Corona-Familienleben: Me, one und two half-men in häuslicher Quarantäne - Woche 3

WIENERIN-Autorin Andrea Burchhart schreibt im Wochenrückblick über den neuen Quarantäne-Alltag mit ihren Liebsten: Eine Familie zwischen Ungläubigkeit („Das darf doch alles nicht wahr sein?“) und Urvertrauen („Alles wird gut!“) - Woche 3.

Corona Familienleben Alltag Kolumne von Andrea Burchhart

Der Volksmund sagt: Aller guten Dinge sind 3. Ich finde daher, wir könnten jetzt nach dieser dritten Woche die häusliche Quarantäne beenden. Ich für meinen Teil hab nämlich schön langsam die Schnauze voll. Um nicht gänzlich der Depression zu verfallen, führen wir eine Vorfreude-Liste. Wir notieren darauf, worauf wir uns freuen, wenn diese Corona-Miese (O-Ton Kind, 7 Jahre) vorüber ist. An erster Stelle steht da "Freunde und Familie treffen", dann so Dinge wie "Furzen in der freien Natur", "Treppengeländer angreifen" oder "Einfach so lange man will auf der Wiese liegen". In den Augen jener Märtyer*innen, die auf den Terrassen sitzen und ihren Nachbar*innen über die Thujen-Hecken zuprosten, während die Kinder im Garten spielen, haben wir uns am Wochenende vermutlich extrem delinquent verhalten. Wir waren nämlich im Grünen Prater und haben uns auf die Wiese gelegt. Nachdem uns aber alle sieben Minuten uniformierte Beamt*innen (wahlweise im Auto, dem Motorrad oder Fahrrad) über Megaphon darauf hingewiesen haben, dass wir uns quasi in Lebensgefahr befinden, beziehungsweise mit unserem Verhalten lebensgefährdend agieren, ist uns bald die Lust vergangen. Kurz hatten wir die verrückte Idee gemeinsam mit zwei befreundeten Familien ins Weinviertel zu flüchten und dort, selbstverständlich die 1 Meter Abstandsregel einhaltend, vorm Weinkeller von F. und A. zu sitzen und jeder für sich zu jausnen. F.‘s Vater hat dann zur Vernunft gerufen, die Leut‘ draußen, gach ruft wer die Polizei, man könne nie wissen …

All you need is love: Willkommen L.!

Wir sind also "brav" in Wien geblieben und haben Heimkino gemacht – wie eh fast jeden Abend. Wir machen eine riesige Portion Popcorn und schauen gemeinsam mit den Kindern Filme unserer Jugend: Zurück in die Zukunft 1-3 zum Beispiel. Ich glaube den Buben ist ziemlich egal was läuft, Hauptsache wir knotzen zu viert am Sofa und der Fernseher rennt. Abgesehen von den alten Schinken mit den Eltern, schauen die zwei gerne Checker Tobi. Eine zur Abwechslung mal echt lehrreiche Sendung, wo Phänomene des Alltags erklärt werden. Aktuell dreht sich auch hier alles um Corona. Der Präsentator der Sendung hat aufgerufen, Fragen zu stellen. Ein Höhepunkt der Woche war daher, dass "der Checker" auf unsere Anfrage auf Facebook reagiert hat: Mit einem Like und dem Versprechen, der Frage auf Sendung nachzugehen. Viel glücklicher könnte man meine Söhne nur mit einem weiteren Geschwisterchen machen. (Wird aber nicht passieren!) Das Thema kommt immer dann auf, wenn im Freundeskreis Babys geboren werden. Und jetzt, am 1. April, mitten in dieser bescheuerten Corona-Miese (ich finde, besser kann man es wirklich nicht ausdrücken!) war es wieder soweit: Unsere Freundin A. hat ein gesundes Mädchen auf die Welt gebracht. Ich durfte sogar als kleines Puzzleteilchen L.s Geburtsgeschichte mitschreiben. Nach dem Anruf ("Du-u, kannst du kommen? Wehen im 3 Minuten Abstand!") bin ich kurz in Panik verfallen, um danach extrem cool (haha!) durch die verwaiste Stadt zu fahren, um wie geplant unser Auto für den weiteren Transport ins Krankenhaus zur Verfügung zu stellen und während der Geburt die schlafenden Geschwister zu beaufsichtigen. Als in den frühen Morgenstunden die Eltern mit dem Neugeborenen kamen, war Corona und nicht zuletzt auch die existenziellen Sorgen, die die Situation für mich gerade mit sich bringt, für kurze Zeit vergessen. Ich habe nachgefragt, ich darf euch ein Bild zeigen. Gibt es Tröstenderes als so ein kleines Wunder Mensch anzuschauen?

