Corona-Pandemie könnte Frauen im Berufsleben um 10 Jahre zurückwerfen

Wie verschiedene Studien zeigen, dürfte die Corona-Pandemie große Fortschritte in der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Arbeitsleben zunichtemachen. Ein besonderes Problem stellt die Vereinbarkeit von Job und Kindern dar.

Frau vor Computer

Dass Frauen die negativen Folgen der Coronakrise am meisten zu spüren bekommen, ist mittlerweile weithin bekannt. Wie weitreichend die Auswirkungen speziell für Frauen im Berufsleben noch sein könnten, zeigt nun ein Artikel der New York Times: Journalistin Amanda Taub vergleicht unterschiedliche Studien der vergangenen Jahre und stellt die Auswirkungen der Pandemie auf Frauen in der Arbeitswelt in verschiedenen Ländern dar. Das Ergebnis: Viele der Fortschritte, die in den letzten Jahren im Bezug auf Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen im Arbeitsleben erreicht wurden, könnten bald wieder passé sein (oder sind es schon).

Nach wie vor übernehmen hauptsächlich Frauen die Betreuungspflichten

Die Genderforschung zeigt, dass Ungerechtigkeiten im Berufsleben so gut wie immer mit Mutterschaft zusammenhängen. So sind die Unterschiede in Bezug auf berufliche Positionen, Aufstiegschancen oder Bezahlung zwischen kinderlosen Frauen und Männern wesentlich geringer als jene zwischen Frauen, die Kinder haben und ihren männlichen Kollegen. Nach wie vor sind es vor allem die Mütter, die die Kinderbetreuung übernehmen, was er deutlich schwerer macht, einem Job nachzugehen, vor allem, wenn kaum Flexibilität gegeben ist.

Corona-Arbeitslosigkeit trifft vor allem Mütter

Dadurch, dass in den letzten Jahren in vielen Ländern immer bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten geschaffen wurden, konnten die krassen Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen zumindest teilweise ausgeglichen werden. Durch Corona und das plötzliche Wegfallen dieser Betreuungsmöglichkeiten waren etliche Frauen gezwungen, auf die Schnelle Wege zu finden, ihre Kinder zu betreuen und gleichzeitig weiter ihrem Beruf nachzugehen. Während dies für einige mit Home-Office noch möglich war bzw. ist - wenngleich äußerst belastend (mehr dazu hier) -, hatten andere nicht die Option, von zuhause zu arbeiten.

Dies führte dazu, dass viele Mütter ihre Jobs kündigen oder Stunden reduzieren mussten – wenn sie ihren Job nicht ohnehin schon verloren hatten. Studien zeigen, dass es vor allem Frauen sind, die aufgrund von Corona gekündigt wurden, auch hierzulande (WIENERIN berichtete). Dieser Umstand ist wiederum darauf zurückzuführen, dass Frauen aufgrund ihrer Betreuungspflichten eher in prekären Verhältnissen, in Teilzeit sowie in niederen Positionen arbeiten. Speziell Frauen aus ärmeren Haushalten sowie Frauen mit Migrationshintergrund waren und sind von den Corona-Belastungen stark betroffen.

Schweden als große Ausnahme

Gerade in Israel zeigte sich in den vergangenen Wochen und Monaten, wie schnell Fortschritte wieder zunichte gemacht werden können: Vor Corona bot die israelische Regierung gratis Kindertagesstätten für Kinder ab drei Jahren an, wodurch Unterschiede zwischen den Geschlechtern, etwa beim Gehalt, gemindert werden konnten. Mit Ausbruch der Pandemie mussten alle Betreuungsstätten schließen – und etliche Frauen wurden arbeitslos. International zeigte sich, dass in Paaren mit Kindern, im Zuge der Pandemie tendenziell eher die Mütter ihren Job aufgaben, um die Kinderbetreuung zu übernehmen – da sie meist diejenigen waren, die weniger verdienten.

Eine Ausnahme stellt Schweden dar: Hier blieben Schulen und Kinderbetreuungsplätze zu großen Teilen geöffnet, was es Müttern ermöglichte, ihren Berufen auch während Corona weiter nachzugehen (ob diese Lösung auch vom Gesundheitsaspekt her zu befürworten ist, ist eine andere Frage). Obwohl bislang nur wenige Daten vorliegen, prognostiziert die Regierung, dass schwedische Männer tendenziell anfälliger für Corona-Arbeitslosigkeit sein dürften als Frauen.

"Die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten wird Frauen wohl rund zehn Jahre zurückwerfen" erklärt Zinthiya Ganeshpanchan, Vorsitzende des Zinthiya Trust, einer Hilfsorganisation für bedürftige Frauen in England gegenüber der NYT. "Die einzige Möglichkeit für Frauen gleichberechtigt zu sein, besteht darin, die zusätzliche Belastung durch Betreuungspflichten zu verringern". Solange es keine adäquate Betreuung gäbe, würden Frauen demnach immer benachteiligt werden. Die Pandemie hätte nun statt einem weiteren Schritt nach vorn drastische Rückschritte gebracht.

 

Aktuell