Das Böse in der Frau: Über die dunkle Seite der Weiblichkeit

Weibliche Täterinnen in Film und Literatur? Eher selten. Aber wenn es sie gibt, sagen sie einiges über unsere Rollenbilder aus - egal, ob Grimms böse Stiefmutter oder die moderne Femme Fatale.
 

"Es war einmal ..." So fangen die klassischen Märchen an. Hänsel und Gretel, Schneewittchen, Aschenputtel. Und meistens war da eine besonders böse Frau. Eine Hexe, die die Kinder fressen will. Eine neidische Königin, die die Prinzessin vergiften möchte. Oder eine Stiefmutter, die ihre arme Stieftochter schuften lässt.

Was ist es, das uns an Geschichten über böse Frauen so fasziniert, noch bevor wir überhaupt alt genug sind, diese Geschichten selbst zu lesen, und sie noch vorgelesen bekommen? Und was sagt die Art, wie die dunkle Seite der Weiblichkeit in alten Stoffen bis hin zu modernen Filmen und Serien wie House of Cards dargestellt wird, über unsere Vorstellungen von Frauen aus?

Die Moral von der Geschicht'

Zuallererst sind Märchen nicht nur fantasievolle Kindergeschichten. Das stellt der Märchenforscher Hans-Jörg Uther klar. "Die Brüder Grimm wollten ihre Märchen verstanden haben als eine Art 'Hausbuch', ein Buch für alle: die Knechte und Mägde, die Ammen, Eltern und Kinder - alle im Haushalt", erklärt Uther. "Märchen bilden Situationen des Alltags und der Kleinfamilie ab. Es sind praktisch immer Kleinfamilien, wo die Geschichte ihren Ausgang nimmt."

Und was hat es nun zu bedeuten, dass die Stiefmutter im Märchen stets die Böse ist? "Nur bei den Grimms gibt es diese vielen bösen Stiefmütter", erklärt der Märchenforscher. "In keiner anderen Sammlung gibt es das so wie bei den Grimms." Tatsächlich waren die Stiefmütter in den Originalstoffen, die die Grimms verschriftlicht und adaptiert haben, ursprünglich leibliche Mütter gewesen. Doch dass die Mutter zur Bedrohung für das eigene Kind werden könnte, entsprach einfach nicht den Vorstellungen der Grimms und der damaligen Zeit, in der die Kernfamilie immer mehr romantisiert wurde. "Eine Mutter darf ihre Kinder nicht aussetzen, wie bei Hänsel und Gretel. Und so haben die Grimms dann an die Stelle der Mutter die Stiefmutter gesetzt." So gesehen sind viele der Geschichten der Grimms in Wirklichkeit maskierte Mutter-Tochter-Konflikte aus dem Alltag.

Kontrast zum klassischen Bild von Weiblichkeit

"Die Figur der mordenden Mutter gibt es schon in der Antike", erklärt die Genderforscherin Rosemarie Brucher. "Denken Sie an Medea. Die Vorstellung, dass die Mutter sich gegen das eigene Kind kehrt, haben wir später auch im Sozialdrama oder bei Gretchen im Faust." Das löse - im Film wie in der Realität - Schock aus, weil es sich mit dem klassischen Bild von Weiblichkeit nicht vereinbaren lasse, so Brucher.

Brucher kommt aus der Film-und Theaterwissenschaft und ist am Zentrum für Genderforschung der Kunstuniversität Graz tätig. Sie sieht sich Frauenfiguren in Filmen und auf der Bühne ganz genau an:"Wenn man im Film oder im Theater eine Rolle schreibt, muss man sich meistens für irgendeine Geschlechtsmarkierung entscheiden. Und die muss irgendwie in Szene gesetzt werden." Wie das genau gemacht wird, könne dann bezüglich unserer Rollenbilder durchaus aussagekräftig sein. Wenn es denn die weibliche Täterin im Film überhaupt gibt, folgt sie demnach bestimmten Regeln, die eher mit den Vorstellungen einer subtilen, weniger brachialen Form von Gewalt vereinbar sind, wie man sie Frauen häufig zuschreibt. Ein Klassiker ist etwa die "Einflüsterin", die nicht selbst zur Täterin wird, aber maßgeblich zur Tat beiträgt: "Lady Macbeth, die sich die Hände nicht selbst schmutzig macht, aber die eigentliche Drahtzieherin ist. Oder ähnlich auch bei House of Cards, wo der Mann im Mittelpunkt steht, aber eher die Frau im Hintergrund die Fäden zieht." Zu den klassischen dunklen Frauenfiguren zählt auch die Femme fatale: "Sie bringt zwar auch niemanden um, aber Männerleichen pflastern ihren Weg", sagt Brucher.
 

Es gibt diese Klischeevorstellung, dass, wenn Frauen an der Macht wären, die Welt ein besserer Ort wäre. So eine Essenzialisierung halte ich für problematisch.

Genderforscherin Rosemarie Brucher

Bei all diesen Täterinnen-Archetypen haben wir es historisch mit dem männlichen Blick auf die Frau zu tun. Wo sich die Täterinnendarstellung von den Männerfantasien emanzipiert, ist das Rape-Revenge-Genre der 1970er und 1980er, erklärt Brucher. "Da gab es Filme wie I spit on your grave, wo die Frau zurückschlägt, bis hin zum neueren französischen Skandalfilm Baise moi, in dem zwei Frauen mit Männern Sex haben und sie danach brutal ermorden", so Brucher. "Das ist nur noch bedingt auf Männerfantasien zu reduzieren, was dann als besonders provokant wahrgenommen wird, weil es das gängige Klischee übersteigt und sich verselbstständigt; so etwas Monströses bekommt." Was aber auch bei diesem extremen Genre auffällt: Die mordenden Frauen werden dennoch eher ambivalent gezeichnet - sie sind meist gleichzeitig Täterinnen und Opfer. "Bei männlichen Täterfiguren finden wir so etwas nicht so häufig, obwohl es in der Realität auch vorkommt", so die Genderforscherin.

Opfer? Täterin? Beides!

Die Frau im Film - sie darf also so böse sein, wie sie will, einen guten Grund muss sie aber dennoch dafür haben. "Das hat vielleicht damit zu tun, dass dem Mann eine gewisse Gewalttätigkeit zugestanden wird, wohingegen die Frau harmlos und harmoniebedürftig, tendenziell passiv sein soll." Ein Bild, vor dem Brucher warnt: "Es gibt diese Klischeevorstellung, dass, wenn Frauen an der Macht wären, die Welt ein besserer Ort wäre. So eine Essenzialisierung halte ich für problematisch."

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