Corona-Familienleben: Me, one und two half-men in häuslicher Quarantäne - Woche 2

WIENERIN-Autorin Andrea Burchhart schreibt im Wochenrückblick über den neuen Quarantäne-Alltag mit ihren Liebsten: Eine Familie zwischen Ungläubigkeit („Das darf doch alles nicht wahr sein?“) und Urvertrauen („Alles wird gut!“) - Woche 2.

Corona Familienleben Alltag Kolumne von Andrea Burchhart

Müder Kaffee, Eh-okay Liptauer, Unmotiviertes Honigbrot und Zorniges Mohnkipferl melden sich zum Dienst. Unsere derzeitigen Corona-Namen (Vorname = aktueller Gemütszustand, Nachname = das, was du zuletzt zu dir genommen hast) sind bezeichnend für die Stimmungslage. Wir haben in Woche 2 einiges gelernt: Zum Beispiel, dass es schlichtweg unmöglich ist, Homeschooling und Homeoffice gleichzeitig und zur Zufriedenheit aller umzusetzen. Da ich selbständig tätig und im Moment jobtechnisch nicht überbeansprucht bin, kann ich mich neben meiner eigentlichen Arbeit der Bildungsvermittlung widmen. Und was soll ich sagen? Ich liebe Lehrer*innen! Ja, ich preise sie und lobe sie. Ich bin auch unheimlich dankbar dafür, dass meine Schwiegermutter per Videotelefonie bei den Mathematikaufgaben behilflich ist und die Taufpatin geduldig die Biologie-Experimente des 11-Jährigen begleitet. Da sind einfach Profis am Werk und das merkt man auch. Die Begeisterung für das Rechnen mit einer Variablen oder die Abläufe der menschlichen Verdauung ist mir schlichtweg nicht gegeben. Trotzdem will ich meine Kinder so gut wie möglich beim Lernen unterstützen, aber ich merke, dass unsere Beziehung längerfristig Schaden nehmen könnte. Die Kanzler-Ansage, dass die Schulen nun „deutlich länger“ geschlossen bleiben, nehme ich daher mit großer Sorge zur Kenntnis.

Miss you like crazy: Bald wird wieder gedrückt

Der Mensch lebt nicht von der Arbeit allein, er benötigt Zerstreuung. Auch wenn mir das immer schon klar war, wundere ich mich jetzt gerade noch mehr über jene Menschen, die das Hackeln so wahnsinnig gerne machen und den Ausgleich so gar nicht brauchen. Mein Kalender war diese Woche eigentlich voll mit schönen Terminen – Zumba-Stunde mit Freundin S., Theaterpremiere meiner Schwester, Gig von Lou Asril im WUK, zwei eigene Konzerte mit dem wu chor wien, Mädelsrunde. Auch die Buben sind für gewöhnlich gut eingeteilt mit Basketball und Klettern, Horn und Science-Club. Mein Mann vermisst das tägliche Radfahren (hin zur Arbeit und retour nach Hause), den wöchentlichen Herrenstammtisch, das Tennisspielen. Das Zusammensein mit den Menschen, die wir mögen, geht uns wirklich ab. Ein Höhepunkt der Woche war daher der Besuch unserer Freund*innen. Es war so wie bei Romeo und Julia. Sie (Romeo) unten im Innenhof, wir (Julia) auf dem Balkon. Ein echtes Beisammensein kann so eine Szene aber nicht ersetzen. Auch der letzte Video-Call mit der Großfamilie ("Ich versteh gar nix", "Ähm, hat jemand die E. eingeladen?", "Ich seh‘ euch gar nicht!", "Hallo? Hallo?", "Könnt ihr uns hören?", "Kann jetzt jemand die E. anrufen?") schreit nicht gerade nach Wiederholung. Wir brauchen echte Begegnungen!

