicht so viel, wir stellen alles in Handarbeit her und jetzt haben wir einfach ein bisschen eine längere Warteliste. Ich bin ja nicht für fast fashion zu haben, daher müssen sich die Menschen gedulden, wenn sie etwas von YVY tragen wollen.

Deine Mode spricht starke, selbstbewusste Frauen an, Feminismus ist ein Schlagworte in der Mode – ist dir diese Botschaft recht für deine Arbeit?

Ich bin wohl eher unbewusst politisch. Ich bin ein Mensch mit Meinungen und die vermittle ich auch. Unbewusst will ich Frauen das Gefühl vermitteln, dass sie sich stark fühlen und gleichberechtigt. Und ich erlebe das Gefühl auch immer wieder bei Kundinnen. Anfangs sind sie unsicher und wenn sie dann etwas tragen und man ihren Blick im Spiegel sieht, ist das sehr schön. Weil oft genau diese Stärke, dieses Selbstbewusstsein plötzlich nach außen tritt. Es ist toll für mich, wenn sie sich mögen und selbstbewusst fühlen. So denke ich Feminismus, aber ich mach keine Sprüche auf T-Shirts. Ich finde es nicht verwerflich, aber es ist nicht mein Ding. Mit Aussagen, die ich mache, egal ob auf Social Media, der Presse gegenüber oder privat – da bin ich immer ein Stück politisch. Das kommt auch rüber, ohne dass ich überall eine Aktion starten muss.

Frauen wollen heute vielfach anders angesprochen werden – die alte Sexyness ist out. Spürst du diesen Trend?

Sexyness ist immer Wirkung, es ist etwas Positives. Ich finde es schade, wenn es als etwas, das man nicht sein oder tun sollte, dargestellt wird. Es geht um Sexualität, und das ist doch wundervoll. Im Idealfall. Deshalb wird das nie verschwinden. Und ich sehe, wie Frauen sich in meinen Sachen sexy finden, wenn sie das tragen und das im positivsten Sinne. Ich denke daher nicht, dass man nur noch oversized Herrenklamotten tragen sollte, obwohl ich das auch gern mache. Es sollte kein entweder fern halten von Sexyness sein oder so veraltert wie Victoria Secret sein. Ich glaube es geht wirklich darum, dass jede Frau entscheiden kann, wie sie sich zeigen will, wie sie gesehen werden will. Wie sie sich wohl fühlt.

Yvonne, kurz zu deiner Kollaboration mit Swarovski - du bist ja eine Pionierin – zum ersten Mal engagiert sich der österreichische Kristall-Konzern in der Schweiz, dein Label wurde mit Kristallen ausgestattet. Was bedeutet das für dich als Designerin?

Es ist toll, dass so eine große Firma mit mir zusammenarbeiten will und mich ausgesucht hat. Und es fühlt sich so organisch an. Man muss nie Sachen diskutieren, wir waren uns auch niemals uneinig. Sie unterstützen mich einfach.

Das hört sich toll an – ist die Kooperation wirklich so frei?

Ja ziemlich. Klar gibt es gewissen Vorgaben, aber nichts, was überraschend wäre, es braucht einfach gewisse Grundregeln, aber ich kann echt machen, was ich will.

Ist es eigentlich schwierig, Leder und Kristalle zusammen zu bringen? Ich denke an das Cape, das du bei den London Fashion Awards getragen hast… (siehe Bild)

Ja, es ist schon schwer. Bei dem Cape wollte ich den Effekt haben, dass die Steine nicht in geraden Reihen verlaufen, sondern dahinter sind. Dass Perspektive und Lichteinfluss einen Einfluss haben. Und das war anfangs so nicht möglich. Ich hab dann alle Trennnähte, von Hand genäht und seitlich befestigt. Jede Reihe wurde extra angenäht.

YVY und Barbara Haas

Leder hat eine sexuelle Aufladung, weil es auch konotiert ist mit Fantasien, mit Dominanz oder Bondage – es löst im sexualisierten Sinn viele Bilder aus. Stört dich das oder nützt du es für deine Arbeit?

Früher war es Ersteres, jetzt ist es Zweiteres. Nach der ersten Kollektion und nach dem gefühlt 50. Shades oft Grey Kommentar hat mich das schon gestört, denn ich wollte spannende Accessoires machen. Das war meine Ausgangssituation. Ich habe mich nicht für Bondage interessiert. Das hat mich am Anfang echt genervt. Man kann ja über eine Bluse oder über einem Kleid das Teil anziehen aber viele dachten nur in einem Schema und wollten mich in eine Schublade drücken aus der ich gar nicht komme. Aber ich habe draus gelernt, mehr zu zeigen, wie man die Teile auch kombiniert kann. Es ist aber schon interessant, wie Menschen auf das Material reagieren. Wenn ich mich Leuten vorstelle, die nicht aus der Branche kommen, dann sage ich: „Ich bin Designerin, ich arbeite mit Leder:“ Und oft kommt dann als erstes so eine „oho, wowow“ und eine hochgezogene Augenbraue. Aber, echt jetzt, ich könnte auch Wanderschuhe aus Leder machen, oder?

