"Da unten": Sag doch einfach Klitoris!

Sprache schafft Wirklichkeit. Ein Plädoyer für einen offenen Umgang mit dem weiblichen Körper - unserer Gesundheit zuliebe.

2013 beschließt die japanische Künstlerin Megumi Igarashi, bekannt unter dem Künstlernamen Rokudenashiko, ein 3-D-Modell ihrer Vulva herzustellen, daraus ein Kajak zu designen und damit durch Tokio zu rudern. Sie wird dafür wegen Obszönität angeklagt und sitzt 23 Tage in Untersuchungshaft; im Falle einer Verurteilung drohen ihr zwei Jahre Gefängnis. Und das in einem Land, in dem beim Festival des stählernen Phallus zur Feier der männlichen Potenz öffentlich an penisförmigem Eis gelutscht und riesige Penisstatuen verehrt werden. (Ja, es lohnt sich, das zu googeln, und nein, sie wurde dank einer Gruppe pro bono arbeitender AnwältInnen nicht verurteilt.) Der feine Unterschied: Der Penis gilt in der japanischen Kultur als anbetungswürdig -das weibliche Geschlecht als unaussprechlich und obszön und ist tunlichst aus der Öffentlichkeit fernzuhalten.

Kommt Ihnen das auch irgendwie bekannt vor? Bevor wir jetzt nämlich den Kopf schütteln und über die verrückten JapanerInnen lachen, sollten wir lieber vor unserer eigenen Tür kehren.

Die Schwedin Liv Strömquist hat in ihrem vielfach ausgezeichneten Comic Der Ursprung der Welt die Kulturgeschichte der Vulva gezeichnet und thematisiert darin die patriarchal geprägte Forschung rund um die Frau. Abgesehen davon, dass es nämlich auch in unserem Kulturkreis immer noch verbreitet ist, die weiblichen Geschlechtsteile als "Da unten" zu bezeichnen, wird selbst im Aufklärungsunterricht auf ein nicht unerhebliches Detail der weiblichen Anatomie vergessen: die Klitoris. Ein kleiner Knopf über der Harnröhre? Nicht ganz. Ein eigenes Organ, das ausschließlich für das Lustempfinden der Frau zuständig ist? Exakt. Erst 1998 wurde die tatsächliche Größe der Klitoris beschrieben, bis heute fehlt sie sogar in den Lehrbüchern. Wie kann das sein?

Klitoris? Darüber redet man nicht!

Mädchenkörper haben immer noch einen anderen Stellenwert als Bubenkörper. Die Geschlechtsteile werden nicht benannt, die weibliche Klitoris wird als Lustorgan der Frauen ausgeblendet. In Österreich kommt sie bisher in nur einem einzigen Biologiebuch überhaupt vor; Medizinbücher bieten ein ähnliches Trauerspiel - zulasten unserer sexuellen Entwicklung, unseres (Sex-)Lebens und letztlich unserer Gesundheit.

Hanna Rohn, Sexualpädagogin am Frauengesundheitszentrum in Graz, leitet sexualpädagogische Workshops für Schulklassen mit SchülerInnen zwischen zwölf und 16 Jahren. Sie erlebt verunsicherte Kinder und Jugendliche und einen riesigen Berg an Aufklärungsbedarf. Irgendwie auch kein Wunder: "Kaum ein Arzt oder eine Ärztin kann eine vollständige Zeichnung der Klitoris anfertigen. Wie sollen es dann junge Mädchen geschweige denn Buben können?", so Rohn. Für die Pädagogin grenzt der Umgang mit dieser Wissenslücke schon an Fahrlässigkeit: "Ich verstehe einfach nicht, wie man eine so weit entwickelte Medizin haben kann und dann ein Organ, das schon in nicht erregtem Zustand rund zehn Zentimeter groß ist, in Lehrbüchern höchstens als Punkt darstellt. Wenn überhaupt, wird ja meist nur der Klitoriskopf abgebildet. Stellen Sie sich vor, man würde einen Teil des Penis einfach weglassen." Die Konsequenz daraus ist ein nicht zu unterschätzender Einfluss auf unser Denken über weibliche Sexualität. Bis heute erscheinen Artikel darüber, dass der vaginale Orgasmus der einzig wahre und jede Art der klitoralen Stimulation nur das Vorspiel oder eine infantile Art der Sexualität sei. Eine Theorie, die auf Sigmund Freud zurückgeht. Hanna Rohn: "Dieser Mythos hält sich besonders hartnäckig. Deshalb muss man ein für alle Mal sagen: Alle Orgasmen sind klitorale Orgasmen, weil die Klitoris viel größer ist, als man annimmt. Sie ist die Analogie zum Penis, nicht die Scheide. Das kann man deutlich in der Entwicklung der Organe sehen. Die Funktion der Scheide ist es, eine Geburt zu ermöglichen. Das Gewebe ist deshalb extrem nervenarm, sonst wäre eine Geburt gar nicht auszuhalten. Die einzige Funktion der Klitoris hingegen ist Lust." Die Tatsache, dass diese Information weder in Schulbüchern noch sonst weiterverbreitet wird, ist bezeichnend. "Der Fokus, den Freud auf den sogenannten vaginalen Orgasmus gelegt hat, entsteht durch eine Fixierung auf Sex als vaginale Penetration." Dieser Zugang zur Sexualität schließt nicht nur sehr viele Arten von Sex aus, er prägt auch ganz allgemein die Wahrnehmung von Sexualität in unserer Gesellschaft. Sexualität wird als auf Männer fokussiert wahrgenommen, weibliches Begehren unter den Teppich gekehrt.

Unter diesen Umständen ein gesundes Selbstverständnis rund um den eigenen Körper zu entwickeln ist auch für erwachsene Frauen zum Teil sehr schwierig -und wäre für eine selbstbestimmte Sexualität doch so wichtig.

Die richtigen Worte für den weiblichen Körper

Der Anfang ist zumindest in der Popkultur schon gemacht: 2017 zeigte das Berliner Label Namilia auf der New York Fashion Week die Kollektion Labia of Love. Zahlreiche Kunstprojekte beschäftigen sich mit dem weiblichen Geschlechtsteil. Wir feiern die Vagina, konsultieren Onlineplattformen für den besten Orgasmus (omgyes.com) und schauen Künstlerinnen wie Janelle Monáe dabei zu, wie sie in ihren Videos in Pussy-Pants tanzen. Und das ist gut so.

Aber fangen wir doch gemeinsam an, endlich auch die richtigen Worte für unseren Körper zu finden. Es ist höchste Zeit.

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Dieser Text erschien ursprunglich in der WIENERIN-Printausgabe, März 2019.

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