Das "Impostor"-Phänomen: Warum Frauen sich schlechter machen, als sie sind

Frauen schätzen ihre Fähigkeiten nicht – und denken deshalb, sie stapeln im Beruf zu hoch. Das „Impostor“-Phänomen beschreibt ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft.

"Ich kann das." Ein Satz, den Frau S. nur selten von sich gibt. Dabei könnte sie es - sie ist gut ausgebildet, besser als ihre Kollegen, hat jahrelange Berufserfahrung hinter sich und schon viele herausfordernde Aufgaben mit Bravour gemeistert. Ohne großes Trara, im Hintergrund, zuverlässig und zurückhaltend. Doch ihre Erfolge zählen für sie nicht, sie hält sich bedeckt, weil Sie Angst hat. Angst davor, Fehler zu machen. Noch immer, nach so vielen Jahren, traut sie sich nichts zu. Sie hat sogar das Gefühl, zu betrügen. Und damit ist sie nicht alleine.

Die Gründe für diese Unterrepräsentanz sind vielfältig und liegen einerseits an Männernetzwerken in Unternehmen, andererseits daran, dass Frauen nach wie vor die Hauptlast bei der Betreuungsarbeit tragen. Doch das ist nicht alles: auch psychologische Barrieren halten Frauen davon ab, die gläserne Decke zu durchbrechen, sagt eine neue Studie. Das neue Schlagwort heißt: „Impostor“ oder Betrügerinnen-Phänomen.

Wenn Frauen „betrügen“

Gregor Jöstl, Studienautor und Psychologe, beschreibt es so: „Das Impostor Phänomen betrifft hochleistende und erfolgreiche Personen, die trotz gegenteiliger Rückmeldungen ihre Leistungen anzweifeln, da sie ihre Erfolge nicht ihren intellektuellen Fähigkeiten zuschreiben.“ Das Gefühl, ihre Stellung im Unternehmen nicht zu verdienen und die ständige Angst, „entlarvt“ zu werden, gehöre hier dazu. Die Folgen: sie leugnen ihre Kompetenzen und haben Panik davor, Fehler zu machen. Die Studie sagt auch: betroffen sind vor allem Frauen.

Warum das so ist: schon von klein auf werden Mädchen dazu erzogen, es allen recht machen zu müssen, hohe Ansprüche zu erfüllen und dabei gleichzeitig aber immer mehr leisten zu müssen als Männer, denen schon allein aufgrund ihres Geschlechts mehr Kompetenzen zugesprochen werden. Zahlen zu Frauen in Führungspositionen und Einkommensunterschieden sind hier Beweis genug. Kurz: die Rollen und die Eigenschaften, die uns zugesprochen werden, bestimmen unsere berufliche Laufbahn.

„Werden Mädchen etwa immer wieder mit dem Stereotyp konfrontiert, weniger begabt für Mathe oder Naturwissenschaften zu sein - wofür es keinerlei wissenschaftliche Evidenz gibt - wird im Laufe der Zeit das Interesse an diesen Bereichen geringer, die Angst davor größer und das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten geringer“, sagt der Experte Jöstl.

Kompetenz oder Weiblichkeit - beides geht nicht

In der Studie nennt er diese Gründe als ausschlaggebend. Das psychologische Prinzip dahinter ist einfach: Wenn Frauen ihr Leben lang gesagt wird, sie seien schlechter in technischen Berufen, dann werden sie diese Prophezeiung irgendwann selbst erfüllen. „Hebt man durch entsprechende Instruktionen diese Stereotypenbedrohung auf, verschwinden auch die Leistungsunterschiede. Dies ist sowohl bei SchülerInnen als auch Erwachsenen vielfach experimentell nachgewiesen“, sagt der Experte.

Hinzu kommen die Geschlechterrollen, die Männern und Frauen zugeschrieben werden. Erstere seien kompetent, selbstbehauptend und kämpferisch – während Frauen mütterliche und fürsorgliche Eigenschaften zugesprochen werden. Welche davon werden eher mit Führungspositionen in Verbindung gebracht? Richtig: jene der Männer. „Etwas zugespitzt kann man nun sagen, dass, wenn nun eine Frau erfolgreich ist, das Stereotyp nicht zu ihrer Rolle passt und ihr wird entweder ihre Kompetenz oder ihre Weiblichkeit abgesprochen“, sagt der Psychologe. In beide Schubladen können Frauen unmöglich hineinpassen.

Vernetzen und fördern

Aber was hilft dagegen? Wir Frauen sollten lernen, unsere Erfolge zu schätzen und uns bewusst zu machen, dass es unsere Fähigkeiten und Stärken sind, die uns dorthin gebracht haben, wo wir sind. Wir sollten auch Fehler zulassen und mit ihnen umgehen lernen. Und vor allem sollten wir uns vernetzen – mit Kolleginnen sprechen, Frauen aus anderen Branchen kennenlernen, den Austausch fördern und auch Mentorinnen-Programme einführen.

Doch auch die Unternehmen müssen sich an der Nase nehmen. Eine Fehlerkultur zulassen, ein Klima des Zusammenhalts schaffen, den Leistungsdruck nicht ins Unermessliche heben und ganz einfach: den Mitarbeiterinnen Vertrauen schenken. Denn nur wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Arbeit und unser selbständiges Denken geschätzt werden, werden wir uns entfalten können. „Es ist wichtig, von allen Seiten, insbesondere der Schule, die individuellen Fähigkeiten und Interessen einer Person, entgegen der üblichen Vorurteile zu fördern. Das gilt ganz besonders vor dem Hintergrund, dass es trotz geringer hirnphysiologischer Unterschiede keine belastbare wissenschaftliche Evidenz für angeborene Begabungsunterschiede zwischen den Geschlechtern gibt“, sagt der Psychologe Jöstl.

Zum Mitschreiben: es ist wissenschaftlich belegt, dass es keine Begabungsunterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass ihre Gehirne nicht „vorgeschrieben“ sind für bestimmte Berufe und dass Männer nicht besser im Führen und Frauen besser im Pflegen sind.

Legen wir sie also endlich ab, diese leidigen Zuschreibungen – und lassen wir uns nicht unterkriegen von denen, die uns sagen wollen, wie wir „wirklich“ sind und wo unser Platz zu sein hat. Dann können wir vielleicht auch endlich über echte Gleichberechtigung reden und damit aufhören uns schlechter zu machen, als wir wirklich sind.

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