Corona-Familienleben: Me, one und two half-men in häuslicher Quarantäne - Woche 1

WIENERIN-Autorin Andrea Burchhart schreibt im Wochenrückblick über den neuen Quarantäne-Alltag mit ihren Liebsten: Eine Familie zwischen Ungläubigkeit („Das darf doch alles nicht wahr sein?“) und Urvertrauen („Alles wird gut!“) - Woche 1.

Corona Familienleben Alltag Kolumne von Andrea Burchhart

Glaub an Zufall oder nicht. Es ist Freitag, der 13. Mein Mann hat beschlossen unsere Kinder (7 und 11 Jahre) schon heute von der Schule daheim zu lassen. Jeder Kontakt mit anderen Menschen sei ein Risiko und das gilt es nach Möglichkeit zu vermeiden, sagt er müde. Er hat letzte Nacht wenig geschlafen, ist nämlich im Internet gehangen und hat gelesen. Alles, was er zu Corona finden konnte. Viel Blödsinn, aber auch viel Richtiges. Ich für meinen Teil will es im Moment eigentlich gar nicht so genau wissen. Mir reicht es, zu wissen, dass ich ab Mittwoch die Aushilfslehrerin machen darf und finde, das ist früh genug. Es ist mir ein bisschen peinlich, die Kinder frühzeitig aus dem Unterricht zu nehmen, daher muss mein Mann den Part der Abmeldung und die Abholung der letzten Bücher und Hefte erledigen. Von der Volksschullehrerin erntet er dafür ein professionelles Lächeln. Hinter der Fassade vermutet er "Eye Rolling". (Dass sie mit dieser Meinung über sein Verhalten nicht allein ist, verschweige ich zu dem Zeitpunkt lieber.) Unser älterer Sohn findet es fantastisch, der Kleine weint. Er hat Angst, etwas zu verpassen. Eine Freundin kommt später kurz auf Besuch. Ich würde sie am liebsten drücken, aber das macht man jetzt nicht mehr. Surreal.

I will survive: Homeschooling und Homeoffice

Das Wochenende verläuft erstaunlich gut. Auch, weil wir das mit dem Alkoholfasten gleich mal beendet haben. Der Kühlschrank ist gut gefüllt mit spritzigem Zeug und herrlichem Essen. Die Kinder schnappen sich das Kinderkochbuch und kochen gemeinsam Grießkoch und Chips. Der Arbeitstisch wird kurzerhand zum Tischtennistisch umfunktioniert. Zwischendurch schreibe ich noch sämtliche Magazin-Seiten um. Nach derzeitigem Stand werden viele der akribisch recherchierten Termine nicht stattfinden können. Das kulturelle Leben des Landes spielt sich nur mehr virtuell ab. Also, fast zumindest. Um 18 Uhr sind alle Musiker*innen aufgefordert, zu spielen. Obwohl der Große Horn spielen kann und auch die "Ode an die Freude" geübt hat, bockt er rum und hat jetzt natürlich keine Lust, mitzumachen. Ich stehe am Balkon, lausche unserem Nachbarn, der ziemlich professionell Italo-Hadern von sich gibt, und verdrücke ein paar Tränen. Musik kann das. Sie kann aber auch wahnsinnig erheitern. Also drehe ich später in voller Lautstärke den "Vogerltanz" auf und verdonnere alle zum Mittanzen. Es ist so bescheuert, dass wir alle lachen müssen. Tut gut.

