Das blutige Tabu

3000 Stunden verbringen wir in unserem Leben damit, und produzieren dabei einen Großteil des Mülls, der dann weltweit auf Stränden wiederzufinden ist. Nebenbei führen wir krebserregende Stoffe in uns ein. Wir müssen über Menstruation reden.

Bettina Steinbrugger und Annemarie Harant heißen die beiden beeindruckenden Frauen, die das coole Start-Up Erdbeerwoche rund um nachhaltige Frauenhygiene gegründet haben. Warum Nachhaltigkeit bei Binden, Tampons und Co relevant sind? Ganz einfach, konventionelle Produkte schaden unserem Körper und der Umwelt maßgeblich.

In konventionellen Tampons und Binden sind meist Weichmacher, giftige Rückstände des Bleichprozesses, synthetische Farb- und Duftstoffe sowie Kunststoff von der Schicht mit der sie umhüllt sind. Alle diese Bestandteile können zu extremer Trockenheit, Hautreizungen und Infektionen im Intimbereich führen. Dioxin, ein Rückstand vom Bleichprozess, kann auch in Verbindung mit Krebserkrankungen und Unfruchtbarkeit gebracht werden. Allein um unseren Körper zu schützen, zahlt es sich also schon aus, nach Alternativen zu suchen. Anders als in den USA gelten Hygieneprodukte bei uns nicht als medizinische Produkte, und man muss daher die Inhaltsstoffe nicht anschreiben.

Hinzu kommt aber noch die Umweltbelastung, die wir durch den massiven Verbrauch dieser Produkte erzeugen. Abgesehen von den Giftstoffen, die bei der Produktion verwendet werden, brauchen die Plastikbestandteile in Frauenhygieneprodukten 500 Jahre um zu verrotten. Jährlich werden 45 Milliarden Tampons und Binden weltweit verbraucht. Sie machen den größten Teil des Mülls an Stränden aus.
Auch bei uns ist Menstruation nach wie vor ein Tabu, aber in vielen Ländern sind Frauen während ihrer Blutung stark benachteiligt und dürfen z.B. keine religiösen Einrichtungen besuchen, nicht zur Schule gehen oder Essen zubereiten. Zugang zu Monatshygiene ist also auch für Bildung und Emanzipation extrem relevant.

Erdbeerwoche packt das Problem an, in dem sie Tampons und Binden aus Biobaumwolle, Menstruationskappen und biofaire Unterwäsche verkaufen. Sie wollen dieses Tabu auf positive Weise thematisieren und einen lockeren Umgang mit der Monatsblutung fördern.
Auf beeindruckende Weise sind die beiden Gründerinnen das Thema angegangen und können mittlerweile tolle Erfolge verbuchen: Das österreichische Forbes-Magazin hat sie unter den 30 Frauen, die gerade Österreichs Wirtschaft verändern vorgestellt, und im Mai haben sie beim Marketing Rockstars Festival einen Start-Up-Pitch gewonnen.


Wir haben mit ihnen über die Herausforderungen bei der Unternehmensgründung und im Umgang mit dem ‚bloody taboo‘ gesprochen.

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Was ist euer Lieblingswort für Menstruation?


Natürlich Erdbeerwoche :)


Was war die ursprüngliche Motivation Erdbeerwoche zu gründen? Wolltet ihr unbedingt Unternehmerinnen sein oder war das Thema ausschlaggebend?


Beides. Bettina hatte schon immer den Plan, sich mal selbstständig zu machen, um sich selbst verwirklichen zu können. Der Plan war aber eher auf die mittel- bis langfristige Zukunft verschoben. Da wir beide - Annemarie und Bettina –seit vielen Jahren in der Nachhaltigkeitsbranche tätig sind, hatten wir schon mit den unterschiedlichsten Unternehmen aus diversen Branchen und mit einer dementsprechend großen nachhaltigen Produktvielfalt zu tun. Nur ein Bereich war dabei völlig ausgeklammert… Eigentlich mehr zufällig stießen wir auf eine Pressemeldung über Biotampons. Dass diese Meldung unser Leben verändern und uns zu Unternehmerinnen machen sollte, hätten wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gedacht. Also war das Thema ausschlaggebend: Wir sahen den Bedarf, Frauen gerade in diesem gesellschaftlich noch stark tabuisierten Bereich der Menstruation über die Problematik konventioneller Tampons und Binden sowie über nachhaltige Alternativen aufzuklären. Die erdbeerwoche war geboren!

