Corona: "Es ist das Schlimmste, das man sich als Ärztin vorstellen kann."

Katharina* ist Ärztin und bereitet sich dieser Tage mental darauf vor, vielleicht bald entscheiden zu müssen, bei welchen Patient*innen noch lebensnotwendige Maßnahmen gesetzt werden und bei welchen nicht.

Ärztin

Katharina ist selbst gerade in Quarantäne, als sie via WhatsApp-Gruppe von Kolleg*innen aus dem Krankenhaus über die weitere Vorgehensweise informiert wird. Sinngemäß steht da: Das Krankenhaus ist abgeriegelt, Zugang nur noch für Notfallpatient*innen und Personal. Stellt dich darauf ein, dass du in Zukunft – wie wir alle – vielleicht triagieren wirst müssen. Das heißt: Priorisieren und entscheiden, wer im Krankenhaus eine Behandlung bekommt und wer nicht.

Die Situation ist für alle neu, auch von älteren Kolleg*innen könne sich niemand an ähnliche Zustände erinnern. Noch ist Katharina selbst in Quarantäne, weil sie zuvor in einem Risikogebiet unterwegs war. Hat sie in den nächsten Tagen keine Symptome, muss sie in den Dienst. Sie wird gebraucht, der Arbeitsaufwand wird in den nächsten Monaten enorm sein, die Personalknappheit so groß wie nie zuvor – vor allem, wenn es unter den Ärzt*innen selbst erste Fälle gibt.

An die Belastungsgrenze – und darüber hinaus

"Wir werden fachbereichsübergreifend agieren müssen", erklärt Katharina, die im Normalfall in der Chirurgie tätig ist. "Und wenn’s wirklich hart auf hart kommt, müssen alle Ärztinnen und Ärzte – egal aus welchem Bereich – die kritischen Patientinnen und Patienten mitbetreuen." Das sind jene, bei denen "es um Leben und Tod geht oder in Kürze gehen kann".

Der Umgang mit dem Tod ist für Katharina mental zwar immer wieder fordernd, aber grundsätzlich in ihrem Beruf nichts Neues. Trotzdem: Diese Situation ist anders. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Wie soll es einem bei dem Gedanken an das, was kommt, auch gehen? "Schlecht", sagt sie. "Einfach schlecht. Man will den Menschen die bestmögliche Versorgung bieten und ich weiß, dass ich an meine Grenzen stoßen werde. Ich weiß nicht, wie gut ich Patientinnen und Patienten versorgen kann, wenn ich nicht in meinem Fachbereich arbeite. Klar kann ich es besser als Personen ohne medizinische Ausbildung, aber man macht sich natürlich Gedanken."

Ich werde mich fragen: Hätte man mehr tun können?

von Katharina

Außerdem muss sie aktuell davon ausgehen, dass in den nächsten Wochen und Monaten mehr Menschen versterben werden als sie es von der Chirurgie-Abteilung kennt. "Normalerweise weiß ich, dass ich meinen Fachbereich mit meiner Kompetenz gut abdecken kann. So werde ich mich fragen: Hätte man mehr tun können?"

Wenn es an Ressourcen scheitert

Mehr tun könne man aber auch nur, wenn entsprechende Ressourcen vorhanden sind. Noch möchte Katharina keine Panik schüren und von Zuständen wie in Italien sprechen, aber im Team sprechen sie natürlich auch über Fragen wie: Was, wenn die Ressourcen so wie in Italien knapp werden – die Kapazitäten des Systems gesprengt werden? "Es ist das Schlimmste, das man sich als Ärztin vorstellen kann: Wenn man weiß, dass jemand noch eine Chance gehabt hätte, und es nur an Ressourcen wie Intensivbetten oder Beatmungsplätzen gescheitert ist. Das ist der schirchste Gedanke für mich als Ärztin."

Noch bleibt für Katharina die Hoffnung, dass es nicht solche Ausmaße annimmt - und der Zusammenhalt im Team. Nur: "Wir im Team können so viel zusammenhalten wie wir wollen, wenn sich die Leute draußen nicht an die Maßnahmen halten. Wir werden das nur abfedern und die Kurve flach halten können, wenn jetzt alle die entsprechenden Maßnahmen befolgen." Sie selbst tue es aktuell in Quarantäne auch noch – und nutze die Zeit vor allem "zum Vorausschlafen".

*Name von der Redaktion geändert

Zusätzlich zur mentalen Herausforderung ist die Situation für Pflegepersonal und Ärzt*innen aktuell auch aufgrund mangelnder Ressourcen besonders fordernd. Seit acht Tagen versuche die Ärztekammer Schutzausrüstung für Gesundheitsberufe zu bekommen, aber: "Es klappt schlicht nicht. Wir haben jetzt zu wenig Masken etc. und wenn die Krankheit ihren Peak hat, reicht es gar nicht mehr aus", schreibt Univ. Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Wiener und Österreichischen Ärztekammer, am Wochenende auf Facebook.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) kündigte daraufhin in der Sendung Im Zentrum an, dass man in den nächsten zwei bis drei Wochen bei den Tests "massiv zulegen" würde. Bisher wurden in Österreich über 21.300 Coronavirus-Testungen durchgeführt. Mehr als 3.500 Menschen wurden positiv getestet. Immer wieder wurde Kritik laut, dass in Österreich zu wenig Tests durchgeführt würden.

Anschober setzt zudem auf ein eigenes Schutzkonzept für Krankenhäuser mit regelmäßige Testungen sowie Zugangsbarrieren.

 

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