"Das Homeschooling zu schaffen bereitet mir mittlerweile mehr Sorgen als Corona selbst"

Aktuell bleibt Bildung vor allem an Eltern und Betreuungspersonen hängen. Kinder aus bildungsfernen Familien sind dadurch überproportional benachteiligt.

Homeschooling

"Es ging alles ganz schnell", erzählt Bettina* von jenen Tagen, als sie gefühlt im Stundentakt Pressekonferenzen verfolgte, um zu sehen, wie es denn nun weiterginge. Die Mama von Zwei hatte bis zur letzten Minute vor der Verkündigung der Maßnahmen gehofft, dass Homeschooling vielleicht doch nicht umgesetzt wird. Dass es möglicherweise doch andere Lösungen gibt, anstatt die Bildung nach Hause und auf die Schultern der Eltern und Betreuungspersonen zu verlegen. "Unvorstellbar", sei das schließlich für sie gewesen.

Nicht alle Kinder haben gleich gute Ressourcen für E-Learning

"Dann kamen rasch die ersten 'Arbeitsaufträge'. Der Sohn hat einen A5-Zettel bekommen, auf dem stand: 'Im Mathebuch Seite 20 bis 60 durchnehmen'. Bei der Tochter war es ähnlich. Sie hatte einen Arbeitsauftrag bekommen aus einem Fach, das sie normalerweise 50 Minuten pro Woche hat." Gebraucht hätten Tochter und Mutter für die Umsetzung der Aufgabenstellung gut drei Stunden, "obwohl meine Tochter normalerweise sehr tüchtig und zügig arbeitet." Nur: Mit Fleiß ist es in Zeiten von Homeschooling nicht getan - das Schulsystem verlässt sich auf Eltern und Betreuungspersonen als zusätzliche Lernressource. Das braucht Sprachkenntnisse, eine gewaltfreie Umgebung, technische Ausstattung, Ressourcen und Zeit.

Wie gut Kinder Zuhause lernen können, hat wenig mit Intelligenz zu tun

Vor allem Zeit ist in Bettinas Familie knappes Gut: Ihr Partner und sie arbeiten beide im Krankenhaus – oft lange Schichten -, pendeln täglich eine gute Stunde in die Arbeit, an Entlastung oder gar freie Tage ist für medizinisches Personal aktuell freilich nicht zu denken.

Dazu kommen technische Ressourcen: Nicht alle Kinder haben daheim ein eigenes Zimmer, einen Schreibtisch, Computer und WLAN zur Verfügung – sprich: Voraussetzungen, um in Ruhe zu lernen. "Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn man mehr Kinder hat", sagt Bettina. Sie hätten als Familie zumindest einen Laptop zur Verfügung, aber auch das würde manchmal schon knapp, wenn beide Kinder gleichzeitig Arbeitsaufgaben im Internet umsetzen müssten. Das mache sie wütend: "Webadressen verschicken, damit mein Sohn dann auf eine Internetseite geht und dort Malreihen lernt, ist kein Arbeitsauftrag. Das ist ein Auftrag, der Ressourcen braucht, die nicht zur Verfügung gestellt wurden. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Familien solche 'Arbeitsaufträge' umsetzen können. Meiner Meinung nach müsste mehr mit Schulbüchern gearbeitet werden. Das ist die Grundausstattung eines jeden Schülers, der im September begonnen hat. Damit kann man arbeiten." Alles andere sei unfair. Eine Lehrerin ihrer Tochter habe gesagt, wie gut Kinder Zuhause lernen können, habe wenig mit Intelligenz zu tun und mehr mit Ressourcen: "Was, wenn das Datenvolumen begrenzt ist? Was, wenn die Eltern nicht gut Deutsch sprechen? Was, wenn man alleinerziehend und im Handel tätig ist? Was, wenn wie bei mir zwei Kinder gleichzeitig einen Laptop brauchen?"

Das Homeschooling zu schaffen bereitet mir mittlerweile mehr Sorgen als Corona selbst.

von Bettina, Mama von Zwei

Es sind Fragen wie diese, die zu wenig gestellt werden und zeigen, welche Kinder bei Homeschooling auf der Strecke bleiben: Für Kinder aus benachteiligten Sozialmilieus berge der Heimunterricht große Gefahren, wie Bildungspsychologin Christiane Spiel gegenüber Der Standard betont. Es brauche dringend Maßnahmen, "damit wir diese Gruppe nicht verlieren".

Es braucht Maßnahmen

"Aktuell bleibt wirklich sehr, sehr, sehr viel an den Eltern hängen – und ich komme an meine Grenzen", so Bettina. Homeschooling entsprechend zu meistern bereite ihr mittlerweile mehr Sorgen als Corona selbst, sagt sie als Mutter, die im Job täglich mit Covid-19-Patient*innen zu tun hat: "Ich kann mir schlichtweg nicht vorstellen, dass das alle Eltern schaffen.“ Und das sollen sie auch nicht müssen. Es braucht Maßnahmen – „das muss alles nächstes Jahr entsprechend abgefedert werden."

*Name von der Redaktion geändert

 

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