DariaDaria: "Manchmal frage ich mich, ob ich weniger hätte preisgeben sollen"

Die ehrliche Wienerin im Jubiläums-Interview über den Umgang mit Hasspostings, ihren Einsatz in der Flüchtlingskrise und Skurrilitäten des Blogger-Daseins.

30 Jahre Wienerin – 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Porträt: Madeleine Alizadeh.

2015 war das Jahr von Madeleine Alizadeh alias DariaDaria. Während der Flüchtlingskrise wurde die junge Wienerin, die hauptberuflich als Bloggerin arbeitet, durch ihr Engagement für Flüchtlinge schlagartig einer großen Masse bekannt - so bekannt, dass es der 25-Jährigen selbst fast zu viel Rummel um ihre Person wurde (mehr dazu hier).

Ihr Beruf als Bloggerin (DariaDaria.com) spielt in einer Welt, die nach außen hin zwar real scheint, es aber eigentlich nicht ist. "Du gehörst den Leuten. Du wirst zu einem Produkt", resümiert Alizadeh kritisch. Doch trotz ihrer selbstkritischen Sichtweise und den Kommentaren, denen sie sich stellen muss, bleibt die Wienerin so verdammt optimistisch und liebenswert, dass man sich nur schwer vorstellen kann, dass irgendjemand jemals etwas Schlechtes über sie schreiben könnte.

Dass das viele eben doch tun, ist leider harte Realität. Und zwar nicht nur für sie, sondern sehr viele andere Journalistinnen und Medienschaffende in Österreich. Und plötzlich sind Sätze wie "du bist so sau schirch, niemand will dich ficken – bitte bring um" kein Einzelfall mehr, sondern bittere Realität.

Nein, das Internet ist leider kein rosaroter Wattebausch, sondern oft ein hartes Pflaster. Warum Madeleine Alizadeh das Bloggen trotzdem liebt, wie sie trotz nachhaltiger und veganer Lebensweise Geld mit ihrem Blog verdient und was ihr Hund Mala damit zu tun hat, hat sie uns in einem sehr persönlichen Gespräch verraten.

Spätestens seit dem letzten Jahr bist du aufgrund deiner Flüchtlingsarbeit einem größeren Publikum bekannt. Nicht nur alle großen österreichischen Medien wollten ein Interview mit dir, auch in Deutschland sind viele auf dich aufmerksam geworden. Wie war das für dich?

Alizadeh: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es mir irgendwann ein bisschen zu viel "Tam-Tam" um meine Person geworden ist. Ich hatte das Gefühl, es geht nicht mehr um‘s Thema, sondern nur um mich. Es hat mich dann auch gestört, so viel im Mittelpunkt zustehen. Deswegen habe ich dann auch irgendwann damit aufgehört. Du drehst dann wirklich einen ganzen Tag für drei Minuten im Fernsehen. Ich habe für die ganzen Sachen mit den Flüchtlingen natürlich nie Geld verlangt, aber es war dann einfach zu viel Aufwand.

Wie hast du dich dabei gefühlt, plötzlich so im Mittelpunkt zu stehen?

Einerseits fand ich es ein bisschen komisch, dass viele Medien es so dargestellt haben, als wäre es das am Weitesten hergeholte, dass eine Modebloggerin sich auch sozial engagiert. Unter dem Motto: "Wow, the impossible was made possible". Aber weißt eh, das ist halt das Stereotyp Modeblogger. Und andererseits gehört natürlich ein Stück an Exhibitionismus dazu - natürlich mache ich es bis zu einem gewissen Grad auch, weil mir die Aufmerksamkeit gefällt. Aber ich finde es natürlich im Endeffekt total unangebracht, dass es dann nur um mich mich ging.

Ich habe sogar einen Preis für meine Arbeit bekommen - wobei ich immer ausdrücklich betont habe, dass dieser Preis auch stellvertretend für alle anderen Frauen steht, die geholfen haben. Es sind so viele Frauen - und vor allem Frauen - die dort helfen. Da musst du natürlich auch aufpassen, denn, wenn du soviel in der Presse bist, glauben natürlich auch wieder viele, dass du das alles nur für die PR machst.