Es lebe der Sport: Turnvater Jahn ist zurück

Um nicht vollends zu versumpern besteht mein Gatte auf die tägliche Dosis Bewegung. Wir würden sonst alle unrund, psychisch, und zu rund, physisch, werden. Da kommt die Nachricht meiner lieben Nachbarin C. gerade recht: "Wie könnten wir beide gemeinsam Nordic Walken? 1. Mit Headset und 50 Meter versetzt? 2. Oder ohne und mit 3 Meter Abstand? Sollte die Polizei kommen, führen wir einfach Selbstgespräche." Es hat dann aber eh geschneit (!) und so habe ich versucht, das Indoor-Programm durchzuziehen. Glücklicherweise hat mich meine Mama mit ihrem Anruf aus dem 30-minütigen Intense Cardio Workout gerettet. Abgesehen vom sportlichen Einsatz laufen bei uns noch einige andere Projekte von deren Notwendigkeit ich nicht hundertprozentig überzeugt bin. Der Frühlingsputz im Kellerabteil zum Beispiel. Dazu muss man wissen: Mein Mann hat es gern ordentlich, ich lebe gemäß dem Motto "Wo ich bin ist Chaos, aber ich kann nicht überall sein". In unserem Wohnzimmer hat es zeitweise so ausgesehen, als wären wir dabei umzuziehen. Der Inhalt sämtlicher Kisten wurde ausgeräumt und neu begutachtet, um dann in neue Kartons geschlichtet zu werden. Die Kinder haben soeben im "Freifach Digitale Grundkompetenz" powered by Eh-okay Liptauer eine Excel-Liste erstellt, damit wir in Zukunft wissen, was in den jeweiligen Kisten überhaupt drin ist und wir je nach Bedarf umorganisieren können ohne dabei die Aufbewahrungsboxen zu beschriften.

umzugskartons in einer wochung, ein kind sitzt in einer der boxen

Abgestellt in der Küche: Die Knödelakademie war auch für 'was gut

Im Internet – und da bin ich im Moment definitiv zu viel drinnen ­– gibt es, abgesehen von Ausmist-Tipps jede Menge gut gemeinter Ratschläge wie man diese besondere Zeit doch sinnvoll nützen könnte. Ich bin eigentlich schon sehr stolz, wenn ich geduscht und angezogen meinen neuen Alltag bewältige, da bleibt keine Zeit für besonders kreative neue Hobbies. Ich muss daher schnellstmöglich mit dem Vergleichen aufhören, sonst wird aus Müder Kaffee noch Suizidgefährdeter Obstler. Mein Lieblingspost zum Thema wie Künstler*innen mit der Corona-Krise umgehen, kommt vom Musikerduo Christoph & Lollo: "Die einen sind ungebremst kreativ, geben Balkonkonzerte, machen Livestreams, schreiben, üben, erstellen zum ersten Mal zeitgerecht ihre Steuererklärungen, pflegen die Instrumente, ordnen die Pinsel, und spüren generell trotz allem eine schöpferische Kraft in sich, die sie ein wenig optimistisch stimmt. Die anderen haben Kinder."

schnitzel und erdäpfelsalat auf einem gedeckten tisch

Die Steigerung: hungrige Kinder. Womit wir beim Kochen wären. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin ständig damit beschäftigt, Essen zuzubereiten: Frühstück, Vormittagsjause, Mittagessen, Nachmittagsjause, Abendessen. Spätestens jetzt kommt mir die Ausbildung an der „Knödelakademie“ zu Gute. Ich kann wirklich innerhalb kürzester Zeit aus den unmöglichsten Zutaten herrliche Gerichte zaubern. Am Sonntag gab es Schnitzel und Erdäpfel- und Vogerlsalat, selbstgemachtes Ketchup und Preiselbeeren. Ich glaub da waren wir danach für längere Zeit Dankbares Schnitzel, Zufriedenes Schnitzel, Glückliches Schnitzel und Fröhliches Schnitzel. Ich glaube, ich mach am Wochenende wieder Schnitzel – oder Kaiserschmarren.

WIENERIN-Autorin Andrea Buchhart befindet sich wie viele Menschen in Österreich mit ihrer Familie in der Corona-Quarantäne. Über den neuen "Alltag" zwischen Home Office, Home Schooling, Hausarbeit und Familienleben auf engstem Raum schreibt sie einen wöchentlichen Rückblick auf wienerin.at.

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