home-office-home-schooling-corona-familie

Come on Barbie, let’s go party: Virtuelle Geburtstagsfeier

Obwohl Montag ist, schlafen wir gemütlich bis nach 8 Uhr. Daran könnte ich mich gewöhnen. In sämtlichen WhatsApp-Gruppen werden jetzt Stundenpläne verschickt. So und so könnte, ja, so, müsse man das machen. Morgenkreis, Mathe, Deutsch, Jause, Sport. Puh! Ich bin das so gar nicht. Weil der Große eigentlich heute Englischschularbeit hätte, schauen die Kinder Serien – auf Englisch. Immer wieder versuche ich die beiden mit tollen Arbeitsaufträgen zu motivieren und sie zu Selbstdisziplin und -verantwortung zu mahnen. Ich scheitere kolossal. Die Unterlagen, die wir bekommen haben, reichen zwar bis Weihnachten, konvenieren dem 7-Jährigen aber alle nicht. Die E-Learning-Plattform für den Gymnasiasten bricht zusammen. Währenddessen arbeitet mein Mann zurückgezogen im Schlafzimmer. Ich überlege, mir ein erstes Nussschnapserl zu genehmigen. Von Lehrer*innen aus dem Gymnasium bekommen wir aufmunternde E-Mails. Alles halb so schlimm, die Kinder würden überleben, auch wenn sie jetzt nicht mit vollem Einsatz Biologie oder Englisch, Mathe oder Deutsch büffeln. Sie wünschen uns Zeit zum Runterkommen. Und: Wir mögen bitte alle gesund bleiben. Zwischenzeitlich geht es im Freundinnen-Chat ab. S. glaubt aus "seriöser Quelle" zu wissen, dass es fix bis Sommer keine Schule mehr geben wird. Ich greife zum Relax-Tropfen-Flascherl. R. sieht schon jetzt ihre Ehe ernsthaft gefährdet. J. hat andere Sorgen. Sie wird heute 40. (Also eigentlich natürlich 30.) Um 20 Uhr startet die virtuelle Party auf Zoom. Wir lassen das Geburtstagskind so gut es eben geht hochleben. Trotz der Distanz schaffen wir es, so etwas wie Intimität aufkommen zu lassen. Wir sitzen jede für sich und doch im selben Boot.

Geburtstagsparty per Video Call Corona Quarantäne

Sperrstund‘ is: Kommt jetzt die Ausgangssperre?

Die Telefonate mit Freund*innen und der Familie werden dieser Tage intensiver. Ich höre einen Podcast nach dem anderen, liege am Balkon, sinniere vor mich hin und versuche, klare Gedanken zu bekommen. "Was ist ein krisensicherer Job?", will der Siebenjährige wissen. Er ist sehr verunsichert, kommt jetzt abends oft zu uns ins Bett gekrochen. "Warum darf ich meinen Freund nicht treffen?", hören wir mehrmals täglich. Wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Nutzen digitale Möglichkeiten, die Kinder verabreden sich zu Video-Calls, bereiten "Shows" vor, zaubern für die Tanten und singen für die Großeltern. Einmal gehe ich in dieser Woche einkaufen. Ich lade den Trolley voll. Eine Freundin leitet uns die Einkaufsliste einer Bekannten weiter: 1 geräucherter Stör, 1 Lachs (verpackt), Blinis, 2 gr. Lachskaviar, 1 Thunfischsteak, 1 Huhn. Ja, da müssen und können wir noch herzhaft lachen, danke dafür! Ob der Kaviar wie die Eier, die ich auf meiner Einkaufsliste gehabt hätte, ausverkauft waren, weiß ich nicht. Am Donnerstagvormittag gehen wir auf die Donauinsel. Es ist das erste Mal seit Freitag, dass wir gemeinsam an die Luft gehen. Nach ein paar Hundert Metern kommen uns drei Polizisten entgegen. Sie bitten uns freundlich, aber sehr bestimmt, den Aufenthalt im Freien so kurz wie möglich zu halten. Puh, wenn das mal kein Vorbote zur Ausgangssperre war … to be continued.

WIENERIN-Autorin Andrea Buchhart befindet sich wie viele Menschen in Österreich mit ihrer Familie in der Corona-Quarantäne. Über den neuen "Alltag" zwischen Home Office, Home Schooling, Hausarbeit und Familienleben auf engstem Raum schreibt sich einen wöchentlichen Rückblick auf wienerin.at.

Hier geht es zu weiteren Artikel von Andrea Burchhart.

 

Aktuell