Darf ich als Mensch keine Bedürfnisse mehr haben, sobald wer "wirtschaftliche Interessen" schreit?

Über Overtourism wird in Österreich gerade diskutiert. Und was hört man: wirtschaftliche Interessen hin, wirtschaftliche Interessen her. Menschsein und als Mensch oder OrtsbewohnerIn irgendwelche Bedüfnisse zu haben, scheint nicht mehr erlaubt zu sein. Unsere Autorin Ursula Neubauer kennt das auch aus ihrer Gemeinde. Beschwerden von AnrainerInnen richtig ernst nehmen? Naja, wohl eher nicht so. Es gehe doch um "wirtschaftliche Interessen". Warum sie das nicht mehr hören kann, erklärt sie hier.

Also ich glaube, die BewohnerInnen von Orten wie Hallstatt waren schon lange sehr geduldig bis es jetzt zu dieser Overtourism-Diskussion kam. Und ich kann verstehen, wie schwierig es für eine Gemeinde sein muss, alle und sehr unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut kriegen zu müssen. Aber ich hab schon den Eindruck, dass sobald jemand "wirtschaftliche Interessen" schreit, alles andere gefälligst nicht mehr wichtig zu sein hat. Dass ein Mensch oder ein/e OrtsbewohnerIn gefälligst keine Befindlichkeiten mehr zu haben hat. Dass die Gesundheit von Menschen irgendwie wurscht ist, wenn es drum geht, ein Bier mehr zu verkaufen. "Wirtschaftliche Interessen" sind ein bissl das Allround-Totschlag-Argument geworden, denn da kann ja wohl niemand was dagegen haben, oder?

 

"Ich bin schon froh, wenn keiner in den Garten speibt."

Ich möchte gern beim Thema Tourismus bleiben, obwohl man das mit dem "Menschsein vs. wirtschaftliche Interessen" natürlich auch mit dem 12-Stunden-Tag oder so gut durchspielen könnte. Unser "Menschsein dürfen" geht uns leider grade an mehreren Stellen verloren. Aber: Geld regiert die Welt, gö?! Und den Tourismus. Und das Dorf. Punkt. Menschliche Bedürfnisse haben da keinen Platz.

Die Bedürfnisse, die ich hier in meinem Beispiel meine, halte ich eigentlich für recht grundlegend: Nämlich dass man bei sich zu Hause am Abend oder am Wochenende gerne mal seine Ruhe haben möchte, um sich erholen zu können. Dass man in seinem Garten oder auf seinem Balkon sitzen und auch mal die Vögerl zwitschern hören will. Für viele ist das ganz selbstverständlich. Für einige AnrainerInnen bei mir zu Hause in Bad Tatzmannsdorf leider nicht. Denn eine Kur- und Tourismusgemeinde müsse den Gästen ja was bieten! Und von diesem Was hat man hier auch eine klare (aus meiner Sicht etwas einseitige) Vorstellung: Musik-Veranstaltungen. Also gibt es mitten im Ort einen Haufen davon, Feste immer mit lauter Live-Musik, dazu (manchmal gleichzeitig) Musik im Tanzcafé nebenan, und am nächsten Tag dann Frühschoppen - wieder mit Musik. Es gibt also Leute, die im Sommer unfreiwillig bei sich zu Hause dauerbeschallt und lärmbelästigt werden. Eine Bekannte sagte kürzlich "Ich bin schon froh, wenn mir keiner in den Vorgarten speibt". Also so hoch sind dann die Ansprüche von den AnrainerInnen ja eigentlich eh gar nicht mehr.

Querulanten! Blockierer! Verweigerer!

Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Versuche, durch Beschwerden und Bitten, das doch so zu regeln, dass alle damit leben können, was zu erreichen, haben bis jetzt nicht viel gebracht. Hinweise, dass für diesen Ort, weil er ein Kurort ist, eigentlich recht strenge Richtlinien gelten würden, was Lärm betrifft, scheint man nicht zu hören. Dafür sind die Schreie wegen der "wirtschaftliche Interessen" ziemlich laut. Oder es heißt beleidigt,  "dann könne man ja gar nichts mehr machen" oder "ohne die Veranstaltungen kämen keine Gäste mehr" oder "der ganze Ort, Hotels, Gastronomie, alle profitieren doch davon" oder "wer will denn zurück in die Steinzeit und die Gehsteige um 20:00 einrollen" oder "Gäste wie Ortsbewohner vertragen schon noch ein bissl musikalisches Programm. Dornröschenschlaf müsse nicht sein." (Das letzte Statement kam übrigens von einer Gemeinderätin).

Ein einziges Mal einfühlen, bitte!

Man möge sich aber bitte nur einmal kurz und ehrlich, bitte ein einziges Mal wenigstens, vorstellen: Man kommt nach Hause, jemand anderer hat das Radiogerät laut aufgedreht und man kann es einfach nicht abdrehen. Nix. Kein Knopf, kein Regler, der das erlauben würde. So ist das. Und es ist wirklich belastend für die Betroffenen. Jemand, der sich über so etwas beschwert, ist nicht empfindlich. Und alle, die das behaupten, haben einfach nur leicht reden und verdammt viel Glück, dass sie nicht selbst betroffen sind. Sonst gar nichts. Einfach nur ein riesengroßes, verdammtes Glück, dass ihre Terrasse oder ihr Garten vielleicht so liegt, dass es dort ruhiger ist. Aber es ist halt leicht schreien, wenn man selber nicht drunter leiden muss.

Warum kann man sich nicht in der Mitte treffen?

Menschsein. In Ruhe leben können. Auf seine Gesundheit achten können. Eigentlich ist das gar nicht so viel verlangt, finde ich. In einem Ort, der mit dem Claim "Slow down & Relax" auch noch mit Erholung wirbt. Und man ist ja auch zu Kompromissen bereit. Stimmt ja, dass die Dosis das Gift macht. Muss ja eh nicht jeden Tag totenstill sein. Aber man will halt auch ernst genommen und nicht immer mit dem "wirtschaftliche Interessen"-Zeigefinger abgeschaßelt werden. Bis man sich wirklich aufregt und beschwert, ist es eh ein langer Weg, gepflastert mit ganz viel Geduld. Statt Leute, die halt einfach in Ruhe ihr Leben leben wollen, als Querulanten hinzustellen, wäre es schön, wenn man wirkliche Lösungen suchen würde. Welche, die mehrere Seiten zufriedenstellen. Nicht nur die wirtschaftlichen. Auch die menschlichen. Wollt ihr mir wirklich erzählen, dass das nicht gehen würde, wenn man sich wirklich wirklich bemüht?

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