Conchita: Über Männlichkeitskrisen und den Abschied von der "Wurst"

Als Conchita Wurst 2014 den Song Contest gewann, war sie eine bärtige Frau. Jetzt ist Conchita plötzlich lieber ein Mann, und das verwirrt – auch ihn selbst. Ein ehr­liches Gespräch.

"Ma, host du a geile Hosn. Würd i sofort tauschen!“ Mit diesem Satz lerne ich Tom Neuwirth aka Conchita ­kennen. Als ich den Satz höre, betrete ich gerade die Suite 177 des Hotels Bristol an der ­Ringstraße und bringe Spritzer – Roomservice, quasi. Nach einem Tag voller Interviews mache ich also das letzte, und mein erster Gedanke ist: Ich brauche mehr schwule Freunde, die ­machen die besten Komplimente. Der Spritzer ist eingeschenkt – Prost! Conchita sieht ziemlich anders aus als noch bei ihrem Song Contest-Sieg 2014. Aus einer zarten, fast androgynen Person ist ein muskulöser Mann geworden, das Make-up simpel, die Haare nicht mehr so glossy; keine High Heels, sondern Doc Martens, alles sehr un-Conchita-mäßig. Nur der Bart ist noch so, wie man ihn kennt. Also reden wir doch mal über das Mannsein, das der einst femininen Conchita plötzlich so sehr gefällt. Wir landen beim Thema Ehe, dazwischen streifen wir die Oberflächlichkeit in der Schwulen-Community. Aber alles der Reihe nach. Und aufs Spritzertrinken nicht vergessen …
 

Conchita Interview WIENERIN November 2018

WIENERIN: Tom, was an der ­Männerrolle findest du denn so cool, dass du gleich deine ganze Kunstfigur ­Conchita durcheinanderbringst? 

Tom/Conchita: Also ich muss die ganze Story erzählen, so kann ich die Frage nicht beantworten. Ich bin aufgewachsen als Kind, dem gesagt ­wurde: „Geh nicht wie ein Mädchen, red nicht wie ein Mädchen, du bist zu weiblich …“ Dann stellt man sich die Frage: Bin ich als Mann denn Mann genug für diese Gesellschaft? Und so habe ich eben meine weibliche Seite sehr intensiv und erfolgreich ausgelebt. Die Folge war, dass ich nach dem ESC-Sieg viel auf Flughäfen war und überall Catering­essen bekommen habe und plötzlich an meinem Bauch etwas entdeckte, das ich nicht wollte. Also habe ich begonnen, zu trainieren, aus Eitelkeit. Damit begann sich mein Körper zu entwickeln, und plötzlich sah ich im Spiegel einen Mann. Ich erkannte, dass mir mein Geschlecht viel wichtiger ist, als ich gedacht hatte. Dabei habe ich selbst jahrelang gesagt, das Geschlecht sei doch total irrelevant. 

Aber was machst du aus deiner Conchita? Die „Wurst“ ist ja schon weg, und du hast gesagt, auch Conchita wirst du mal Adieu sagen. Fühlt sich diese Vorstellung nicht traurig an?

Ich weiß, dass ganz viele Menschen mit Conchita etwas verbinden, das sie inspiriert hat. Kann ich ihnen das wegnehmen? Oder ist es nur ein Name? Ich habe auf diese Fragen noch keine Antwort, aber ich weiß, dass ich mein nächstes Album als Conchita heraus­bringe.

Noch ein Männerthema: Heteros kämpfen ja schon länger mit einer Männlichkeitskrise – gibt es in der Schwulen-Community auch so ein Gerangel um „echte“ Männer?

Definitiv. Wir schreien in der Community nach Gleichberechtigung, und dann gibt es Dating-Plattformen, wo steht, was du alles nicht sein darfst; von Rassis­mus bis Bodyshaming – absurd. Aber ich bin Teil dieser Community und davon beeinflusst und denke mir: Wenn ich denen nicht männlich genug bin, gehe ich trainieren. Denn das war es in Wahrheit, was alles ins Rollen gebracht hat. 

Geht es jetzt in der Community härter zu? 

Es ist vor allem ein Beweis, dass Sexualität und Charakter nichts miteinander zu tun haben – denn wenn „schwul = respektvoll“ wahr wäre, dann hätten wir das alles so nicht. 

Wie definierst du Toleranz?

Dass etwas auszuhalten ist. Wenn Leute gegen die gleichgeschlecht­liche Ehe demonstrieren, denke ich mir: Berührt das tatsächlich euer Leben? Das ist doch auszuhalten, dass du das nicht cool findest, und ich gern einen Mann heiraten mag. 

Wir schreien nach Gleichberechtigung, und dann sagen Dating-Plattformen, was du alles nicht sein darfst.

Conchita

Ab 1. Jänner 2019 könntest du – magst du heiraten?

(Lacht schallend und trinkt ­einen Schluck – die Diva ist zurück.) Du, ich sag’s dir, wie es ist: Wenn ich die Chance auf eine Party habe, dann sag ich das Sprücherl auf und feiere. 

Wieder im Ernst: Bist du Feminist? Und wie definierst du das? 

Ja, bin ich. Ich war in vielen Situationen, in denen ich erkennen musste, dass ich am Ende immer noch ein weißer Mann bin. Und dass Frauen, die genau den gleichen Job machten wie ich, dafür gerügt und ich gelobt wurde. Ich will Gleichberechtigung, weil wir alle gleich viel wert sind. 

Du gehst auf Tour, wirst auch Songs performen, die gemeinsam mit den Wiener Symphonikern aufgenommen wurden. Die klingen sehr voll, sehr nach Conchita. Aber warum bitte musste da Sound of Music drauf sein?

Weil dieses Lied so absurd großartig ist, wenn ich das singe. Ich hab’s unlängst erst in Graz beim Aufsteirern gesungen, habe mich hingestellt und es im Falsett gesungen. Es ist so eine Herausforderung, und deshalb liebe ich dieses Lied.

CONCHITA ON TOUR. Unter dem Motto „So weit, so gut“ ist Conchita bis Mitte Dezember auf Tour, mit Songs von 2014 bis 2018: 2. 12. Graz (Orpheum), 3. 12. Linz (Posthof), 4. 12. Salzburg (Szene), 5. 12. Innsbruck (Treibhaus), 8. 12. Wien (Birthday Special, Halle E im Museumsquartier). conchitawurst.com/events

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