Corona-Familienleben: Me, one und two half-men in häuslicher Quarantäne - Woche 6

WIENERIN-Autorin Andrea Burchhart schreibt im Wochenrückblick über den Quarantäne-Alltag mit ihren Liebsten - Woche 6: Von Streit-Bestechungsgeldern und 40er-Geburtstagsfeiern, die vielleicht nie stattfinden werden.

Bemalte Steine, auf einem steht "Alles wird sehr bald gut!"

Es gibt Tage, wo es geht und dann wieder solche, wo ich mir denke: Bitte, bitte, lasst mich endlich aufwachen aus diesem Wahnsinn! Von der Entschleunigung, der Konzentration aufs Wesentliche, den Familienzusammenhalt merke ich an solchen Tagen eher weniger. Ganz doof war der Samstag. Fünf Freundinnen und ich hatten für diesen Tag unsere gemeinsame 40er-Feier geplant. Schon Anfang März war klar, dass wir nicht mit 200 Gästen und 200 Flaschen Sekt feiern können. Wir haben abgesagt, noch bevor alle Gäste offiziell eingeladen waren. Für den Tag X hatte ich mir eine virtuelle Party mit ein paar coolen Gästen und Musik vorgestellt, aber irgendwie war dann keine in Feierstimmung und so blieb es bei einem beschaulichen Zoom-Meeting unter uns. Mögliche neue Termine wurden andiskutiert. Ich fürchte, es könnte uns ein ähnliches Schicksal ereilen, wie vielen Hochzeitspaaren, die "im kleinsten Rahmen" heiraten, die groß angekündigte Party dann aber niemals feiern. Für meinen 40. Geburtstag im Juni bin ich vorsichtig optimistisch, zumindest ein kleines Live-Happening zu veranstalten. Wenn nicht, so weiß ich mich wenigstens in guter Gesellschaft: Die Liste derjenigen, die daheim in Quarantäne ihre Geburtstage feiern, wird ja mit jedem Tag länger – darunter auch meine drei süßen Neffen (4, 5 und 7 Jahre), die alle in der Zeit von 18. bis 22. April Geburtstag hatten – ohne echte Feier mit ihren kleinen Freund*innen.

Money, Money, Money: Streitschlichten für Profis

„Luxusprobleme!“, mögen einige einwenden: „Sei froh, dass du nicht krank bist oder jemand an Covid19 gestorben ist, den du geliebt hast. Abgesagte Geburtstagsfeste? Lächerlich!“ Ja, eh. Schlimmer geht immer. Trotzdem: Ich bin eine vehemente Verfechterin gegenüber dem Grundrecht Sudern. Jede*r sollte sudern dürfen, wenn ihm/ihr danach ist. Was ist schlimmer? Quarantäne mit einem Kind? Quarantäne mit zwei Kindern? Mit Kindern im Kindergarten-, Volksschul- oder Mittelschulter? Wer ist ärmer? Die Maturant*innen, die Viertklässler*innen oder die Erstklässer*innen? Wen trifft es schlimmer? Die Selbständigen, die, die auf Kurzarbeit geschickt wurden oder die, die Vollzeit hackeln und nebenbei die Gschrappen beschulen müssen? Wer leidet mehr? Die Alten? Die Jungen? Die Frischverliebten? Die Paare oder Singles? Jede*r hat grad ein Packerl zu tragen! Unsere Kinder sind da freilich keine Ausnahme. Und prinzipiell gestehen mein Mann und ich ihnen das Sudern, das Streiten, das Aufregen auch zu, aber in den letzten Tagen wurde es uns einfach zu viel. Wir haben daher einen Vertrag geschlossen. Die meisten Erziehungsexpert*innen bekommen jetzt ziemlich sicher Schnappatmung und der von mir geschätzte Jesper Juul dreht sich im Grab um. Wir haben es getan – ich sage nur: Bestechung ist alles! 50 Euro liegen im Topf. Wenn sie es schaffen, sich eine Woche lang nicht zu streiten, gibt es die bar auf die Hand. Ob die zwei Streithanseln das packen? Ich halte euch am Laufenden! Für uns Eltern ist es jedenfalls jetzt schon (zwei Tage nach Vertragsabschluss) sehr viel angenehmer.

