Couchsurfen in Südafrika und ein ganz besonderes Baby

Als Bloggerin Jenny mit ihrem kleinen Sohn nach Südafrika reist, lernt sie einen ganz besonderen Menschen kennen: Das zehn Monate alte und HIV-positive Baby J.

Endlich waren wir in Port Elizabeth angekommen. Mit „wir“ meine ich meinen damals 17 Monate alten Sohn „Nunu“ und mich. Im Februar 2017 couchsurften wir nämlich gemeinsam durch Südafrika.

Couchsurfing mit Baby

Mit Nunu in der Tragehilfe hob ich zuerst unseren kleinen Reisebuggy und danach einen Rucksack vom Gepäcksband. Kate (Name geändert), unsere Gastgeberin, würde uns direkt vom Flughafen abholen. Als wir das kleine Flughafengebäude verließen, sahen wir schon von der Ferne eine ältere, blonde Frau aus einem türkisen, größeren Auto winken. Da war sie schon.

Kate war Ende 40 und hatte fünf Kinder. Drei Mädchen, die schon studierten, und zwei Adoptivsöhne, fünf und drei Jahre alt. Beruflich engagierte sie sich in Townships, den Armenvierteln, um dort Müttern und deren Kinder zu unterstützen. Vor allem mit verwahrlosten Kindern hatte sie viel zu tun.

Sie begrüßte uns herzlich und half mir mit dem Gepäck. Als ich Nunu in den Kindersitz gab, erzählte sie mir, dass gerade ein weiteres Baby bei ihr wohnen würde.

Daheim angekommen wurden wir von den Kindern herzlich empfangen. Zwei der drei älteren Mädchen lebten noch im Haus und hatten inzwischen auf die jüngeren Kinder aufgepasst. Während Nunu mit den anderen Kindern spielte, stellte mir Kate eines ihrer Pflegekinder vor: „Das ist Baby J.“, sagte sie und hielt ein kleines, süßes Mädchen auf ihrem Arm, „sie ist 10 Monate alt und hat AIDS.“ Gerade, als ich dem Baby über den Kopf streicheln wollte, zog ich meine Hand reflexartig weg und machte einen Schritt zurück.

Zehn Monate alt und HIV-positiv

Dann erzählte mir Kate J's Geschichte: „ Ihre Mutter lebt in den Townships und war HIV-positiv. Obwohl man Kondome gratis bekommt, wollen viele trotzdem keine benutzen. Der Virus wurde auf das Baby übertragen. J. ist nicht ihr erstes Kind. Sie hat schon zwei weitere Kinder, die ihr aber weggenommen wurden. Bei Baby J. war die Krankheit recht bald ausgebrochen. Seither bekommt sie täglich drei Spritzen in den Mund. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so ein fröhliches und starkes Kind gesehen. Wenn sie die Spritzen bekommt, weint sie natürlich, aber gleich danach schenkt sie mir immer ein Lächeln. Ich werde J. noch ein Monat umsorgen, da es ihr gesundheitlich sehr schlecht ging. Dann schauen wir weiter und hoffen, dass wir bald Adoptivelternfinden.“

Ich schluckte.

„Aja, und denke daran, HIV ist auch durch Blutkontakt übertragbar. Dafür müssten J. und du eine offene Wunde haben. Baby J. zu tragen und mit ihr zu spielen ist nicht gefährlich. Ich würde nie meine eigenen Kinder in Gefahr bringen, “ ergänzte sie.

Ich war immer noch schockiert, aber auch irgendwie erleichtert. Für mich war dies das erste Mal in meinem Leben, dass ich bewusst neben einem Menschen stand, der HIV-positiv war. Und dieser Mensch war erst zehn Monate alt, klein und unschuldig. Vorsichtig reichte ich J. die Hand und sie lächelte mich an. Obwohl ich all die Infos über mögliche Ansteckungswege bei HIV noch aus dem Schulunterricht im Kopf hatte, berührte ich Baby J. anfangs kaum, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Situation und sie wuchs mir ans Herz. Ich empfand viel Mitgefühl und war gleichzeitig wütend, wütend darüber, dass ihre Mutter nicht schon während der Schwangerschaft gehandelt hatte, da es Medikamente gibt, die eine Übertragung verhindern können. Gleichzeitig bewunderte ich dieses Kind, das so fröhlich und zufrieden war.

Weg mit den eigenen Vorurteilen!

Da Nunu ein kommunikatives und offenes Kind ist, wollte er gleich mit Baby J. spielen. Anfangs hatte ich ein mulmiges Gefühl, wenn die beiden miteinander spielten, vor allem sich berührten. Das wurde aber mit der Zeit besser und ich gewöhnte mich an die Situation. Das schöne an Kindern ist, dass sie frei von jeglichen Vorurteilen sind, vor allem in diesem Alter.

Die nächsten drei Tage unternahmen wir sehr viel gemeinsam und Kate erzählte mir einiges über die Arbeit, die sie in den „Townships“ verrichtete. Am vorletzten Tag fuhren wir gemeinsam mit Kate und Baby J. in eines dieser Viertel. Dort besuchten wir eine Kindertagesstätte und zwei Familien, die Kate betreute. Die Menschen, die dort lebten, waren sehr lieb und gastfreundlich. Wir brachten ihnen Windeln und Grundnahrungsmittel vorbei, die Kate besorgt hatte.

Am letzten Tag brachte uns Kate mit den Kindern zum Flughafen, wir umarmten uns zum Abschied und ich drückte Baby J. einen dicken Kuss auf die Stirn. Man kann nur hoffen, dass sie sehr bald von einer lieben Pflegefamilie aufgenommen wird und noch ein langes Leben vor ihr liegt.

Eine der häufigsten Aussagen, mit welchen man sich als reiseliebendes Elternteil herumschlagen muss: „Na geh, dein Baby bekommt vom Reisen ja eh noch nix mit ...“
Jenny Schweinzer

Jenny Schweinzer ist 28 Jahre alt und Mutter eines zweijährigen Sohnes. Mit ihm und ihrem Partner lebt Jenny in Wien und bloggt auf www.nunu-reist.at über die Reisen der drei: Couchsurfing in Südafrika, mit dem Rad durch die Schweiz oder low budget in Island.

Eindrücke gibt es außerdem auf www.instagram.com/travel_baby_

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