"Das Internet wird der Ort, für den wir uns überhaupt anziehen."

Anziehen in Zeiten der Krise: Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Diana Weis erklärt, was Corona mit unserem Verhältnis zur Mode macht.

Historisches Modefoto

Die ganze Welt steht still und mit ihr die Mode? Warum genau das Gegenteil der Fall ist und wohin es mit der Fashion-Industrie in Zukunft gehen könnte, hat WIENERIN-Modechefin Valerie Zehethofer mit der in Berlin lebenden Modetheoretikerin Diana Weis besprochen. Mitten in der Corona-Krise, von Home Office zu Home Office.

WIENERIN:Erst heute früh hab ich wieder daran gedacht, was für eine bittere Ironie es ist, dass ausgerechnet Baumwoll-Jogginghosen einige Monate vor Beginn dieser Krise zum Riesen-Trend wurden. Wie erlebst du die jetzige Situation aus modesoziologischer Sicht?

Diana Weis: Ich sehe zwei Varianten, die sich diametral gegenüberstehen. Die eine ist, dass man zu ebendieser Jogginghose greift, weil man eh kaum noch rausgeht und sich total auf diesen Look einstellt. Das ist naheliegend. Auf Instagram beobachte ich aber auch das Gegenteil. Dass Leute sich, gerade wenn ihnen langweilig ist, extra herrichten für zuhause. Und dafür gibt es ja dann auch eine Form von Öffentlichkeit. Indem man Bilder davon postet.

Diese Krise könnte unseren Umgang mit Kleidung also auch beflügeln?

Oft wird ja geraten, dass man sich den Tag strukturieren muss, auch wenn man nicht oder kaum außer Haus geht. Dass man sich pflegen und anziehen soll, bevor man sich zuhause an den Computer setzt. Ich glaube das wird jetzt eine neue Kategorie. Leandra Medine Cohen vom Blogazine Man Repeller hat gerade einen neuen Hashtag dazu in die Welt gesetzt – #goingnowherebutfuckitimgettingdressed – und Leute dazu aufgefordert, coole Outfits von zu Hause aus zu posten. Ich kann mir vorstellen, dass ich das auch mache. Das ist für mich eh ein Coping Mechanismus – Schminken und Anziehen. Wenn mir langweilig ist oder ich Angst habe, ist das etwas womit ich mich a) beschäftigen kann und was mir b) das Gefühl gibt, nicht total die Kontrolle zu verlieren.

Tatsache ist, dass der 'Streetstyle', der lange so verkultet wurde, längst nicht mehr eine so große, stilbildende Rolle spielt.

von Diana Weis

Wird es in Zukunft normaler sein, sich nicht für das echte Leben draußen, sondern primär für seine digitale Community anzuziehen? Auch wenn klar ist, dass Modetrends heute vor allem im Netz gemacht werden, wurde das ja bisher oft belächelt.

Tatsache ist, und das beschreibe ich auch in meinem Buch, dass Mode ohnehin bereits verstärkt im Netz stattfindet und dass die Straße, der "Streetstyle", der lange so verkultet wurde, längst nicht mehr eine so große, stilbildende Rolle spielt. Ich merke das auch bei meinen Studierenden. Meine Generation hat sich vielleicht noch schick gemacht, um in den Club zu gehen. Heute, wo man über die sozialen Medien eine viel größere Öffentlichkeit erreicht, wird das Internet mehr und mehr der Ort für den man sich überhaupt anzieht. Quarantäne-Maßnahmen, wie wir sie jetzt erleben, verstärken diese Entwicklung, wir nehmen sie dadurch ernster. Wir merken, was im Netz alles geht und dass man die Outfits vielleicht gar nicht mehr für die Straße braucht. Ich mag zum Beispiel den Instagram-Channel der amerikanischen Influencerin Molly Blutstein gerne. Die ist eigentlich auch die ganze Zeit nur Zuhause.

Was macht es mit einer Gesellschaft und ihren Lifestyle-Phänomenen, wenn es plötzlich um ganz elementare Dinge geht?

Da muss man ja nur mal in die Soziologie gucken. Natürlich sind Mode und Selbstdarstellung und Lifestyle Bedürfnisse, die ganz schnell unwichtig werden können, wenn existenzielle Dinge bedroht sind. Ganz vereinfacht ausgedrückt, denke ich aber: Um auf ihre Selbstdarstellungstechniken komplett verzichten zu können geht es den Leuten noch nicht schlecht genug.

Li Edelkoort ist für mich ein Beispiel einer älteren Generation, bei deren Thesen ich mir manchmal denke – 'Ok, Boomer'...

von Diana Weis

Die Trendforscherin Li Edelkoort proklamierte vor einiger Zeit, die Mode wie wir sie kennen, sei am Ende. In einem kürzlich erschienen Interview legte sie nach, dass angesichts der jetzigen Krise die Ära der Amateur*innen bevorstehe. Kannst du dieser Idee etwas abgewinnen?

Ach, naja... Li Edelkoort ist für mich ein Beispiel einer älteren Generation, bei deren Thesen ich mir manchmal denke – 'Ok Boomer'... Denn sie wertet ja die digitale Kultur extrem ab, sie begreift sie in erster Linie als Qualitätsverlust. Dabei ist doch die digitale Kultur an sich eine Laienkultur. Ein großer Teil der Influencer-Branche besteht doch aus Amateur*innen, die sich professionalisiert haben, die ganz neue Berufsfelder für sich erschlossen haben. Ich glaube neue, kreative Kulturtechniken kann man nicht ohne neue Medien denken. Also, ich denke, was sie sagt, ist längst Realität, wurde aber von Leuten wir ihr selbst lange abgetan, als etwas, in dem keine kreative Leistung steckt.

Dennoch werden diese Pandemie und ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen vieles in der Modeindustrie verändern ... Denkst du nicht?

Ja, das sowieso. Ich glaube, dass diese Phase in der wir uns als Gesellschaft jetzt befinden, als eine Art Katalysator für viele Entwicklungen dienen kann, die sowieso angestanden wären. Das betrifft Fashion Weeks, deren Konzept Mode zu präsentieren vielen schon lange als überholt gilt. Aber auch Fast Fashion. Die ist ja auch ein total überholtes Konzept. Vielleicht sehen die Leute jetzt auch: Das ist eigentlich totaler Quatsch, diese ganzen Sachen zu kaufen. Ich sehe das bei meinen Studierenden: Denen ist bewusst, was schiefläuft. Aber es ist halt schwierig wenn man so mittendrin steckt, in diesen verführerischen Strukturen. Vielleicht hilft uns die Krise da einfach mal auszubrechen.

Modebilder_Diana Weis

Über Diana Weis:

Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Professorin für Modejournalismus: Die Berlinerin Diana Weis, geboren 1974, erforscht und beleuchtet mode-gesellschaftliche Phänomene.

In ihrem jüngsten Buch geht sie der Frage nach, ob neue (digitale) Modebilder auch neue Menschen generieren.
(Modebilder - Digitale Bildkulturen,
Wagenbach Verlag, € 10,–).

 

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