Damenwahl

Kreuzstich ist out, Kreuzchen machen in: Im Herbst wählen die Steiermark und Wien neue Landesregierungen – und wir Frauen können viel bewegen. Warum, sagen wir Ihnen hier. Und auch, was die Damen Frauenberger, Vassilakou, Brauner, Edlinger-Ploder und Marek damit zu tun haben ...

Ein Mensch fällt im Schnitt 100.000 Entscheidungen - am Tag! Sekündlich stehen bei uns also Wahlen an: Ob wir den braunen oder den schwarzen Mascara auflegen, wie wir dem großen Hund auf dem Gehsteig am besten ausweichen können oder welcher Mann es denn bitte schön nun sein soll für den Rest unseres Lebens ...
Entscheidungsschwach sind wir also erwiesenermaßen nicht. Warum also verweigern sich so viele von uns, wenn es ums Wählen von Parteien geht? Oder warum gehen sie zwar wählen, aber nach dem Motto „Ich wähle halt das kleinere Übel"? „Politikverdrossenheit" könnte man nun antworten - für die es ja auch sicherlich genug gute Gründe gibt. Von A wie absurd hohe Bezüge über N wie Negativschlagzeilen bis Z wie zu wenig neue politische Formate.
frauenpower. Als Entschuldigung lassen wir das aber nicht gelten. Denn: Sie als Wählerin befriedigen bei politischen Wahlen nicht die Interessen von Parteiabgeordneten. Sondern können mit Ihrer Entscheidung eine breite Palette an Wünschen ausdrücken: Wie unsere Gesellschaft morgen aussehen soll oder wie viel Geld Sie am Ende eines Monats in der Tasche haben wollen etwa. Denn auch wenn jede Stimme gleich viel zählt: Frauen haben viel Einfluss auf die Macht. Auf den folgenden Seiten verraten wir Ihnen fünf Gründe, warum Wählerinnen entscheidend für die Richtung eines (Bundes-)Landes sind.


Grund Nr. 1
Wir wählen anders als Männer.
Man nennt es „Gender Gap", das geschlechtsspezifische Wahlverhalten, das sich weltweit beobachten lässt und in Österreich seit Mitte der 1980er ziemlich durchschlägt. Anders als Männer setzen Frauen ihr Kreuzchen eher bei linken Parteien und entscheiden sich seltener für rechte Protestparteien. Bei den Landtagswahlen im Burgenland im Mai 2010 war der Gender Gap besonders stark: Die SPÖ kam bei den Wählerinnen auf 56 %, bei den Wählern nur auf 40 % . Frauen wählten fast gar nicht die FPÖ - nur 4 % Prozent gaben ihr ihre Stimme, aber 16 % der Männer.


Grund Nr. 2
Wir entscheiden aus anderen Motiven.
Die weibliche Tendenz nach links wird noch durch etwas anderes verstärkt. Frauen interessieren sich stärker als Männer für sozialpolitische Themen: Schule, Familie, Bildung, Umwelt, Gesundheit ... Auch weil sie häufiger in diesen Branchen beschäftigt sind. Das Gute daran: Bildung ist ein wichtiges Ressort und macht den großen Teil des Budgets eines Landes aus - hier potenziert sich (weiblicher) Einfluss! Überlegen Sie also, wem Sie wichtige gesellschaftspolitische Entscheidungen - wie etwa über Ganztagsschulen oder Gesundheitsreformen, menschenwürdige Geriatriezentren oder Klimaschutz - überlassen wollen. Und ja, es macht einen Unterschied, ob darüber Politikerinnen oder Politiker bestimmen.


Grund Nr. 3
Wir sind die Mehrheit.
Für dieses Rechenbeispiel braucht es keine hohe Mathematik: Wählerinnen haben schon deshalb mehr Macht, weil es von ihnen mehr gibt. In der Steiermark sind 52 % der Wahlberechtigten weiblich, in Wien sogar 54 %. Und wir wissen ja, dass längst nicht alle Menschen zur Wahl gehen - die Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen 2005 lag bei 60% (Wien) und 74 % (Steiermark). Jetzt müssten wir uns nur noch ausmalen, was passierte, wenn am Wahlsonntag wirklich alle Frauen ihre Kreuzchen setzen würden ...


