Corinna Milborns Migrations-Bilanz

1 Jahr Flüchtlings-Krise? 1 Jahre ziviles Engagement? 1 Jahr Wirklichkeit? Vor einem Jahr hat sich Österreich und sein Blick auf die Welt verändert. Puls4-Infochefin Corinna Milborn zieht Bilanz.

30 Jahre Wienerin – 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Interview: Puls4-Infochefin Corinna Milborn.

Corinna Milborn nennt man normalerweise Powerfrau. Preisgekrönte Journalistin, Autorin, bei Puls4 erfolgreich als Infochefin, also eine Karrierefrau. Sie ist bekennende Feministin, hat zwei Kinder - und auch noch einen guten Schmäh. Ich treffe sie an einem warmen Spätsommertag in Wien - in der Nähe des Senders, Fotograf ist keiner dabei, sie kommt in einem schwarzen Kleid auf mich zu und ist ungeschminkt. Auch in dem was sie sagt: Über Menschenrechte, liberale Musliminnen und Probleme in der Integration. Vor einem Jahr, im Herbst 2015, spürte Österreich erstmals, dass globale Konflikte mehr sein können als Fernsehbilder. Erstmals seit dem Balkankonflikt sah man täglich, dass geflüchtete Menschen auch wirklich existieren. Diese Unmittelbarkeit setzte eine enorme gesellschaftliche Kraft frei. Was ist von dieser Kraft geblieben? - Das frage ich Corinna, die sich selbst bis heute engagiert.

Am 5. September 2015 ließ der damalige Bundeskanzler Werner Faymann die Grenze zu Ungarn öffnen, Tausende kamen, Hunderttausende reisten durch. Die Zivilgesellschaft hat damals Großartiges geleistet, was ist Ihre persönliche Bilanz nach einem Jahr?

Corinna Milborn: Insgesamt eine sehr positive. Ich finde es bewundernswert und erstaunlich, wie viele Menschen sich gedacht haben: „Da muss man doch was tun“ - und auch gehandelt haben. Und zwar auf allen Ebenen, in Nickelsdorf am Hauptbahnhof, in Traiskirchen bei der Quartiersuche. Wir erinnern uns ja alle noch an die Situation, dass so viele draußen geschlafen haben, weil es keine Betten, keine Quartiere gab – all das hat sich erledigt, weil viele Leute und auch viele Gemeinden Quartiere zur Verfügung gestellt haben und ihre Verantwortung wahr genommen haben. Was heute aber noch mehr spürbar ist, sind die vielen Beziehungen, die sich in diesem Jahr aufgebaut haben. Menschen geben Deutschkurse, spielen mit Kindern, kümmern sich um Behördengänge und knüpfen einfach Beziehungen zu anderen Menschen. Ich sehe unglaublich viel Positives.

Haben die Flüchtlinge der österreichischen Gesellschaft gut getan?

Ja, ich glaube schon in vielen Bereichen. Ich finde man merkt auch in vielen Gemeinden, in denen es Flüchtlinge gibt und damit auch direkten Kontakt, dass die Beziehungen besser werden und dort wo es keinen Kontakt gibt zwar mehr Ängste da sind, sich die aber nach und nach in Luft auflösen. Trotzdem ist klar, dass diese Herausforderungen natürlich viele Probleme mit sich bringen.

Bei der Integration?

Naja, man hat es hier eben mit Menschen zu tun, die traumatisiert aus ganz verschiedenen Situationen hier ankommen und die möglichst schnell ihr Leben selbst meistern sollen – und ja auch wollen. Aber das ist nicht so einfach. Es gibt etwa sehr wenig Trauma-Therapie, um überhaupt zu lernen wie man mit der psychischen Belastung zu Rande kommt. Und es gibt natürlich viel nachzulernen, sowohl Sprache, aber auch die Konzepte im Kopf, die Leute mitbringen, und die hier nicht mehr passen. Hier muss man viel fordern und das geht nur mit Kommunikation – auf allen Ebenen. Trotzdem bleibe ich dabei: Es geht erstaunlich gut und vor allem da, wo Menschen tatsächlich mit Flüchtlingen zu tun haben.

Wie schätzen Sie den aktuellen Flüchtlingskurs der Regierung ein?

Ich finde es sehr schade, dass man auf all die positiven Dinge, die passieren eigentlich nicht stolz ist. Und es wenig kommuniziert. Denn im Prinzip stehen wir alle auf dem gleichen rechtlichen Boden – und das sind die Menschenrechte und die Genfer Flüchtlingskonvention. Auf diesem Boden steht natürlich auch die Regierung und jede Gemeinde. Ich finde, dass die Rhetorik sich die Spaltung zum Ziel setzt und diese Spaltung sich schon bis hin zur politischen Mitte durchgesetzt hat. Und ich vermute das passiert aus einer Angst vor den Lauten. Es hat auch viel mit Social Media zu tun, denn jene, die auf eine Spaltung der Gesellschaft setzen, also im ideologischen Sinne finden, dass eben nicht alle Menschen gleich viel wert sind, grad auf Social Media sehr gut sind. Insgesamt gibt es aber nicht viele Leute, die hardcore fremdenfeindlich sind. Aber diese xenophobe Gruppe ist so laut auf Social Media, dass es den Eindruck erweckt, es gäbe einen fremdenfeindlichen Mainstream.

