Darum haben wir Angst davor, uns zu binden

Die Psychologin Gabi Firnthrat über die Angst vor Bindung und warum es out ist, sich über die Beziehung zu definieren.

Das österreichische Online-Portal www.hochzeits-location.info hat mit der Psychologin Gabi Firnthrat über die Frage gesprochen, warum wir heutzutage überhaupt verheiratet sein sollten.

Warum haben Menschen Angst vor lebenslanger Bindung?

GABI FIRNTHRAT: Die Zeit der Globalisierung und der Veränderungen stellen große Herausforderungen an uns Menschen und zwar in vielen Bereichen. Vieles wird hinterfragt, Vieles sucht neue Modelle zur Bewältigung
und auch die Ehe als kleinster Baustein unserer Gesellschaft ist einer Suche nach neuen Konzepten ausgesetzt. Sowie die Frage nach der optimalen Kindererziehung ist auch die Frage nach Ehe oder nicht Ehe eine ganz sensible geworden. Was bringt es, verheiratet zu sein? Diese Frage höre ich von vielen Paaren in meiner Arbeit als Psychologin. Wenn nicht die alte, romantische Tradition oder der Glaube aufrechterhalten werden will oder wirtschaftliche Gründe im Vordergrund stehen, suchen immer mehr Paare den wahren Sinn hinter diesem Schritt. Es ist wohl mehr eine Sinnfrage geworden als tatsächliche Angst vor lebenslanger Bindung.

Was hindert Menschen, sich zu binden?

Es ist wie beim Lotto – alles ist möglich! Und das in zweierlei Hinsicht. Ob eine Ehe heutzutage gut
geht oder nicht, ist wie ein Lotto Sechser, meinen viele Paare. Wir alle kennen die jüngsten demographischen Daten. Sie zeigen, dass die Zahl der Eheschließungen pro 1000 Einwohner in der EU 28 in den letzten Jahrzehnten rückläufig ist, während die Zahl der Scheidungen zugenommen hat. Die Motive, sich auf einen Lotto Sechser also einlassen zu können, sind sicherlich sehr unterschiedlich, doch sicherlich liegt Angst vor Bindung zum Teil auch dieser Entwicklungen zugrunde. In zweiter Hinsicht gibt es auch immer wieder Überlegungen, ob man emotional einer Bindung fürs ganze Leben gewachsen ist. Zusammenhänge aus vergangenen Erfahrungen, ungeeignete Vorbilder aus dem Elternhaus und persönliche Unsicherheiten blockieren viele Menschen, das Wagnis eine
derart endgültige Entscheidung zu treffen. Der Gedanke, ich könne mich eh wieder scheiden lassen, ist eigentlich meiner Erfahrung nach kaum vertreten. Oft sind eher die wahren Motive eine Ehe einzugehen von persönlichen Mängel und Defiziten, wie zum Beispiel: nicht allein sein können, geprägt und verhindern den Fokus auf die Entwicklung der Liebesfähigkeit in der Partnerschaft zu legen.

Hat die Frage des Heiratsantrages auf die Beziehung nachhaltige Wirkung?

Die Frage, ob und wie sich der gestellte Heiratsantrag auf die Beziehung in der Ehe auswirkt, lässt sich kaum allgemein und für generell gültig beantworten. Jedes Paar hat seine ganz individuelle Geschichte, seinen ganz persönlichen Verlauf der Beziehung und aus dem ergibt sich grundsätzlich, ob es eher passend ist, dass der Mann die entscheidende Frage stellt oder die Frau diese „Zügel“
in die Hand nimmt. Denken wir kurz an die Filmszene aus dem Film „Die Braut, die sich nicht traut“: Nachdem die Frau ihre Ängste besiegt hatte, sich sicher wurde und mit der Frage vom geliebten Partner nicht mehr rechnen konnte, macht sie den Heiratsantrag in berührender Weise und für diese Geschichte passt dies perfekt. Doch das kann kein allgemein gültiges Rezept sein. Der Heiratsantrag
ergibt sich aus der Geschichte des Paares und da kann es so oder so stimmig sein. Nachhaltige Wirkung gibt es aus dem, ob das Paar das Passende zulässt oder nicht.
Vorrangiger Erfahrungswert in meiner Arbeit mit Paaren
Die Erkenntnis der Menschen liegt in diesen Generationen tief in der Suche nach eigener Identität.

Sich über den Partner zu definieren ist einfach out und kann nicht mehr reibungslos gelebt werden. Und doch ist das Sehnen nach Partnerschaft größer denn je. Als ob es in uns hineingelegt ist! Heutzutage will persönliche Freiheit, eigene Identität, gemeinsames Erkunden und Erkennen miteinander geteilt werden und es tut jeder gut daran in seiner Partnerschaft zu erspüren, was passend ist, was authentisch ist und was liebevoll ist. Dann wird es möglicherweise mehrere gemeinsame Lebensmodelle als die herkömmliche Ehe geben, aber auch mehr stimmige, originellere Heiratsanträge und auch wahrhaftigere Ehen.

Gabriela Firnthrat ist seit über 33 Jahren Psychologin im Großraum Wien.

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