Corona-Krise: "Die Politik hat auf die Alleinerzieherinnen vergessen!"

15 Stunden arbeiten Alleinerzieherinnen in der Corona-Krise täglich. Trotzdem ist jede zweite von ihnen inzwischen armutsgefährdet. Von der Politik käme keine Hilfe, beklagen Frauenorganisationen.

Mutter mit Kindern auf Bank

Die Situation für Ein-Eltern-Familien hat sich durch die Corona-Krise noch deutlich verschlechtert. Das Geld wird knapp, Beruf und Kinderbetreuung sind mit nur einem Elternteil noch schwieriger unter einen Hut zu bekommen. Der AÖF (Verein Autonome Frauenhäuser) und die Organisation FEM.A (Verein Feministische Alleinerzieherinnen) richten gemeinsam mit ihrer Dachorganisation, dem ÖsterreichischenFrauenring einen dringenden Appell an die Bundesregierung, die Lage der Alleinerziehenden ernst zu nehmen und Unterstützung zu bieten.

Alleinerzieherinnen als die großen Verliererinnen der Krise

Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und die Mehrfachbelastung durch geschlossene Schulen prägen aktuell das Leben von Müttern, besonders betroffen sind die Alleinerzieherinnen (die mehr als 90 Prozent der alleinerziehenden Eltern ausmachen). "Alleinerzieherinnen sind die großen Verliererinnen der Krise", erklärt Andrea Czak, Obfrau von FEM.A. "Kein Job, kein Geld, kein bis wenig Unterhalt, keine Unterstützung. Wir werden von der Politik vergessen". Die Corona-Krise hätte gezeigt, dass Alleinerzieherinnen im Durchschnitt mit 15 Stunden Arbeit pro Tag die derzeit am stärksten Belasteten sind. "Die Alleinerzieherinnen arbeiten mit 9,1 Stunden Haus- und Kinderbetreuungsarbeit und zusätzlich 5,8 Stunden Erwerbsarbeit am meisten von allen", so Czak.

Der Kindesunterhalt würde zudem massiv gekürzt oder bliebe aus. Kindesväter, die die Arbeit verloren haben, würden nur mehr die Hälfte des Unterhalts zahlen, obwohl sie vielleicht Vermögen haben. Auf das Vermögen des Geldunterhaltspflichtigen dürfe laut Gesetz jedoch nicht zugegriffen werden. Die Regierung biete für diese Probleme und Sorgen allerdings keine Lösungen.

Der Verein FEM.A fordert daher unter anderem eine Kinderkostenstudie für einen zeitgemäßen Kindesunterhalt und eine staatliche Unterhaltssicherung, wenn der Vater nicht genügend oder gar keinen Unterhalt zahlen kann. "Wir wollen erreichen, dass Kinder groß zu ziehen endlich als echte Arbeit anerkannt wird!", so FEM.A-Obfrau Czak.

Familienbonus für Alleinerziehende in voller Höhe

Frauenring-Vorsitzende Klaudia Frieben nennt in einer Pressekonferenz am Mittwoch weitere konkrete Forderungen zur Verbesserung der Situation von Alleinerziehenden: So soll das Arbeitslosengeld auf 70 Prozent angehoben werden, für Alleinerzieherinnen solle es den Familienbonus in voller Höhe von 1.500 Euro geben. Der Familienhärtefallfonds soll verlängert, die "Sozialhilfe neu" zurückgenommen werden. Darüber hinaus brauche es dringend Maßnahmen zur Anhebung der Eigenpension von Frauen wie die "massive Anhebung" der Kindererziehungszeiten und die kritische Überprüfung der Lebensdurchrechnung, die Frauen sehr benachteilige. Die Politik habe die Verpflichtung, alle Menschen dabei zu unterstützen, dass sie würdig und selbstbestimmt leben können, so die Frauenring-Vorsitzende. Vor allem in dieser Zeit, "damit die Corona-Krise nicht zur sozialen Pandemie wird".

Kein Doppelresidenz-Modell

In der gemeinsamen PK kritisiert Maria Rösselhumer, Geschäftsführerin des Vereins AÖF das geplante Doppelresidenz-Modell für Familien: "Neben den existenziellen Zukunftsängsten kämpfen viele mit Schikanen seitens des gewalttätigen Partners in Verbindung mit Obsorgeregelungen und Besuchskontakten. Es gibt Väter, die sich nicht an die vereinbarten Besuchskontakte halten, andere drohen, die Kinder nicht mehr zurückzubringen oder den Kindesunterhalt einzustellen oder reduzieren zu wollen." Von den Behörden würden sich viele Frauen im Stich gelassen fühlen. Rösslhumer lehnt daher die geplante Doppelresidenz-Regelung strikt ab, genauso eine automatische gemeinsame Obsorgeregelung. Der Verein AÖF fordert hingegen die Verankerung des Themas Partnergewalt in der Ausbildung der Justiz sowie eine verpflichtende Weiterbildung für Familienrichter*innen, Gutachter*innen, Kinderbeistände sowie Sozialarbeiter*innen beim Amt für Kinder- und Jugendhilfe.

 

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