Corona: Was du tun kannst, wenn dich Angst und Sorgen gerade lähmen

Die Corona-Infektionszahlen steigen aktuell wieder deutlich an. Das bereitet vielen Menschen Angst. Wir haben Psychologin Doris Wolf gefragt, wie man die eigene Verunsicherung in den Griff bekommt und seinen Alltag auch in ungewissen Zeiten meistert.

Junge Frau liegt auf Bett

Wir haben mittlerweile mehr als ein halbes Jahr Pandemie hinter uns – ein Ende ist bis dato nicht in Sicht. Die Zahl der Infizierten ist so hoch wie zuletzt im März, gerade in den bevorstehenden kalten Monaten dürfte sich die Lage kaum bessern.

All das bereitet vielen Menschen Sorgen. Was können wir tun, wenn die Angst zum ständigen Begleiter wird? Wie können wir unseren Aufgaben nachgehen, wenn dauernd die Furcht vor der eigenen Ansteckung oder der Infektion von Angehörigen im Hinterkopf lauert? Von Sorgen über Jobverlust, finanzielle Probleme oder die Vereinbarkeit von Arbeit und Kinderbetreuung ganz zu schweigen.

Wir haben bei Mag.a Doris Wolf nachgefragt. Sie ist Klinische Psychologin & Gesundheitspsycholgin in Graz und beschäftigt sich seit Beginn der Corona-Pandemie mit ebendiesen Herausforderungen.

WIENERIN: Die Corona-Infektionen steigen aktuell wieder deutlich an. Einige reden bereits von der "zweiten Welle". Was tun, wenn die Angst, selbst zu erkranken oder jemanden, im engen Umfeld an Corona zu verlieren, überhandnimmt und die Sorgen einen auffressen?

Mag.a Doris Wolf: Angst kann sich, ähnlich einem Virus, vermehren und ausbreiten. Auch hier gilt die Devise: Abstand halten! Abstand zu angstfördernden Meldungen in sozialen Medien sowie zu Menschen, die Panikmache betreiben. Es kann helfen, den Medienkonsum auf einige wenige zuverlässige Medien einzuschränken.

Ich empfehle, sich auf das eigene Gesundheitswissen zu besinnen und Immunsystem-stärkende Maßnahmen zu ergreifen, wie eine gesunde, vitaminreiche Ernährung, Bewegung an der frischen Luft und die Pflege wohltuender Kontakte zu lieben Mitmenschen. Das kann persönlich mit genügend Abstand im Freien sein, beispielsweise bei einem gemeinsamen Spaziergang, das kann aber auch virtuell oder telefonisch sein. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen den Kontakt zu unseren Lieben. Ein nettes Gespräch kann uns von der Angst ablenken. Wenn wir uns bei Gesprächen tief in die Augen schauen oder angenehmen Körperkontakt haben, sorgt das Bindungshormon Oxytocin dafür, dass die Angst schwindet. Das gilt auch fürs Streicheln eines Haustieres, wie Hunden, Katzen oder Meerschweinchen. Es beruhigt uns. Bei ständigen Sorgen und Gedankenkreisen kann Ablenkung, Beschäftigung mit Tätigkeiten, die Konzentration benötigen, gute Dienste leisten.

Wer sich ständig Sorgen macht, kann nur schwer seinen Aufgaben nachgehen. Gibt es spezielle Tipps, um die Konzentration zu fördern?

Wichtig ist es, die Sorgenspirale zu durchbrechen, einen sogenannten "Grübel-Stopp" zu setzen. Immer wieder aktiv versuchen, sich auf die momentane Tätigkeit zu konzentrieren. Vergleichbar mit einer Fernbedienung, die automatisch ins selbe Programm - in die Sorgenspirale - zurückschaltet, können wir immer wieder aktiv in das gewünschte Programm weiterschalten. Je lustbetonter die Tätigkeit ist, umso leichter fällt es, sich durch diese abzulenken. Meditation und Achtsamkeitsübungen können konzentrationsfördernd wirken. Durch wiederholtes Üben kann jede*r lernen, die Aufmerksamkeit auf nur eine einzige Sache zu lenken und so den "Aufmerksamkeitsmuskel" zu stärken.

Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der es schnell einmal heißt, "reiß' dich zusammen" – was macht das mit uns, wenn wir ständig "durchbeißen" und unsere Bedürfnisse hintanstellen?

Wenn man einmal bei einer Sache für kurze Zeit "durchbeißt" ist das okay. Versucht man ständig, "durchzubeißen" oder "sich zusammenzureißen", kann das gesundheitsschädliche Folgen nach sich ziehen. Beim "Durchbeißen" schütten wir Stresshormone aus, spannen unsere Muskeln an und vernachlässigen unsere Bedürfnisse. Da wir Menschen und keine Maschinen sind, haben wir verschiedenste Bedürfnisse – beispielsweise Grundbedürfnisse wie Erholung, Schlaf, Essen, Trinken und menschlichen Kontakt sowie Zuwendung. Stellen wir unsere Bedürfnisse über längere Zeit hintan, kann es zur Entwicklung depressiver Symptome, in weiterer Folge zu einer behandlungsbedürftigen Depression bis hin zum Burnout kommen.