Das glauben Sie aber nicht?

Nein, definitiv nicht. Ich beschäftige mich ja schon sehr lange mit dem Thema und hab ehrlich den Eindruck, dass es echte Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nur in Nischen gibt. Was es gibt, sind Sorgen und Befürchtungen – auch, dass es einem selbst schlechter gehen könnte. Und wenn dann einige wenige immer Migration dafür verantwortlich machen, dann funktioniert das schon. Vor allem, wenn es von der anderen Seite keine Ansagen gibt. Und diese Ansagen aus der politischen Mitte fehlen mir schon sehr. Zu sagen: Was ist unsere Basis, auf der wir arbeiten, was bedeuten Menschenrechte für uns, wie gehen wir mit den Herausforderungen um, was sind die Vorteile davon? Dies alles fehlt mir.

Wie wird das Thema der Migration und Integration weitergehen?

Ich bin positiv, vor allem was die tatsächlichen Probleme betrifft, gerade nach dem letzten Jahr, weil ich hier wirklich ganz viele positive Beispiele sah und nicht viele negative. Die gab es zwar auch, aber nicht so viele. Aber was die Stimmung betrifft, bin ich pessimistisch, weil ich die lauten Stimmen vermisse, die Solidarität und Menschenrechte wirklich propagieren.

Das Thema Frauenrechte war und ist Ihnen wichtig. Wie sehen Sie Feminismus bezogen auf muslimische Frauen?

Das Thema wird sehr hochgekocht und auf eine wenig produktive Art. Ich beschäftige mich ja schon sehr lange damit und mir fällt auf, dass Musliminnen oder Araberinnen oder eben andere, die sich für ihre eigenen rechte einsetzen und dafür kämpfen, ganz wenig als Gesprächspartnerinnen wahrgenommen und wenig unterstützt. Es sind dann immer eher die konservativen Frauen, die man hier sieht. Die anderen müssen fast so was wie Anbiederung mitbringen, um gehört zu werden.

Gibt es denn so viele liberale Musliminnen?

Doch die gibt es, aber sie werden wirklich wenig gesehen, denn diese Frauen haben auch in ihrer eigenen Community große Probleme und die haben eben auch oft das Gefühl, dass sie zu wenig Unterstützung bekommen, aber dafür ganz schnell instrumentalisiert werden gegen ihre eigenen Gruppe.

Wie könnte man Frauenrechte für muslimische Frauen stärker thematisieren?

In dem man feministische muslimische Vereine stärkt, auch im Sinne von Förderungen, öffentlichen Auftritten, Podiumsdiskussionen – auch durchaus von politischer Seite.

Muslimische Frauen, und vor allem Migrantinnen, haben natürlich noch sehr wenig Rolemodels, also andere Frauen, von denen sie sich angesprochen fühlen.

Ja, da könnte viel mehr passieren. Es gab ja so eine Welle, wo gefordert wurde, dass jeder Flüchtling Gleichberechtigung anerkennen muss, weil das eben ein Grundsatz unserer Gesellschaft ist – und das ist natürlich total richtig. Aber man müsste sich halt auch überlegen, wie man das wirklich umsetzen kann. Und zwar eben nicht aus rassistischen, sondern aus feministischen Gründen.

Corinna Milborn im 30 Frauen-Wordrap

Was haben Sie von einer Frau in Ihrem Leben gelernt?

Nicht den Mund zu halten. Das hab ich von mehreren Frauen gelernt.

Was kotzt Sie im momentan an?

Die Wahlwiederholung. Auch wenn das für uns die Möglichkeit bedeutet, gute Politiksendungen mit hoher Aufmerksamkeit zu machen und viel Politik zu kommunizieren.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Gleiche Rechte und Chancen für Männer und Frauen . So simpel.

Welche Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Ob sie es sich leisten können, Familie zu haben.

Warum würden Sie mit Ihrer Großmutter nicht tauschen wollen?

Weil meine beiden Großmütter als deutschsprachige Flüchtlinge ihr Leben von Grund auf neu aufbauen mussten und das zwar sehr erfolgreich, aber auch mit vielen Entbehrungen und Härte erlebt haben. Es waren beides Flüchtlingsfrauen nach dem zweiten Weltkrieg und hatten immens große Herausforderungen zu bewältigen.

Welches Ereignis hat Sie in diesem Jahr besonders bewegt?

Die Terroranschläge und die Wahlen. Wir stehen derzeit an einem Punkt der Geschichte, wo sich gerade entscheidet, wie wir uns als Gesellschaft entwickeln – die Terroranschläge und auch die Wahlergebnisse dokumentieren das und das bewegt und berührt mich sehr.

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