Woran, denkst du, liegt das, dass während der Flüchtlingskrise so viele Frauen mitgeholfen haben?

Ich glaube, Männern geht das vielleicht nicht so nahe wie Frauen. Also mein Freund hat auch mitgemacht, aber er kann dabei leichter zumachen und das nicht weiter mit sich tragen. Schade ist, dass gerade jetzt, wo es kalt ist, dieser ganze Medienrummel abgeflacht ist.

Da gab es ja auch bei dir auf Facebook &Co. Beschwerden, weil du irgendwann wieder weniger über das Thema geschrieben hast…?

Ja es ist schwierig. Ich wurde auch oft gefragt: "Ja warum sieht man das Flüchtlingsthema bei dir jetzt nicht mehr so oft. Wieso ist es jetzt nicht mehr so präsent? Doch nur ein PR-Gag?". Man muss dazu sagen, ich war ja auch schon dort, bevor es anfangen hat. Und die große Welle hat dann erst begonnen, auch weil ich das Ganze dann auf Facebook gepostet habe.

Aber ich muss natürlich wieder anfangen, meine normalen Inhalte wieder mit reinzunehmen – ich muss ja von irgendwas leben. Und das war halt für viele schwer zu verstehen und zu differenzieren. Alles, was sie nicht sehen, das gibt es nicht.

Und das ist halt das Problem. Alle Dinge, die du im Hintergrund machst, die existieren für die Leute nicht. Das ist das Problem am Medium Internet – nur das, was du postest, existiert. Die Leute sehen ja nicht, wie viele Leute mir täglich schreiben, und sagen "du bist so schirch" oder "lass dir doch mal deine Armhaare lasern". Es ist halt ein sehr feiner Sieb, aus dem die Leute das präsentiert bekommen.

Das sind ja sehr außergewöhnliche Ratschläge…

Es gibt die verrücktesten Sachen. Ich habe einmal ein Foto von meinen Füßen gepostet und dann hat mir wer geschrieben, dass meine Zehen total entzündet seien und ich zum Arzt gehen muss?! Oder ich habe einmal geschrieben, dass ich schlecht drauf bin und dann schrieb mir wer, ich solle mir dieses und jenes Krankheitsbild ansehen, es klinge nach einer "manisch depressiven Erkrankung". Vielleicht sollte ich wirklich anfangen, das alles zu speichern und dann ein Buch zu veröffentlichen, wo ich das dann anonym publiziere.

Wenn ich mir das alles zu Herzen nehmen würde, müsste ich mich vor einen Zug schmeißen. Alles was da gegen meine Person kommt, kann man nur noch mit Humor nehmen. Gerade, wenn es sowas Lächerliches ist.

Das Arge ist, dass so richtig beleidigende Kommentare immer nur von Männern kommen - und zwar meist von älteren. Ich hatte während der Flüchtlingskrise auch sehr viele Kommentare und zwar solche wie "schleich dich aus unserem Land" oder "du bist so sau schirch, niemand will dich ficken – bitte bring dich um". Und das sind aber dann immer Männer, die mir sowas schreiben.

Die Frauen, die hinterlassen schon auch Kommentare, die bisschen beleidigend sind, aber eher zwischen den Zeilen. Und die Männer… ich weiß nicht, ob das so eine Aggression ist?

Und, wenn du dann aber auch etwas darauf antwortest, heißt es wiederum: "Ja wieso rechtfertigst du dich?" Also auch, wenn man sowas thematisiert ist es oft immer falsch - also es ist eh egal, was du sagst – es ist immer schlecht.

Du bist ja schon allein wegen deiner veganen Ernährung oft in der Kritik der Social-Media-Community, oder?

Meine vegane Ernährung ist noch relativ unkontrovers. Es ist dann eher wieder kontroverser, wenn ich Schuhe von Topshop anhabe (Anm.: die nicht vegan sind). Und dann fängt es dann wieder an mit: "Ich dachte, du kaufst vegan?“ (seufzt)

Es gibt auch dieses Sprichwort: "What Suzy says about Sally says more about Suzy than about Sally". Und das muss ich sagen, das merkt man schon bei ur vielen Kommentaren, dass diese mit so vielen Schuldgefühlen aufgeladen sind. Schuldgefühle, die sie eher gegenüber sich selbst haben und die sie dann an mir auslassen.