Momentan sieht es nicht so aus, als würde sich die Situation bald verbessern (etwa durch einen Impfstoff). Wie kann man trotz fehlender Aussicht auf ein "Ende der Pandemie" wieder etwas Zuversicht gewinnen?

Als ersten wichtigen Schritt sehe ich die Akzeptanz der Situation, so, wie sie jetzt ist. Darauf zu vertrauen, dass viele kluge Köpfe weltweit daran arbeiten, einen Impfstoff zu entwickeln und wir mit jedem Tag mehr Erfahrungen zur erfolgreichen Behandlung von Covid-19 sammeln. Als zweiten Schritt empfehle ich, zu überlegen: Welche Mittel stehen mir persönlich zur Verfügung, mich und meine Lieben zu schützen? Was kann ich selbst tun? Ein dritter Schritt könnte sein, seine eigenen Werte zu überdenken. Hat sich hier einiges verschoben? Fühlen sich bisher wichtige Dinge plötzlich überholt an? Bekommen plötzlich andere Dinge im Leben mehr Bedeutung?

Viele Menschen berichten über eine wohltuende "Verlangsamung" ihres Lebenstempos. Sie kochen wieder mehr selbst, backen Brot, verbringen mehr Zeit bewusst mit Sport und gemeinsamen Aktivitäten mit ihrer Familie, mit für sie wichtigen Personen. Ich könnte überlegen: Was werde ich alles tun, wenn die Pandemie vorbei ist? Positive Zukunftsbilder entwickeln. Vielleicht habe ich Lust, ein neues Hobby auszuprobieren? Eine neue Sportart? Dazu könnte man schon einmal ein Buch, Berichte im Internet lesen, YouTube-Videos ansehen, einen Online-Kurs ausprobieren …

Haben Sie einen Rat für Eltern, die sich große Sorgen machen – ihre Kinder aber nicht mit ihren Ängsten belasten wollen (ihnen gleichzeitig aber auch nichts vorspielen möchten)?

In diesem Fall ist Schweigen nicht Gold. Schweigen eröffnet einen freien Raum, der für Fehlinterpretationen sorgen kann. Daher unbedingt mit Kindern reden! Allerdings in einer altersgemäßen Sprache. Wichtig ist dabei auch, den Informationsgehalt je nach Reifegrad des Kindes zu dosieren und auf Fragen einzugehen (Anm.: Wie man mit Kindern über das Corona-Virus spricht, lest ihr hier). Angstmachende Drohungen als Erziehungsmittel einzusetzen, ist keine gute Idee.

Eltern sollten die stabile Basis und Anlaufstelle ihres Kindes sein. Daher rate ich Eltern, zu versuchen, Sicherheit und Zuversicht auszustrahlen, etwa, wenn das Kind fragt, ob man selbst Angst hat. Hier kann es helfen, zu verallgemeinern: Angst ist ein wichtiges Gefühl, das uns in neuen Situationen beschützen kann, weil Angst uns vorsichtiger werden lässt und das Tempo, mit dem wir durchs Leben gehen, verlangsamt. So können wir einer neuen Situation mehr Aufmerksamkeit schenken, bei einer möglichen Gefahr schneller reagieren und diese besser abwenden. Sie kann aber auch zu einem schädlichen Gefühl werden, sich zu einem Angstmonster entwickeln, wenn sie überhandnimmt, unser Denken, unseren Alltag regiert und uns von angenehmen, schönen Dingen abhält.

Mein Tipp: Dem Kind vorschlagen, gemeinsam etwas Angenehmes zu tun, beispielsweise eine schöne Geschichte vorlesen, gemeinsam zu basteln oder zu spielen, um das Angstmonster zu vertreiben oder es durch Kuscheln schrumpfen zu lassen.

Wie kann man jemand anderem helfen, der sich gerade große Sorgen macht?

Wir können anderen helfen, indem wir sie dazu ermutigen, über ihre Sorgen zu sprechen, ihnen unser Ohr leihen und empathisch Verständnis für ihre Sorgen zeigen. Dabei sollten wir jedoch gut auf die eigenen Grenzen achten. Werden diese überschritten, ist es ratsam, im Sinne der eigenen Selbstfürsorge, freundlich darauf hinzuweisen und mögliche professionelle Hilfsangebote aufzuzeigen.

An wen kann ich mich in akuten Situationen wenden? Wann sollte man über eine Therapie nachdenken?

Der Berufsverband der Österreichischen PsychologInnen (BÖP) hat beispielsweise eine kostenlose Hotline und bietet sämtliches Infomaterial rund um den Umgang mit verschiedensten Situationen an, wie Bewältigungstipps für momentan herausfordernde Zeiten sowie Links zu wichtigen Telefonnummern, Kontaktinformationen und Institutionen.

An eine Psychologische Therapie sollte man denken, wenn man selbst keinen Ausweg aus seiner Sorgenspirale findet, Gespräche mit wichtigen Bezugspersonen, wie Eltern, Freund*innen, Partner*innen nicht mehr ausreichend sind und die Ängste, das Grübeln, den Alltag stark beeinträchtigen oder sogar dominieren.

 

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