Corona-Familienleben: Me, one und two half-men in häuslicher Quarantäne - Woche 4

WIENERIN-Autorin Andrea Burchhart schreibt im Wochenrückblick über den Quarantäne-Alltag mit ihren Liebsten: Eine Familie zwischen Ungläubigkeit („Das darf doch alles nicht wahr sein?“) und Urvertrauen („Alles wird gut!“) - Woche 4.

drei selbstgemachte Mund-Nasen-Schutzmasken

Maskenpflicht also. Während des wöchentlichen Zoom-Chats mit meinen großartigen, lustigen, unterstützenden Nachbarinnen habe ich mich dann doch über das Maskenbasteln hergemacht. Ich habe wirklich drei brauchbare Teile fabriziert (Textilkleber sei Dank!) und nebenbei weniger getrunken und genascht als üblicherweise (und trotzdem den wichtigsten Tratsch erfahren!). Win-win also. Über die derzeit viral gehende Frage "Nach Corona zuerst zu den Anonymen Alkoholikern oder den Weight Watchers?" sollte ich mir dennoch Gedanken machen. Derzeit habe ich aber dafür kaum Zeit, ich bin nämlich von früh bis spät mit Streitschlichten beschäftigt. Das Homeschooling-Programm ist aufgrund der "Osterferien" auf ein Minimum runtergefahren, daher frönen meine Söhne ihrem liebsten Hobby. Das da heißt: Den eigenen Bruder ärgern! Sie schaffen es tatsächlich, sich wegen allem und nichts in die Haare zu kriegen. Wer hat zwei Tropfen Orangensaft mehr im Glas? Welche Pizzahälfte hat mehr Maiskörner? Wessen Zahnbürste wird zuerst mit Zahnpasta bestrichen? Wer darf (muss) Oma (Opa, Tante, Freund, Freundin) anrufen? Wessen Turnschuhe sind gerade mehr versaut? Wer braucht den roten (blauen, gelben, grünen) Farbstift jetzt gerade unbedingt und sofort dringender (sicher nicht)? Und wer stellt sich jetzt (sicher nicht/sofort) unter die Dusche? Es gibt wirklich keine Situation, die man nicht in einen Streit verwandeln könnte. Dabei wird geschrien, geboxt, getreten, geraunzt, geworfen (mit Spielzeug und Büchern), geweint, getobt. Für mich bleibt: genervt und gefrustet.

I want to break free: Bitte nicht ständig neue Regeln!

Klar, wir alle fühlen uns fremdbestimmt und permanent bevormundet. Die Kinder von uns, wir von der Regierung. So vieles, was früher selbstverständlich war, steht plötzlich wieder zur Diskussion. Unser 11-jähriger Sohn hat jedenfalls schon angekündigt, dass er, wenn Corona vorbei ist (was immer das genau heißen mag) und er wieder in den Park gehen darf, sich dort fix für fünf Stunden aufhalten wird. Ohne uns! Wer kann es ihm verdenken? Als Ende letzter Woche von diesem schwammigen Oster-Erlass die Rede war, hat unser Erstklässler vorgerechnet, dass wir jetzt alle Familien, die wir mögen, zu uns einladen könnten. "Nur die S.‘s dürfen nicht zu uns, die sind schon sechs Personen. Aber wir dürfen zu ihnen, weil wir sind eh nur vier." Die Rechnerei hätte er sich sparen können, weil am Montag eh wieder alles anders war. Der Montag war ja noch nie mein Lieblingswochentag, aber seit diesen montäglichen Corona-Pressekonferenzen mit einer Hiobsbotschaft nach der anderen (keine Schule bis Mai, keine Auslandsreisen bis ein Impfstoff gefunden wird?!?) mag ich ihn noch viel weniger. Ziemlich sicher ist das alles richtig und gut, wenn jeder für sich bleibt und zu anderen Abstand hält. Trotzdem verstehe ich nicht, warum Hausverwaltungen gerade jetzt Dachterrassen absperren oder die Bundesgärten geschlossen bleiben. Weniger begehbare Grünflächen bedeutet doch automatisch mehr Menschen auf denen, die nutzbar sind, nicht? Dass Leute beim Spazieren im Wienerwald angemault werden, weil "sie hier nix verloren haben" (Wer dann, bitte?) ist wirklich entbehrlich.

Blick auf Kärntner Badesee mit rotem Absperrband und Schild "Badeplatz gesperrt"

Is scho still uman See: Alle(s) noch tiefenentspannt hier

Wir sind jedenfalls geflüchtet, haben Wien verlassen und sind bei Nacht – Nebel war keiner, – in unser Ferienhaus nach Kärnten gefahren. Glücklicherweise wurden wir vom Bergvolk nicht feindselig empfangen. Die Nachbarin hat verständnisvoll gemeint: „Ma bittschen, dos ist jo kloar, holtet jo kana nix aus in der Stodt.“ Sie sei sowieso immer sehr froh, hier zu leben, aber jetzt im Moment ganz besonders. Eine wichtige und für uns sehr beruhigende Information hatte sie außerdem: Jener Typ, der einst bei einem Gassenfest bis 22:30 Uhr mitgefeiert hat und dann um 22:45 Uhr die Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung gerufen hat, ist vor kurzem weggezogen. (Wohin, ist nicht bekannt, sonst hätte ich an dieser Stelle natürlich eine Warnung ausgegeben!) Nun sitzen wir also da, die Berge vor der Nase, den See im Rücken. Beides dürfen wir nur anschauen: Bergwandern und Bootfahren ist untersagt. Der Wohnbereich ist zwar viel kleiner als in Wien und es gibt nur ein absperrbares Zimmer, aber es gibt hier zumindest nichts, was wir zwingend ausmisten, umräumen oder neugestalten müssten. Das entlastet mich ungemein und mein Mann ist happy, weil er seine Arbeitspausen im Freien mit Rasenmähen und Unkrautzupfen verbringen kann. Wie es nächste Woche ausschaut, wenn wir wieder ins Homeschooling (mit neuem Stoff, Hilfe!) gehen, bleibt offen. Das Meme "Wenn Sie denken 2020 ist gefährlich: In 2050 wird das Land von Kindern geführt, die von weintrinkenden Müttern zu Hause unterrichtet wurden" finde ich trotzdem nur halb lustig. Warum werden eigentlich schon wieder nur die Mamas zur Verantwortung gezogen?

selbst gefärbte Eier

Ode an die (Vor)Freude

Die Kinder sind ein bisserl betrübt, weil sie sich zu Ostern heuer nicht wie gewohnt mit Cousine und Cousin auf Nesterlsuche begeben dürfen. Wir haben aber zumindest ein paar Eier gefärbt und die Chancen stehen gut, dass der Osterhase auch die eine oder andere Nascherei aus Wien mitgenommen hat. Auch die Post erreicht uns hier. So haben wir heute schon ein kleines Osterpackerl von meinen Eltern bekommen und auch gleich aufgemacht. Noch nie hat mich der Satz "Auf ein baldiges Wiedersehen" so berührt wie gerade eben. Wann wird das sein? Und: Werden wir uns, abgesehen von ungeschnittenem, und in meinem Fall zusätzlich ergrautem Haar, verändert haben?

WIENERIN-Autorin Andrea Buchhart befindet sich wie viele Menschen in Österreich mit ihrer Familie in der Corona-Quarantäne. Über den neuen "Alltag" zwischen Home Office, Home Schooling, Hausarbeit und Familienleben auf engstem Raum schreibt sich einen wöchentlichen Rückblick auf wienerin.at.

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