Viele dieser Leute kritiseren und haben sich kein einziges Buch zu diesem Thema durchgelesen oder keinen einzigen Bericht. Und das ist halt schon das Problem zwischen Wissen und Glauben. Es wir hier sehr wenig differenziert. Ich glaube, viele Leute haben gleich das Bedürfnis, so extrem zu sein - und das muss ja nicht sein.

Die Leute scheinen ja sehr viel aus deinem Leben zu wissen. Was du isst, wie deine Wohnung aussieht und wo du dich gerade aufhältst. Über die sozialen Medien wie Facebook, Snapchat oder Instagram ist man immer in deinem Leben. Findest du nicht, du gibst manchmal zu viel von deinem Leben preis?

Naja einerseits habe ich mich dafür so entschieden. Ich möchte ja, dass mich die Leute so kennen, wie ich bin. Deswegen habe ich auch meinen Namen veröffentlicht und andere intime Sachen. Was ich anderseits daran hasse, ist, dass die Leute immer glauben, dich zu kennen und glauben, dich durchschaut zu haben. Und das ist auch die Sache mit den Hatern. Da schreiben sie dann "Du versprühst dein Gift und du bist so rachsüchtig" oder meinen "Ja, jetzt habe ich dich durchschaut". Das ist natürlich etwas, was mich ein bisschen ärgert, wo ich dann über mich selbst reflektiere und denke: "Hmm, vielleicht hätte ich doch nicht so offen sein sollen oder so viel preisgeben sollen?“ Denn die Leute denken immer, sie kennen mich. Auf der anderen Seite, denken die Leute auch, wenn sie ein Foto von Beyoncé sehen, dass sie sie kennen.

Wirst du dann mittlerweile auch persönlich auf der Straße angesprochen oder läuft das nur über Social Media?

Wien ist natürlich ur klein. Es passiert mittlerweile täglich, dass mich irgendwer anspricht oder sagt, er hat mich gesehen und viele sagen halt nichts und starren mich die ganze Zeit an.

Und mein Freund (lacht), dem passiert manchmal, wenn er mit der Mala (Anm. ihr Hund) in der Ubahn sitzt, dass Leute "heimlich" Fotos von ihr machen. Er lacht darüber, aber findet es natürlich ein bisschen lächerlich. Aber das ist die Kehrseite, wenn du so viel von dir preisgibst und die Leute dann glauben, sie kennen dich. Jemand hat einmal zu mir gesagt: "Du gehörst den Leuten." Und das ist es halt… Du wirst zu einem Produkt.

Du bist jemand, der die ganze Bloggersphäre ja nicht ganz unkritisch sieht. Im November hast du als Reaktion auf die Aktion von Essena O’Neill (mehr hier) den Hashtag #truthfullydariadaria ins Leben gerufen und auf deinem Instagram gezeigt, wie "das echte Leben" aussieht. Dafür hast du aber auch Kritik einstecken müssen…

In einem Presse-Schaufenster Kommentar, wurde damals die Idee kritisiert, denn man könne laut dem Autor das echte Leben auf Instagram gar nicht darstellen, da sowieso alles inszeniert sei. Besonders daran störte mich aber der Schlusssatz - dieses typische "Millennial Bashing", wo es dann hieß:

Es muss schon schwer sein, wie Essena der Generation der Millenials anzugehören und früh in der Social-Media-Webwelt zu Ruhm und Geld zu kommen. Und eines Tages zu erkennen, dass die Wirklichkeit, in die sie hineinwuchs, dann eben doch keine ist. Die echte Welt gibt es nur ohne Hashtag.

Und die Kernaussage war eine super konservative unter dem Deckmantel von lauter Stereotypen über DIESE Millennials und DIESE Bloggerinnen. Das ist halt schon dieses Generationen-Bashing und dieses Weiblichkeitsshaming – weil du bist ja dieses Girlie und bla bla bla. Und ich weiß nicht, ob der Autor so reagiert hätte, wenn es ein Mann gewesen wäre. Das würde ich echt gern wissen.

