Cyber-Gewalt: „Er hatte alle Passwörter, kontrollierte mein Handy, mein Facebook, mein Leben“

Was sich Partner, Ehemänner oder auch Ex-Männer einfallen lassen, um Frauen zu kontrollieren und zum Schweigen zu bringen, hat nun eine erschreckende wie beeindruckende Studie der Wiener Frauenhäuserherausgefunden. Fazit: Das Handy ist offenbar die ideale Verlängerung von körperlicher Gewalt gegen Frauen.

Frauenhände, gefesselt von einem Aufladegerät für ein Smartphone

Immer dann, wenn Katharinas Handy vibrierte, kam die Angst. Womit droht er jetzt? Was hat er über mich auf Facebook geschrieben, wird er mich heute auch noch schlagen? Als Katharina endlich den Ausbruch aus dieser Gewaltbeziehung schafft, hat sie ein Martyrium hinter sich. Jahrelang wird sie von ihrem Mann bedroht, über 40 Mal hat sie ihn wegen Körperverletzung angezeigt, er hat mehrfach versucht sie zu vergewaltigen. Und als wäre das nicht genug, hat er Katharina konsequent von ihrer gesamten Umwelt abgeschnitten. Hat ihr verboten, ihren Freundeskreis über Facebook zu pflegen, permanent ihr Handy kontrolliert und als Höhepunkt eines Tages begonnen, Nacktfotos von ihr auf seinem Account zu posten. "Er nannte mich seine Wiener Hure."

Das sagt Katharina, als sie endlich – im Herbst 2019 – Zuflucht in einem der Wiener Frauenhäuser sucht. Doch Katharina ist kein Einzelfall. Und Cyber-Gewalt in Paarbeziehungen ist keine neue Erfindung, sondern die besonders raffinierte Verlängerung von Gewalt gegen Frauen. Denn was kann noch effektiver sein, als eine Frau körperlich zu unterdrücken? Genau, ihr auch noch jegliche Art von sozialer Interaktion, von Reflexion, von Ausweg abzuschneiden. Und um das Spiel perfekt zu machen, schickt der Mann Katharina fast ebenso oft Liebesbekundungen auf ihr Handy. Gibt sich romantisch, will sie eben "ganz für sich allein, vor lauter Liebe". Bis sie gar nicht mehr weiß, was wahr, was Unrecht und was einfach nur Manipulation ist.

Während ein Hämatom, eine sichtbare Verletzung, in weiten Kreisen unserer Gesellschaft geächtet ist und meist strafrechtliche Folgen nach sich zieht, ist vielen nicht klar, wie dramatisch Cyber-Gewalt in die Psyche der Betroffenen hineinspielt und wie nachhaltig sie diese schädigt.

von Andrea Brehm, Leiterin der Wiener Frauenhäuser

Insgesamt 16 Frauen wurden für eine gerade veröffentlichte Studie der Wiener Frauenhäuser interviewt. Ihre Geschichten sind individuell verschieden, doch eines zieht sich durch. Die Partner und Ehemänner dieser 16 Frauen übernahmen durch Handy-Apps, am Tablet oder Laptop die gesamte Kontrolle über das Leben ihrer Frauen. "Man könnte sagen, die Motive und Muster der Täter sind die gleichen, die Tatmittel sind raffinierter geworden. Wurden Frauen auch schon vor 20 Jahren kontrolliert und verfolgt, eröffnen vor allem Smartphones dafür noch viel ausgeklügeltere Möglichkeiten – die Kontrolle und Überwachung wurden quasi perfektioniert", sagt Andrea Brehm, Leiterin der Wiener Frauenhäuser. Diese Gewalt, so Brehm, sei aber eben noch nicht so bekannt. Und man würde sie oft nicht richtig als Gewalt wahrnehmen. "Während ein Hämatom, eine sichtbare Verletzung, in weiten Kreisen unserer Gesellschaft geächtet ist und meist strafrechtliche Folgen nach sich zieht, ist vielen nicht klar, wie dramatisch Cyber-Gewalt in die Psyche der Betroffenen hineinspielt und wie nachhaltig sie diese schädigt.“

Noch ein Beispiel, nämlich jenes von Nadine zeigt, wie sich diese Kontrolle auswirkt, wenn Kinder mit im Spiel sind. Die Autor*innen fassten ihre Geschichte so zusammen: „Nadine war schwersten Formen physischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt, ihr Partner überwachte sie so intensiv, dass er immer wusste, wo sie sich aufhielt und welche Einkäufe sie tätigte. Dennoch leben die gemeinsamen Kinder bei ihm und werden von ihm benutzt, um sie weiterhin zu kontrollieren, indem sie sie mit Videoanruf kontaktieren und dadurch sehen, wo sie sich gerade aufhält. Da sie Kontakt zu ihren Kindern haben möchte, kann sie sich dieser Kontrolle nicht entziehen und ist somit ihrem Ex-Mann weiterhin ausgeliefert.“

Um sich ein umfassendes Bild dieser Gewalt zu machen, haben die Studienautor*innen im Herbst 2019 nicht nur diese 16 Interviews geführt, sondern von weiteren Frauen, die in diesem Zeitraum in den Wiener Frauenhäusern waren, Fragebögen ausfüllen lassen. Insgesamt basieren diese Daten also auf 140 Interviews. Finanziert wurde die Studie "Cybergewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen" vom Ressort der Wiener Frauenstadträtin Kathrin Gaal (SPÖ), die auch noch weiter für Hilfe sorgen will. "Die IT-SicherheitsspezialistInnen der Stadt Wien arbeiten ab sofort eng mit dem 24-Stunden Frauennotruf und den Wiener Frauenhäusern zusammen. Wichtig ist: Die Stadt Wien hilft Betroffenen von Cyber-Gewalt schnell und unbürokratisch", so Gaal.

Ausgeliefert sind Frauen, die Gewalt erfahren, aber nicht nur ihren Tätern, sondern auch wie in der öffentlichen Wahrnehmung diese Misshandlungen bewertet werden. Auch und natürlich medial. Der "Familienstreit", die "Familientragödie" oder der "liebestolle Ehemann" – das alles sind Synonyme für eine Verharmlosung. Und sie beschreiben die Welt aus der Sicht der Täter.

Kostenlose Hilfsangebote für Frauen in gewaltätigen Beziehungen

Beratungsstelle für Frauen – Verein Wiener Frauenhäuser
Vivenotgasse 53
1120 Wien
Telefon: 01/512 38 39
E-Mail: verein@frauenhaeuser-wien.at
www.frauenhaeuser-wien.at

Frauenhaus-Notruf Wien
Telefon: 05 77 22 – Tag und Nacht erreichbar!
24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien
Telefon: 01/71 71 9
E-Mail: frauennotruf@wien.at
www.frauennotruf.wien.gv.at

Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie
Telefon 01/585 32 88
E-Mail: office@Interventionsstelle-wien.at
www.interventionsstelle-wien.at

Weißer Ring
Telefon: 0800 112112
E-Mail: office@opfer-notruf.at
www.opfer.notruf.at

Internet-Ombudsmann
www.ombudsmann.at

Kriminalpolizeiliche Beratung (Wien)
Telefon: 0800/21 63 46
24h Tonbanddienst

Rat auf Draht (für Kinder)
Telefon: 147
www.rataufdraht.at

 

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