Aber da bist du vielleicht als Frau noch mal extra eine Projektionsfläche, kann das sein?

Inzwischen finde ich es amüsant und bin dann auch genügend schlagfertig und klar, ich nütze es auch für meine Arbeit zu meinem Vorteil. Denn es gibt ja andererseits nichts Schlimmeres, als würden Leute gar nichts bei meinem Design empfinden. Bei mir sind sie oft verwirrt, haben Fantasien, aber so kommt man auch ins Gespräch. Und dann kann ich es erklären.

Und woher kommt dein Faible für Leder?

Das war immer da. Wie meine Liebe zu schwarz, es spricht mich an, hat etwas Sinnliches, Reizvolles, Mystisches und auch Natürliches. Man selbst ist ja auch Haut, daher ist es nicht fremd. Aber abgesehen von der Faszination, wusste ich auch, dass ich es verarbeiten möchte. Ich mag die Werkzeuge, die Langlebigkeit. Ein Lederteil hat man viel länger, als ein anderes Teil. Die Kundinnen schätzen das, sie investieren auch mehr, weil sie wissen, sie tragen das noch in einem, zwei oder drei Jahren.

Viel wurde in der Mode über Pelz diskutiert, er ist mittlerweile quasi verschwunden, das ethische Argument hat gesiegt – Leder ist auch explosives Material, viele wollen kein Tier töten für ihre Kleidung – was sagst du den SkeptikerInnen?

Die Häute, die wir haben, sind Nebenprodukte der Fleischindustrie, kein Tier wird wegen der Haut getötet. Und so lange Fleisch gegessen wird, werde ich Häute zur Verarbeitung haben. Und wieso dem Leder nicht noch ein zweites Leben geben? Das alleine hält für mich schon, und andererseits finde ich, dass schwer zu differenzieren ist, was ethisch korrekt ist. Ist nur Leder schlecht und alles andere gut? Wenn ich einen Plastikstoff benützen würde, der irgendwo in Bangladesh weiterverarbeitet wird, und es auf eine Art verkaufe, dass es sowieso nur drei Wochen aktuell ist, dann habe ich mehr Müll damit. Mein Konzept ist gesamtheitlich, es soll Bestand haben.

Noch so eine Realität: Die Mode ist so schnell wie nie zuvor, see now buy now ist Programm, es gibt immer noch mehr Kollektionen pro Jahr – du machst du nur eine pro Jahr. Warum?

Ich glaube, dass das System wie sich jetzt Mode verhält, bald komplett zusammencrasht. Und daher habe ich mich dazu entschlossen, es zu ignorieren. Das hat natürlich auch mit den Ressourcen zu tun, wir sind ein kleines Team, jedes Teil wird per Hand gefertigt und allein deswegen kann ich nicht alle drei Monate eine neue Kollektion rausschmeißen, aber es ist auch nicht nötig. Ich investiere lieber in wirklich neues spannendes Design und in Proportionen, die funktionieren. Wir sind ja auf Leder spezialisiert und ich hab gemerkt, dass es den Leuten recht egal ist, wenn ein Stück aus einer älteren Kollektion stammt. Das ist nachhaltiger. Und ich finds ja fast eine Beleidigung, wenn ich so lange an etwas arbeite, und es dann schon wieder wegschmeißen soll. Nein, das mach ich nicht.

Schweiz als kleiner Markt – Vor oder Nachteil?

Es hat Vor-und Nachteile. Am Anfang war es schon schwer, einmal vom Charakter der SchweizerInnen, die vorsichtig sind und erst mal beobachten. Zudem ist Zürich ein extrem teures Pflaster, auf dem man sich behaupten muss. Andererseits gibt es auch nicht so viele Designer hier und ich erfahre eine schöne Unterstützung durch die Presse, das wäre sicher in New York viel schwerer. Und das hohe Preisniveau der Schweiz ist auch wieder gut, weil so kann ich meine ebenfalls teuren Sachen hier auch verkaufen.

Was kostet denn das Cape zum Beispiel?

Es ist teuer – es ist das teuerste Teil, das ich habe, es kostet 6000 Euro. Ich habe dafür zwei Häute und mehr als 10 Meter Kristalle verarbeitet. Es ist reine Handarbeit.

Wie geht es dir mit Wirtschaftlichkeit?

Mir wurde gesagt, dass ich gut drin bin. Ich bin kein Zahlenmensch, aber ich finde es extrem spannend dazuzulernen, wie das funktioniert. Ich sehe mich nicht nur als Künstler. Ich bin Unternehmerin, muss Strategien entwickeln muss organisiert sein. Und wenn das alles geht, habe ich den Luxus kreativ zu sein.

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