Wo wir gerade beim Thema Männer sind. Hat eigentlich dein Freund ein Problem damit, dass du gerade so erfolgreich bist?

Ich glaube, dass meine Beziehung nur deswegen so gut funktioniert, weil meinem Freund das alles egal ist. Dem ist Geld komplett egal, der ist halt wirklich so ein Vagabund. Er würde am liebsten auf einer Insel leben mit einem Hängebauchschwein und einer Palme. Das ist der einzige Grund, warum das so gut geht. Weil, hätte ich einen Freund, der nur ein bisschen ehrgeizig wär, würde das überhaupt nicht funktionieren. Ich habe das auch gemerkt, sobald du eine starke Persönlichkeit hast und erfolgreicher bist als der Mann, dann gibt es damit manchmal echt Probleme...

Haben sich mit deinem Erfolg in den letzten Jahren eigentlich auch deine Leserinnen geändert? Merkst du, dass die Community anders ist als zu Beginn?

Das ist eine gute Frage. Die Community ist auf jeden Fall viel kritischer geworden. Liegt vielleicht auch daran, dass ich kontroversiellere Themen behandle und diese auch mehr polarisieren. Und sie sind älter geworden, sie wachsen mit mir, das merke ich auch. Früher war die Zielgruppe so 18-25 und dieses Jahr ist es auf 25-34 gesprungen. Das ist echt arg für einen Blog, weil die meisten Blogs sehr junge Leser haben.

Es gibt halt schon ein paar Hardcore-Fans, die von Anfang an dabei sind. Allerdings hatte ich früher das Gefühl, ich kenne alle Fans, auch von den sozialen Medien.

Hat man bei diesen ganzen Kommentaren auf Social Media und dem Hass, dem du manchmal begegnest, auch nicht einfach Lust aufzuhören?

Ich überleg mir das immer wieder, das kommt sehr oft in Wellen, sodass man immer wieder Lust hat, das alles zu löschen und was ganz anderes zu machen, das ist eh klar. Es wäre aber sehr sehr dumm und ich glaube nicht, dass es mich à la longue glücklich machen würde. Aber man hat oft so Tage… Was mich total nervt ist, dass es sehr vereinnahmend ist.

Das ist besonders an Tagen, an denen Shitstorms gegen mich passieren. Wo dann Leute schreiben: "Oh du bist aber zickig". Natürlich, du nimmst es an manchen Tagen mit Humor und lachst drüber und dann gibt es natürlich Tage, da ist das letzte, was du vor dem Schlafengehen anschaust auf Instagram irgendein Scheißkommentar. Und das kannst du dann nicht löschen, ich mein, du bist ein Mensch. Das ist manchmal das Schwierige.

Ich sage immer: Social Media ist wie ein eifersüchtiger Freund und wenn du ihm nur kurz keine Aufmerksamkeit gibst, ist das schon fatal. Und das ist an dem Job der größte Nachtteil, dass du nicht abschalten kannst.

Aber im Endeffekt überwiegt der positive Teil, auch wenn ich mir die ganzen positiven Kommentare durchlese. Der Mensch tendiert natürlich dazu die positiven Kommentare selbstverständlich zu nehmen und die negativen mehr im Gedächtnis zu belassen.

Wenn du in ein Restaurant gehst und du einen super Abend hattest, dann hast du natürlich auch nicht das Bedürfnis am nächsten Tag auf Tripadvisor zu gehen und etwas darüber zu schreiben.

Bevor ich also so ein großes Medium lösche, versuche ich es langsam in eine Richtung zu bringen, in der ich es gerne hätte. Das Einzige, was immer die Sache bleibt, ist, dass ich davon leben können muss. Aber ich habe vollstes Vertrauen, dass das auch so sein wird. Also ich hab jetzt keine Berufsängste, sondern bin eher jemand, der so ein Gottvertrauen hat und sich denkt, das wird schon irgendwie funktionieren.

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