Schlafendes Neugeborenes in rosa Walkoverall und blauer Haube

A Mensch mecht i bleim: Nicht ärgern, nur wundern!

Das rückt auch so einiges zurecht. Ganz wurscht sind mir die Eltern von Mitschüler*innen aus der Volksschulklasse aber trotzdem nicht. Da gab es doch glatt Beschwerden, dass zu wenig Unterrichtsmaterial ausgehändigt worden sei. Bitte, fürs Protokoll: Sogar mein eher langsam und bedächtig arbeitendes Kind mit der Mutter mit Ehrgeiz-Gen-Defekt hat das Arbeitspensum noch vor Ablauf der Frist erfüllt. Aber echt jetzt: Könnten wir die Kinder nicht einfach mal in Ruhe lassen und uns daran erfreuen, was sie schon alles geleistet haben? Brauchen die jetzt wirklich den 50. Arbeitsauftrag? Oder geht es nur darum, der Welt mitzuteilen, wie besonders tüchtig und fleißig euer Nachwuchs ist? Ich halt das grad sehr schwer aus, sorry! Man kann sie auch einfach Regenbogen malen, träumen, schlafen, Hörbucher hören, lesen, kochen, gammeln, sporteln lassen … Apropos sporteln: Den Big-Brother-Award hat eindeutig jener Turnlehrer aus dem Gymnasium Perchtoldsdorf verdient, der seine Schüler, darunter auch einen Freund meines 11-Jährigen, aufgefordert hat, Videomitschnitte ihres Trainings an ihn zu schicken. An dieser Stelle: Herzlichen Dank den Professor*innen der Lessinggasse für die Empathie und Unaufgeregtheit in diesen Zeiten!

Kind malt mit Wasserfarben einen Regenbogen

Und immer wieder geht die Sonne auf: Eine Hochzeit und hoffentlich kein Todesfall

Ich höre gerade viel Radio und streame ganz viel unterschiedliche Musik, höre mir auch viel Neues an. Der 11-Jährige hat grad die Beatles für sich entdeckt und findet es voll cool, dass sein Vater und ich die auch kennen. Den Soundtrack der Stunde liefert aber gerade die Band Buntspecht mit ihrem Song "Unter den Masken". Haben die wohl beim Album-Release im Februar auch nicht gedacht. Mittlerweile trägt ganz Österreich Masken. Mein Mann hat eine recht fesche beim Supermarkt ergattert, die Kinder und ich tragen noch eine Schal-Mützen-Kombi. Leider habe ich keine Nähmaschine daheim und noch hat mir keine*r eine geschenkt. Vielleicht bringt ja der Osterhase ein schickes Teil? Um noch mal kurz auf den – übrigens sehr hörenswerten – Buntspecht-Song zurückzukommen: Bei der Textstelle "Du bist verrückt genug, um dich in dieser Welt zu verlieben" muss ich jetzt immer an unsere Kölner Freunde denken. Jungs, so schön, dass ihr euch verlobt habt und dass wir – auch dank Corona – so regen Chat-Verkehr haben ;-). Ganz fett auf der Vorfreude-Liste steht daher: "Hochzeitsparty von J. & J."

WIENERIN-Autorin Andrea Buchhart befindet sich wie viele Menschen in Österreich mit ihrer Familie in der Corona-Quarantäne. Über den neuen "Alltag" zwischen Home Office, Home Schooling, Hausarbeit und Familienleben auf engstem Raum schreibt sie einen wöchentlichen Rückblick auf wienerin.at.

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