Grund Nr. 4
Wir sind einfach unberechenbar.
Frauen sind seltener als Männer in Gewerkschaften oder in Parteien organisiert. Das mag man gut oder schlecht finden, Fakt ist: (Auch) deshalb neigen Frauen zum Wechselwählen. Eigentlich müssten Parteien also viel gezielter als bislang uns Wankelmütige mit Frauenthemen ansprechen! Denn bei Wahlen sind wir aus diesem Grund oft das berühmte Zünglein an der Waage. Franz Voves (SPÖ) etwa verdankt seinen Sieg 2005 in der bis dato schwarz regierten Steiermark überwiegend den Frauen aus dem ländlichen Raum - einer Wählergruppe, in der die Beschäftigtenquote stark gestiegen ist. Dort verstehen sich Frauen also zunehmend nicht mehr „nur" als Gattin des Kaufmanns oder Landwirts, die „das Gleiche wie er" wählt. Sie haben eigene Jobs und einen eigenen Wahlwillen. Emanzipation eben.


Grund Nr. 5
Wir Frauen helfen Frauen.
Es ist bekannt, aber deswegen nicht weniger empörend: Frauen verdienen schlechter als Männer - in Österreich ein Viertel weniger. Damit schneiden wir europaweit schlecht ab, liegen auf dem vorletzten Platz. Ein Teil dieser Gehaltsunterschiede ist erklärbar (etwa weil Frauen häufiger in Niedriglohnjobs oder in Teilzeit arbeiten), doch gut 18 % davon sind es nicht. Das heißt im Klartext: Zum Teil verdienen Frauen nur deshalb weniger, weil sie Frauen sind.


Deshalb setzen etwa in Wien Wählerinnen oft ihr Kreuzchen bei Politikerinnen - und zwar ganz bewusst aus frauenpolitischen Gründen: Weil sie etwas gegen solche Benachteiligungen tun wollen, weil sie in ihrem Job Karriere machen möchten und vonseiten der Politik auf strukturelle Unterstützung hoffen oder weil sie gern Frauen in der Politik unterstützen. Gerade auf jüngere Wählerinnen wirkt es motivierend, wenn eine Partei starke Spitzenfrauen oder starke Regierungsmitglieder hat - denn (jüngere) Frauen orientieren sich weniger an der Partei als an den Personen. Für Sie bedeutet das: Wenn wir Frauen uns endlich als Lobby sehen (Wählen also nicht nur als ganz persönliche Entscheidung verstehen) und möglichst viele von uns tatsächlich zur Urne gehen, dann sind wir stark. Denn dann drücken wir gemeinsame Fraueninteressen aus, die die Parteien, egal welcher Couleur, berücksichtigen müssen. Wir haben ein Interesse daran, die Weichen auch für unsere Kinder zu stellen, die in einer Welt leben sollen mit dem bestmöglichen Schulsystem und in einer Gesellschaft ohne Geschlechtsunterschiede, aber mit zukunftsorientierten Wirtschaftszweigen, damit sie später Arbeit finden.



Zu wenig Gleichberechtigung, zu wenig Interesse.

Dass sich Wählerinnen bislang nicht als politisch mächtig verstehen, obwohl sie es de facto sind, hat eigentlich nur einen Grund: „Noch immer sind Frauen weniger gut informiert über politische Inhalte. Laut unseren Umfragen interessieren sich 30 % der Frauen auch nicht dafür", sagt Sophie Karmasin von der Karmasin Motivforschung in Wien. Das weibliche Desinteresse erstaunt, weiß man doch, dass zwei Drittel der Österreicherinnen sich nicht gleichberechtigt fühlen. „Subjektiv spüren Frauen also, dass Frauenpolitik noch immer (k)ein Thema ist in Österreich", sagt Karmasin.
Stimmen wir also endlich für jene Parteien, die die Benachteiligungen beseitigen wollen. Schließlich ist „das Wahlrecht für Frauen ein so hart erarbeitetes, das sollten wir wahrnehmen", sagt Wählerin Tamara Kögl, Landwirtin aus Ehrenhausen. Die nächste Chance, Ihre weibliche Macht zu nutzen? Haben Sie in der Steiermark am 26. September und in Wien am 10. Oktober.

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