Corona-Familienleben: Me, one und two half-men in häuslicher Quarantäne - Woche 5

WIENERIN-Autorin Andrea Burchhart schreibt im Wochenrückblick über den Quarantäne-Alltag mit ihren Liebsten: Eine Familie zwischen Ungläubigkeit („Das darf doch alles nicht wahr sein?“) und Urvertrauen („Alles wird gut!“) - Woche 5.

von einem Kind gemaltes Bild einer Corona-After-Party

Jetzt ist Ostern auch vorbei. Ich hatte am Anfang dieser komischen Corona-Zeit die naive Hoffnung, dass es "nach Ostern" vorbei sein könnte. Selbst die Lehrer*innen schrieben ja davon, dass man sich „nach Ostern“ vermutlich wieder in der Schule sehen würde. Nun, es war mir zwar schon seit Wochen klar, dass ich "nach Ostern" weder einer normalen Erwerbsarbeit nachgehen, noch meinen heißgeliebten und vielfach bedankten Job als Lernbegleiterin ("Mama, du checkst es einfach nicht!") loswerden würde, aber jetzt, wo "nach Ostern" Realität geworden ist und sich die Situation vorerst nur für Hobbysportler*innen massiv verbessert hat, ist meine Stimmung endgültig im Keller.

Von guten Mächten treu und still umgeben: Ostern mal anders

Obwohl Ostern per se jetzt eh okay war. Große Geschenke gab bei uns anlässlich der möglichen Auferstehung Jesus‘ sowieso noch nie, ein traditionelles Essen auch nicht, daher war der Nachwuchs mit den mit Schokolade gefüllten Nesterln und den Spaghetti zufrieden. Am Karfreitag habe ich mir kurz eine Auszeit genommen und den Jugendgottesdienst aus der Lutherischen Stadtkirche auf YouTube verfolgt. "Von guten Mächten treu und still umgeben" – selten war mein Konfirmationslied so passend wie jetzt gerade. Unser Nachbar im Ferien-Doppelhaus war über die Feiertage auch da. Wir haben die Gesellschaft – mit Abstand – genossen. Vor allem die Kinder! Einmal haben wir sogar den Griller angeworfen. Fein war’s. Die A. hat uns dann am Ostermontag mit dem polnischen Brauch „Smigus-dyngus“ vertraut gemacht. Hinter dem Unaussprechlichen verbirgt sich eine Wasserschlacht. Wir sind wie die Irren im Garten herumgelaufen und haben uns mit Wasser bespritzt, bis alle nass bis auf die Unterhose waren. Glücklicherweise hat die Kärntner Sonne gestrahlt, als hätte sie sagen wollen: "Face it, Petzner, von am Haider loss i mi fix nix unterkriagn!" Am letzten "Ferientag" haben wir noch einen Seerundgang gemacht. Der ist zwar ein Witz, weil vom See siehst du genau nix, aber der Teil im Wald hat uns allen gutgetan. Wald, so heißt es ja, ist das beste Antidepressivum.

Started with a kiss: Liebling, die Schule wartet!

