Darf man mit seinen Kindern über Dicke lästern?

In einem Artikel des deutschen Magazins Nido erzählt ein Autor, wie sehr das gemeinsame Spotten die Beziehung zu seiner Tochter stärke. Die Reaktionen auf Twitter gingen hoch - und zwar völlig zu Recht.

In einem Artikel in der aktuellen Ausgabe des deutschen Familienmagazins Nido beschreibt ein Autor eine Szene, in der er gemeinsam mit seiner Tochter über eine dicke Frau in der Warteschlange lästert. Lästern sei normal, und die Situation hätte das Band zwischen ihm und seiner Tochter gestärkt. Die Wogen gingen hoch:

Ist die Aufregung gerechtfertigt? Reden wir nicht alle mal schlecht über Dicke oder den Typen mit der großen Nase?

Lästern ist menschlich!

Sind wir zu verkopft in unserer political correctness, dass wir es uns und unseren Kindern nicht mehr erlauben, mal zu lästern? Gerade Kinder im Vor- und Volksschulalter haben einen herrlich unaufgeregten Zugang zu Körpern. Welche Mama, welcher Papa musste noch nicht die Frage beantworten, warum er "da unten Haare hat". Und Opa kassiert ein unverblümtes „Du hast einen dicken Bauch!“. Kinder nennen Dinge beim Namen, sie kennen unser Schamgefühl als Erwachsene nicht – gut so! Hinter jedem Gespräch über einen dicken Bauch oder eine große Nase gleich eine beginnende Störung der eigenen Körperwahrnehmung zu wittern, ist genau das, was man seinen Kindern nicht beibringen möchte: ein verkrampfter Zugang zum Thema Körper.

Natürlich ist Lästern menschlich, keine Frage! Nobody is perfect, das gilt in beide Richtungen: Niemand von uns wird behaupten können, noch nie auf Grund von Äußerlichkeiten etwas Schlechtes über einen anderen Menschen gesagt oder gedacht zu haben. Die Frau heute Morgen in der U-Bahn, der Typ letztens beim Einkaufen. Und mindestens genauso oft wurde wohl über jede und jeden von uns gelästert, weil jemandem unsere Schuhe oder unser Haarschnitt nicht gefallen haben.

Vom Lästern zum Mobbing ist es kleiner Schritt

Das, was der Autor des Nido-Artikels beschreibt, hat aber nichts mehr mit dem neugierigen, auch mal die (Scham-)Grenzen unserer Erwachsenenwelt überschreitenden Blick von Kindern auf ihre Umwelt zu tun. Oder damit, dass es natürlich okay ist, in einer Situation zu lästern. Es geht einen Schritt weiter – und zwar eindeutig zu weit: Klar fällt einem auf, wenn die Person neben einem dick ist. Möglich, dass Kinder das für alle hörbar ansprechen. Kann man als Elternteil einfach drauf reagieren, „ja, stimmt“ sagen und seinem Kind später erklären, dass das der anderen Person vielleicht unangenehm war. Stattdessen im Anschluss an die Szene gemeinsam drüber zu lästern und zu lachen und es dann damit zu erklären, dass es verbindet, sendet eine ganz falsche Botschaft: Wir sind ein Team auf Kosten eines anderen. Was passiert, wenn die Tochter des Autors in ein paar Jahren merkt, dass sie in der Schule nur dann Teil einer bestimmten Gruppe sein kann, wenn sie über eine andere Person herzieht? Sowas nennt man heutzutage Mobbing. Aber das hat sie ja mit Papa auch gemacht, kann also so falsch nicht sein. Denn der glaubt ja an „den gemeinsamen Feind“ als gutes Fundament für eine Beziehung.

Nein, man darf mit seinen Kindern nicht über andere Menschen lästern. Das Warum lässt sich ganz einfach an einem Satz festmachen: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.

Nido-Redaktion reagierte auf heftige Kritik

Auf Grund der Kritik veröffentlichte die Nido-Redaktion folgendes Statement:

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