Das bringen Meditations-Apps wirklich

Bücher, CDs, Apps und Kurse – alle wollen sie uns verraten, wie man entspannter und achtsamer wird. WIENERIN-Redakteur Ljubiša Buzić hat einen Monat lang versucht, achtsamer zu werden. Hier sein Erfahrungsbericht.

Bevor ich meine erste Meditations-App herunterlade probiere ich es erst mal klassisch mit einem Buch. Ich kaufe „Leben im Jetzt. Das Praxisbuch“ von Eckhart­ Tolle, ein Megaseller­ und einer der ersten Titel, die der große Online-Händler ausspuckt. Die Grundaussage von Eckhart­ Tolle ist einfach: Unser größtes Hindernis ist unser Hang, zwanghaft über gestern und morgen nachzudenken, statt im Augenblick zu leben. Die Lösung, wie wir mit unseren Karussell fahrenden Gedanken zurechtkommen können, ist, diese aufmerksam und gleichmütig zu beobachten. Das schafft automatisch Distanz, so der Autor, und irgendwann können wir über unsere eigenen Spinnereien lächeln. Ein interessanter Ansatz, darauf hätte ich auch Lust.


Komm, süße Erleuchtung


Die Theorie anzuwenden ist aber schwierig und bleibt für mich viel zu abstrakt. Ich werde mit dem Buch nicht richtig warm, hätte gern mehr praktische Tipps, wie ich die Grundidee umsetzen soll. Stattdessen habe ich das Gefühl, dieselben Aussagen immer wieder neu formuliert zu lesen. Und zu oft für meinen Geschmack kommen Wörter wie „Erleuchtung“ oder „unermesslich“ vor. Das Buch verschwindet schnell wieder von meinem Nachttisch. Sorry, vielleicht probieren wir’s lieber ein andermal miteinander.

Erleuchtung per Smartphone: Mindfullness-App


Bewusstheit kann man nicht nur beim Buchhändler suchen. Im App-Store gibt es schließlich für alles ein lustiges Programm. Erleuchtung per Smartphone kenne ich bisher zwar nur, wenn ich die Taschenlampen-App aufdrehe, aber ich habe mir vor­genommen, offen für Neues zu sein, und lade Mindfulness: The Art of Being aus dem Play-Store auf mein Handy.

Nächster Halt: Ooommm


Ich bin ungeduldig und neugierig, also missachte ich den Rat der App, die erste Meditation an einem ruhigen Ort zu machen. Auf der Straßenbahnfahrt nach der Arbeit stöpsle ich die Kopfhörer in meine Ohren, tippe auf „Mindful Check-in“ und schließe die Augen. Eine angenehme Männerstimme begrüßt mich auf Englisch und führt mich durch meine erste Meditation. Ein leiser Gong ertönt. Die nächsten neun Minuten konzentriere ich mich auf meine körperlichen Wahrnehmungen, spüre alles ganz bewusst; Sessellehne, Schwerkraft, Kleidung. Danach tauche ich in die Wellenbewegungen meines Atems ein (ich bekomme wirklich das Bild von Ebbe und Flut vor mein inneres Auge). Schließlich lasse ich mein Gehör alle Geräusche einfach aufnehmen (eine Bim macht echt lustige Sounds). Pünktlich an meiner Haltestelle ­ertönt der Gong, der die Meditation beendet. Blinzelnd und etwas unsicher auf den Beinen steige ich aus der Straßenbahn. Ich fühle mich gut. Noch nicht erleuchtet, aber entspannt.

No thrills


Mich auf diese Art ganz auf meine Wahrnehmungen zu konzentrieren hat schon was. Gleich am nächsten Morgen merke ich, wie ich meinen Körper und die Umgebung genauer beobachte. In der Gratisversion der App hat man zwei Meditationen (9 Minuten und 10 Minuten). Weitere sieben gibt’s für € 3,20 dazu. Insgesamt kommt das Programm ohne Schnickschnack und Effekte aus, nichts lenkt vom Inhalt ab. Find ich gut.

Die Muckibude fürs Hirn: Headspace


Die nächste App heißt Headspace und bezeichnet sich selbst als Fitnesscenter für den Geist. Erster Eindruck: sehr cool, sehr stylish! Ich werde von lustigen Zeichentrickfiguren begrüßt. Die englischsprachige Stimme lässt mich an Jamie Oliver denken; ist aber nicht schlimm.

Meditier mit Jamie


Das Meditieren ist dann sehr ähnlich wie bei der Mindfulness-App, eigentlich identisch. Die Präsentation ist aber top. Die Erklärungen und Animationen sind kurzweilig und einfach: Es geht nicht darum, Gedanken zu verdrängen, vielmehr soll man lernen, sich auf die jetzige Wahrnehmung zu konzentrieren und sein Denken als „Straßenverkehr“ zu betrachten, der einfach vorüberzieht. Gefällt mir.

Angefixt


Die App ist ausgeklügelt und entwickelt dank Spielprinzip, Community-Einbindung und lustigen Animationen richtiges Suchtpotenzial. Entsprechend sehen die Preise aus: Nur die ersten zehn Tage sind kostenlos. Dann muss man, ähnlich wie im Fitnesscenter, für die Jahresmitgliedschaft monatlich € 5,99 zahlen; ohne Bindung € 9,95. Dafür erhält man Zugang zu speziellen Meditationen für verschiedene Anlässe, etwa wenn man nicht einschlafen kann oder Flugangst hat.

Mein Fazit

Meditation per Smartphone funktioniert wirklich ganz gut. In der Zeit, in der ich es gemacht habe, war ich entspannter und ausgeglichener als sonst. Leider fällt man aber auch extrem schnell wieder aus dem Rhythmus heraus. Wer es ernsthaft durchziehen will, sollte sich vorher einen Plan machen, wann und wie er das Meditieren im Alltag unterbringen kann. Ich hab mir auf jeden Fall vorgenommen, wieder einzusteigen.

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