Am Mittwoch war es dann mit der Gaudi wieder vorbei. Weil es hier im Häuschen nur Holzwände gibt, müssen sich die Kinder wirklich ruhig verhalten, wenn mein Mann in einer Telefonkonferenz ist – was er so ziemlich den ganzen Arbeitstag über ist. Während unser jüngerer Sohn Arbeitsaufträge ohne großen Widerspruch ausführt (was nicht heißt, dass nicht auch er alle zehn Minuten meine Hilfe, Bewunderung oder Aufmunterung einfordert), braucht es beim Älteren wirklich harte Überzeugungsarbeit, den Schultag überhaupt erst zu beginnen. Ich schwanke ständig zwischen "Mir doch egal, dann mach halt nix. Meine Schulzeit ist vorbei, mir hat auch keiner geholfen" und "Oh Gott, ich bin die schlechteste Mutter der Welt, wenn ich ihm jetzt gerade in dieser zachen Zeit nicht mit aller meiner Kraft und positiven Energie zur Seite stehe". Je nachdem, in welche Richtung das Pendel gerade ausschlägt, kann es halt passieren, dass ich auch kurz lauter werde. Und dann poltert einer runter, frage nicht. Sagen wir mal so: Wir Erwachsenen sind zeitweise am Limit. Glücklicherweise verfügen wir beide noch über Humor und Lebensfreude, die es uns ermöglichen, uns gegenseitig aus den Tiefs zu holen. Mein höchster Respekt gilt allen Alleinerzieherinnen in meinem Umfeld. Ich weiß, es gibt Eltern, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen und Nachbar*innen, aber am Ende des Tages seid ihr es, die alleine gerade diesen wahnsinnigen Alltag mit euren Kindern stemmen müsst. Ich hoffe, ihr alle nehmt diese Profi-Tipps, wie man sich im Home-Office am effektivsten einrichtet ("Starte aktiv! Eine Einheit Yoga, eine kurze Jogging-Runde sind ein guter Start", "Leichtes Make-up / und oder gepflegte Kleidung sollte Mindset-Standard sein", "Nach 25 Minuten fokussiertem Arbeiten 5 Minuten Pause") nicht allzu ernst. Falls es euch ein Trost ist: ich war seit dem 13. März nicht einmal geschminkt. Und: Wie genau geht nochmal fokussiertes Arbeiten?

17 Jahr, blondes Haar: Die Leiden der Jugend

Wem es sonst noch nicht so super geht? Den Jugendlichen! Gestern wurde ich Ohrenzeugin. Mein Sohn hat sich in den Online-Channel seines Matheprofessors verirrt, der zu jenem Zeitpunkt offensichtlich Schüler*innen der Oberstufe vorbehalten war. Jedenfalls glaube ich nicht, dass der Mann groß zum Unterrichten gekommen ist. Wenn eine Schülerin verzweifelt "Herr Professor, ich bin 17. Ich pack grad mein Leben nicht!" in die Runde sagt, kann man wohl kaum mit Funktionen, Ableitungen und Kurvendiskussionen fortfahren. Ich versuche gerade, mich daran zu erinnern, wie ich in dem Alter drauf war. Die Vorstellung, 17-jährig wochenlang nur mit meinen Oldies und der um sieben Jahre jüngeren Schwester, die mir damals (anders als heute) extrem auf die Nerven gegangen ist, abzuhängen: Blanker Horror! Strafverschärfend käme hinzu: Kein Internet, dafür verhältnismäßig teure Festnetz-Telefonie. Man hätte sich wohl Briefe geschrieben, um sich mit vernünftigen Menschen auszutauschen. Zumindest in dieser Hinsicht haben es die Kids heute einfacher. Unsere Kinder lieben es, stundenlang mit ihren Freund*innen und Cousin*innen zu telefonieren, sich dabei gegenseitig Witze zu erzählen oder via Houseparty Scharade zu spielen. Der Corona-Krise ist es zu verdanken, dass sich selbst meine Eltern doch noch ein Smartphone zugelegt haben. Noch hapert es ein bisschen mit der Videotelefonie und dem Verschicken von Bildern, aber ich bin guter Dinge, dass die Zeit von Social Distancing noch ein bisschen andauert und wir somit in Sachen "Oma fit im Internet" große Erfolge feiern werden. Kostenlose Nachhilfe kommt von den Kindern, die mit Engelsgeduld und voller Freude Fachvokabeln wie Swipen erklären. Für meine eigene, 96 Jahre alte, demente Omschi kommen aber auch diese Technologien zu spät. Wir können nur erahnen, wie es ihr geht. Ob sie versteht, warum keines ihrer Kinder oder Enkelkinder mehr im Pflegeheim auf Besuch kommen darf? Und hat es Sinn, ihr eine Corona-After-Party-Zeichnung zu schicken?

WIENERIN-Autorin Andrea Buchhart befindet sich wie viele Menschen in Österreich mit ihrer Familie in der Corona-Quarantäne. Über den neuen "Alltag" zwischen Home Office, Home Schooling, Hausarbeit und Familienleben auf engstem Raum schreibt sich einen wöchentlichen Rückblick auf wienerin.at.

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