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Was waren die tollsten/ ermutigsten Erlebnisse, die ihr im Zuge der Erdbeerwochen-Laufbahn gemacht habt?


Seit unserer Gründung ist das Ermutigendste, gemeinsam an die Sache heran zu gehen. Wenn es mal Tiefschläge gab, haben wir uns gegenseitig Mut zugesprochen und Erfolge feiern sich zu zweit viel besser als allein. Unser aktuell ermutigendstes Erlebnis war, als wir dieses Jahr im Mai am Marketing Rockstars Festival – der größten Marketingkonferenz im deutschsprachigen Raum – im Rahmen eines Startup Wettbewerbs vor 2.000 Leuten (darunter vorwiegend Männer) die erdbeerwoche und unser Thema Nachhaltige Frauenhygiene in einem dreiminütigen Pitch vorstellten und tosenden Applaus ernteten. Schließlich haben wir den Wettbewerb auch gewonnen, was uns gezeigt hat, dass unser Thema reif für die breite Masse ist. Nachhaltige Frauenhygiene ist am Weg in den Mainstream!
Gibt es auch lustige Anekdoten aus eurer Arbeit? Das Thema (Menstruationskappen, Probleme bei Einführung… ) bietet sich ja fast ein bisschen an, wenn man es nicht immer ernst nimmt.
Wir hatten jede Menge lustiger Erlebnisse! Schließlich ist es auch unser Ansatz, Frauen mit Fakten und Humor über das Thema aufzuklären – und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Dass wir uns dabei auch selbst nicht zu ernst nehmen, versteht sich für uns von selbst. Lustige Erlebnisse hatten wir vor allem auf Messen, die wir aufgrund des direkten Kundenkontaktes sehr schätzen: So hatten wir schon Nonnen genauso wie Transvestiten, die sich für unsere Produkte interessieren. Besonders beliebt bei den Messen sind auch unsere biofairen erdbeerwoche-Slips. Diese wurden einmal direkt an unserem Messestand von einer Kundin ausgependelt – und für gut befunden! ;)

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Ihr habt Erdbeerwoche neben euren Angestellten-Jobs gegründet. Wie habt ihr das neben der Berufstätigkeit gemanagt?


Gute Frage! Die Work-Life-Balance hat mal mehr mal weniger darunter gelitten aber jedem Gründer/jeder Gründerin sei geraten: Achte auf dich und gönn dir regelmäßig Auszeiten, denn für eine Idee zu brennen darf nicht bedeuten dafür auszubrennen!


Wie darf man sich den Alltag von Unternehmensgründerinnen vorstellen?


Gleich nach dem Frühstück geht der erste Blick in unseren Onlineshop: Schließlich wollen unsere Kundinnen ihre nachhaltigen Hygieneprodukte so schnell wie möglich geliefert bekommen. Also bearbeiten wir die Bestellungen und leiten diese an unseren Logistikpartner weiter bzw. beantworten Fragen von Kundinnen. Der persönliche Kontakt und Service ist uns wichtig! Nur so können wir uns von großen Onlineshops abheben. Danach wird einmal die To do-Liste geöffnet und gecheckt, was auf der Tagesordnung steht. Oft sind es Meetings mit wichtigen Kooperationspartnern, die Umsatzsteuervoranmeldung, ein aktueller Eintrag in unserem Blog http://meineregelmeinplanet.wordpress.com oder ein kollektives Brainstorming über die Weiterentwicklung unseres Unternehmens. Wir arbeiten entweder von zu Hause aus oder in unserem Büro im Impact Hub Vienna, ein Großraumbüro, Netzwerk und Think Tank für junge Unternehmen, die sogenannte „change makers“ sein wollen. Unser Mittagessen nehmen wir gerne in unserem Stammlokal – im Landia, ein biologisches vegan-vegetarisches Lokal im 7. Bezirk ein. Der Abend gehört (meistens) unseren Partnern und Freunden, wobei dringliche Dinge auch am Abend bearbeitet werden wollen. Als Selbstständige trifft der Begriff des „selbst“ und ständig“ Arbeitens schon hin und wieder zu, aber wir versuchen hier diszipliniert zu sein und uns auch unsere Auszeiten zu gönnen.