Kind mit Atemschutzmaske wirft Brief in den Postkasten

Please Mr. Postman: Ein paar Zeilen, ganz viel Liebe

Letzte Woche habe ich noch darüber sinniert, dass die Kinder heutzutage keine Briefe mehr zu schreiben brauchen, um sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. (Und es deshalb auch nicht tun!) Was soll ich sagen? Bei uns ist völlig unerwartet das Briefeschreib-Fieber ausgebrochen! Unser Siebenjähriger hat von seinem Freund T. Post bekommen. Wahnsinn, was ein paar ehrliche Sätze ­– Du bist mein bester Freund. Ich habe geträumt, wir bauen zusammen einen Marshmellomauer. Ich vermisse dich! – auslösen können: Ich, den Tränen nahe und das Kind so aufgeregt, dass es zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig eine ganze A4-Seite mit Sätzen in einem Antwortbrief vollgeschrieben hat. Diese gute Stimmung haben wir gleich genutzt und ihn zum Briefeschreiben an weitere Freund*innen verdonnert. Läuft! Klar, dass wir jetzt mindestens zweimal täglich das Postkastl checken, ob nicht schon ein neuer Brief den Weg zu uns gefunden hat. Sich gegenseitig Briefe zu schreiben, finden zumindest die Eltern, könnte man auch im Post-Corona-Leben beibehalten.

Rolling Stones: Bunte Steine als Hoffnungsträger

bunt bemalte Steine vor einem Zaun

Und sonst? In einer Facebook-Gruppe wurde darüber diskutiert, ob man sich vorstellen könnte, auch nach Corona Homeschooling zu machen. Also, wenn wir jetzt einen auf Aussteiger machen würden, uns mit genug Geld ausgestattet ein Jahr lang auf Reisen begeben, ein Segelboot chartern und um die Welt segeln, dann okay. Aber so? Nein, njet, no! Never ever! Ich wiederhole mich gerne: Arbeiten und gleichzeitig Kinder zu beschulen, ohne dabei Abstriche zu machen, funktioniert nicht. Unnötig und zynisch kommt für mich die Kanzler-Ansage daher, wonach es keine Schande sei, seine Kinder jetzt in die Schulbetreuung zu geben, wenn einem alles zu viel würde. Was soll das? Na gut, wenn du eben soo unfähig bist, dass du das nicht gebacken kriegst, dann entledige dich um Himmelswillen halt deiner Brut. Denkt eigentlich irgendjemand an die Kinder? Die meisten Schüler*innen vermissen ihre Freund*innen und ihre Lehrer*innen sehr. Viele Familien haben schlichtweg nicht die technische Ausstattung, um am Unterricht überhaupt teilnehmen zu können. Und ich nehme es auch den allerallermeisten Pädagog*innen ab, dass sie viel lieber in der Schule unterrichten würden, als Videobotschaften zu verschicken und online Fragen zu beantworten. Eine sehr süße und bestärkende Aktion läuft gerade rund um die Volksschule unseres Jüngsten: Jede*r, der mag, legt bunt bemalte Steine ab.

Es wird nie mehr so wie früher: Maskenparty mit Abstand

Unser Alltag werde sich für alle verändern, heißt es. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals daran gewöhnen kann, im Supermarkt mit Maske einkaufen zu gehen. Abgesehen davon, dass ich nach kurzer Zeit richtig Schädlweh bekomme, ist es einfach ein bedrückender Anblick, der Angst macht. Interessanterweise finden die Kinder das gar nicht. Ihnen taugen ihre Masken und sie setzen freiwillig auf, noch lange bevor wir ein Geschäft betreten. Das Abstandhalten ist auch noch so eine befremdliche Sache. Gestern habe ich mir beim Filmschauen gedacht: Hallo? Was ist mit denen los? Abstand halten! Ich werde noch komplett irre. Meine Freundin und ehemalige Arbeitskollegin K. (wobei in unserem Fall passender: Machoverein-Durchhalt-Buddy) ­hat gemeint, sie war nach dem Lesen meiner letzten Texte niedergeschlagen. Ich habe daher beschlossen, diesmal keinesfalls mit einer Frage, die sowieso keine*r beantworten kann, sondern mit einem blöden Witz, zu enden. Französischlehrerin: Tut mir leid, aber was Besseres als einen Vierer kann ich dir heuer nicht geben. Schüler: Gracias.

WIENERIN-Autorin Andrea Buchhart befindet sich wie viele Menschen in Österreich mit ihrer Familie in der Corona-Quarantäne. Über den neuen "Alltag" zwischen Home Office, Home Schooling, Hausarbeit und Familienleben auf engstem Raum schreibt sich einen wöchentlichen Rückblick auf wienerin.at.

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