Corona-Quarantäne: Müssen wir jetzt unbedingt produktiv sein?

Der eine lernt jetzt endlich Schwedisch, die andere Programmieren und der Dritte hat schon drei Mal die Wohnung geputzt. Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich eigentlich nur rumliegen und nix tun will?

Frau liegt gelangweilt am Sofa

Damit sich das Coronavirus nicht zu schnell ausbreitet, bleiben wir momentan zuhaus' – und haben dadurch unfreiwillig viel Zeit (zumindest manche von uns – andere sind gerade damit beschäftigt, die Welt zu retten. Danke dafür!). Diese viele Zeit beflügelt aktuell etliche Menschen dazu, stolz mitzuteilen, was sie jetzt nicht alles Sinnvolles anstellen: Endlich wird das Fahrrad repariert, der Kleiderschrank ausgemistet, das Regal montiert oder die Heimorgel bespielt.

Das ist ja alles schön und gut, aber: Was, wenn ich gar nicht produktiv sein will? Oder womöglich einfach die Energie dazu fehlt? Was, wenn ich einfach nur auf meiner Couch liegen, auf mein Handy glotzen und mich nur noch bewegen will, um mein Geschäft zu verrichten oder Snack-Nachschub zu holen? Muss ich dann ein schlechtes Gewissen haben? Bin ich gar ein schlechter Mensch?

Thanks a lot, capitalism!

Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, die uns ständig eintrichtert, alles war wir tun, müsse einen Sinn haben und uns oder die Welt (oder am besten beides zugleich) in irgendeiner Weise verbessern. Self-Improvement und Produktivität werden auch 2020 großgeschrieben. Influencer*innen und Twitter-Prediger*innen sind da kaum eine Hilfe. Tipps à la "Wie du auch daheim das Beste aus jedem Tag rausholst“ hier und Posts wie "Schau mal, wie viele Pflanzen ich schon umgetopft hab“ da, teilen uns unterschwellig mit: "Hey, was ist eigentlich mit dir? Wär’s nicht an der Zeit, deinen Arsch hochzukriegen und dich auf den (in fehlgeleiteter Jahresend-Euphorie zugelegten) Hometrainer zu schwingen? Und die Fenster putzen sich auch nicht von selbst!“.

Klar, manchen hilft es, sich in dieser ungewohnten Situation zu beschäftigen und einen Task nach dem anderen von ihrer To Do-List zu streichen. Anderen aber eben nicht. Und das ist auch okay. Oder?

Ihre Sorgen möchten wir haben

Natürlich dürfen wir bei all dem nicht vergessen: Jetzt fröhlich unseren Hobbys und überfälligen Erledigungen nachgehen zu können, ist ein Privileg. Viele Menschen sind nicht in der glücklichen Lage, sich zu fragen "Hm, lern ich heute einen Kartentrick oder sortiere ich lieber meine Sockenlade?“. Wer von Existenzängsten geplagt, von der Versorgung der kranken Schwiegermutter in Anspruch genommen und/oder von einer schulbefreit-energiegeladenen Kinderschar herausgefordert ist, wird sich diese Fragen wohl nicht stellen. Auch wer in ungewohnter Zwei- oder Mehrsamkeit beginnt, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen oder in der unfreiwilligen Isolation das Herannahen depressiver Gedanken verspürt, ist wohl mit ernsteren Fragen beschäftigt.

Fazit: Wer weder durch äußere noch innere Zwänge in seiner Entscheidungsfreiheit beeinträchtigt ist, sollte sich wohl auch nicht selbst das Leben schwer machen. Ich finde: Wer energiegeladen ein Projekt nach dem anderen durchziehen will, soll das ruhig tun (aber nicht das Gleiche von allen anderen erwarten); wer aber spürt, dass eine Phase der Untätigkeit und Freiheit von jeglichen Ansprüchen genau das ist, was Körper und Psyche schon lange vergebens eingefordert haben, der*die soll ruhig durchatmen und sich das endlich gönnen. Und zwar ohne schlechtes Gewissen.

 

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