Was war die größte Herausforderung für Erdbeerwoche bis jetzt?


Leider wird es UnternehmensgründerInnen in Österreich nicht besonders leicht gemacht. Viele bürokratische Hürden sind hier zu nehmen und die Abgaben, die bereits als Kleinstunternehmen zu machen sind, erleichtern ein schnelles Wachstum dabei nicht unbedingt. Als Unternehmerin ist man zunächst für alles allein verantwortlich und kann sich meist noch keine MitarbeiterInnen leisten, weshalb wir uns zu Beginn in eher unliebsame Dinge wie Buchhaltung, Controlling, Steuerwesen und einige juristische Aspekte erst einlesen und einarbeiten mussten. Learning by doing und über die richtigen Netzwerke konnten wir aber auch diese Hürden meistern.


Seid ihr auch mal mit negativen Reaktionen konfrontiert worden, oder war die Resonanz durchwegs positiv?


Negative Reaktionen gab es durchaus: „Was, du willst dich selbstständig machen? Obwohl du einen gut bezahlten Angestelltenjob hast? Bist du verrückt?“ „Nachhaltige Tampons und Binden… Geht’s dir noch gut?“ Aber es gab auch positive Reaktionen: „Toll, dass Ihr euch so etwas traut!“ „Zur Unternehmensgründung gehört jede Menge Mut – ich finde es super, dass Ihr diesen Mut habt, weil ich ihn nicht hatte…“


Merkt ihr einen Unterschied in der Lockerheit im Umgang mit Menstruation seit ihr eure Arbeit angefangen habt?


Ja – sowohl bei uns als auch bei anderen! Da es für uns mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden ist, auch vor vielen Menschen und auch vor Männern über Menstruation und Nachhaltige Frauenhygiene zu sprechen, überträgt sich diese Entspanntheit meist recht schnell auf andere Menschen, sodass diese dann uns gegenüber ebenso locker mit dem Thema umgehen wie wir. Das führt auch dazu, dass uns viele Frauen nur allzu rasch ihre intimsten Probleme anvertrauen, die sie manchmal noch nicht mal mit ihrem Partner oder ihren besten Freundinnen besprochen haben!
Sind Frauen, die nachhaltiger Monatshygiene offen gegenüberstehen ohnehin schon lockerer im Umgang mit Menstruation? Definitiv ist das so. Wir haben auch in einer Umfrage unter unseren Kundinnen im Jahr 2014 festgestellt, dass sich für knapp 90% der befragten Frauen durch die Verwendung nachhaltiger Hygieneprodukte ihre Einstellung zum eigenen Körper und zur eigenen Regel positiv verändert hat. Eine schönere Bestätigung für unsere Arbeit gibt es eigentlich nicht.


Habt ihr Tipps für Frauen, die selbst gerne gründen möchten?


Jde Menge – just call us if you need help! ;)
Aber kurz gesagt: Sich vor der Gründung ausreichend informieren (was gibt es schon am Markt, welche Lücke will ich schließen)? Sich über Fördermöglichkeiten informieren und Kooperationspartner suchen! Im Team zu gründen macht viel mehr Spaß als alleine und kann auch in Krisenzeiten überlebensnotwendig sein.


Lassen wir Bescheidenheit mal beiseite, wenn ihr groß träumt, wie sieht eure Zukunftsvision für Erdbeerwoche aus?


Wir wollen das „bloody taboo“ brechen und wünschen uns, dass alle Frauen weltweit ohne Scham und ohne negative Gefühle über ihre „erdbeerwoche“ sprechen können. Gleichzeitig möchten wir die Frauenhygiene revolutionieren und hoffen, dass irgendwann mal jede Frau Zugang zum nachhaltigen Frauenhygieneprodukt ihrer Wahl hat.

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